1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 Die Herkunft von Kasimir lag im Dunkeln. Eines nachts war er Lothar, dem Kellner, auf der Straße gefolgt, hatte sich vor seiner Haustür niedergesetzt und ihn unentwegt mit seinen großen, gelben Augen ausdrucksvoll angeschaut, ohne einen Laut von sich zu geben. Lothar, müde vom Tag und ohne Widerstandskraft, hatte dem Flehen, diesem sprechenden Katergesicht nicht standgehalten und ihn in seine Wohnung genommen. Damals war Kasimir schon so wohlgenährt wie heute. (Lothar hatte sich erst ohne und dann mit Kasimir auf der Waage in seinem Bad gewogen. Der Kater wog 16 Pfund. 15 Pfund davon waren sicher auf seine enorme Größe zurückzuführen und eines auf seinen Wanst und seine Polsterung hier und da.) Und weil Kater Kasimir ein unglaublicher Menschenfreund war, also nie etwas böses erfahren hatte, konnte man sich nicht denken, weshalb er seine vorige Anhängerschaft verlassen hatte. Von Herrschaft mochte man nicht reden bei Leuten, die vorher Kasimirs Unterkunft gestellt und sich für seine Nahrung verantwortlich gefühlt hatten. Denn immer war es Kasimir, der herrschte. Als Lothar am nächsten Tag zu seinem Dienst ging, folgte ihm Kasimir, ohne Widerspruch zur Kenntnis zu nehmen. Er lief in einigem Abstand hinter ihm zur Straßenbahn, sprang hinein, als er sah, dass Lothar einstieg, trottete ihm zum Club der Kulturschaffenden nach. Bisweilen mochte er den Club nicht verlassen, wenn Lothar ging, setzte sich mit Krallen und Zähnen einer Mitnahme zur Wehr, ohne Lothar ernsthaft zu verletzen. Kasimir, der Hühnerknochen durchbeißen konnte, gab nur milde Proben seiner Möglichkeiten, die aber Lothar als Willensbekundung des Katers genügten. Inzwischen beugte sich Lothar Kasimirs Launen. Wollte der Kater über Nacht alleiniger Herrscher im CdK sein, sollte er es. Reinlich war er. Lagen morgens Bücher auf dem Boden der Bibliothek, konnte keiner beweisen, dass sich etwa Kasimir ein Regal als Schlafplatz erkoren hatte und zu Werke gegangen war wie bei der Entthronung des Augsburgers. Im Normalfall aber brachten die nächtlichen Gespenster im CdK nichts durcheinander.
Lothar trug flinkbeinig ein Tablett mit Sektgläsern herbei. Gleich käme Essen. Offenbar für Kasimir ein Zeichen, seine Konsole zu verlassen. Er sprang hinunter und seinem Lieblingsmenschen entgegen. Ein anderer wäre gestolpert, gefallen. Nicht so Lothar. Der hüpfte über den hundegroßen Kater hinweg, balancierte das Tablett aus, als sei das eine einstudierte Nummer, akrobatische Künste, die Kasimir ihm abverlangte. In Lothar hatte der Kater sich den richtigen Herrn erwählt, denn der war Zögling der Staatlichen Artistenschule im nemezischen Berlin und nach seiner aktiven Zeit dort Lehrer gewesen. Warum er weggegangen war, darüber sprach er nicht. Vielleicht war er missliebig geworden.
Dreizehn Gläser, exakt, sagte Lothar, servierte, sich elegant an seinen Gästen vorbeiwindend.
Zwölf!, widersprach Ottilie. Sie zählte die Runde ab. Zwölf! wiederholte sie. Lothar schüttelte den Kopf. Ottilie zählte noch einmal, kam wieder auf die gleiche Zahl.
Ottilie!, sagte Gunter Scherzer, lachte laut schallend, wobei er die herrlichen Zähne seines vorgewölbten Gebisses entblößte, bis ihm Wasser in die Augen trat. Du ...! Erschöpft rang er nach Atem. Du zählst dich selbst nicht mit!
Ottilie zählte noch einmal. O Gott, sagte sie, schlug ihre Hände vors Gesicht. Ihre lilafarbenen Augen weiteten sich, füllten sich mit Tränen. Ich, ich ... also, immer hab ich ... , also ich wollte doch!, stotterte sie.
Iris Sawatzky lächelte süffisant. Liebe Ottilie, das kommt dabei raus, wenn man zu selbstlos ist!, sagte sie mit ihrem schönen Bassbariton. In Zukunft solltest du dich selbst ein klein wenig wichtiger nehmen!
Ich bin ja bloß Kandidatin, piepste Walja, die einen Schrecken bekam, sobald in ihrer Gegenwart jemandem ein kleines Unglück widerfuhr. Auch war ihr die Zahl 13 nicht geheuer. Sie wies auf ihre schriftstellerische Nichtvolljährigkeit hin. Da sie noch nicht genügend veröffentlicht hatte, befand sie sich beim nemezischen Schriftstellerverband erst im Stande einer Kandidatin.
Peter Heil schaltete sich ein. Seine durchsichtigen weit auseinanderstehenden Augen umspielte ein kleines Lächeln. Sehen wir es mal so, Ottilie, schlug er vor. Ich b ... Seine Lippen zitterten. Er begann erneut und nun fehlerfrei den Satz. Ich bin das Geburtstagskind ... Sein Unterkiefer bebte, er machte eine winzige Pause. Und ihr seid meine Gäste. Rabbi Joshua und seine zwölf Jünger! Du hättest es nicht besser arrangieren können. Nun arbeitete seine Zunge mühelos. Seine Augen blitzten voller Schalk. Er öffnete den Mund. Sein Leib wurde von einem lautlosen Lachen erschüttert.
Den Vorschlag nahm man in der Runde mit einem Glucksen und Grienen an. Nur Berta Watersloh, die Alterspräsidentin, fand sich wahrscheinlich etwas albern in der Nachfolge des viel jüngeren Theatermannes und machte gar kein Gesicht, sah also aus, als dächte sie nach, ob morgen schönes Wetter zu erwarten sei und sie ihre Wäsche auf dem Adlershofer Balkon aufhängen könne. So ward Ottilie über ein ihr zunächst unverzeihliches Missgeschick hinweggetröstet. Mit feuchten Augen blickte sie in die Runde, lächelte dann ganz liebreizend, was besonders das Herz des heiteren Gunter rührte. Und selbst Sebastian Schulz, nahezu kahlköpfig, aber noch jung und mitunter zur Bissigkeit neigend, bedachte sie mit einem freundlich-jungenhaften Grinsen. Er, der Jüngste nach Walja, der Kleinste nach Federico Grosse, nahm denn als Erster entschlossen sein Sektglas in die Hand, stand auf, worauf die anderen sich ebenfalls erhoben. (Außer Federico Grosse, der im Sitzen eine bessere Figur abgab.) Sebastian sagte laut und ohne seine Stimme im Geringsten anzustrengen: Auf die nächsten 65, Peter! Munter zwinkerten seine braunen Augen.
Da sei Gott vor!, antwortete Peter Heil. Soviel sein Mund auch bebte, zuckte, er brachte doch einwandfrei das nächste Wort heraus: Bitte nicht! Etwas weniger würden mir auch genügen!, bemerkte er dann bescheiden.
Sagen wir gleich 35!, ließ sich Iris Sawatzky vernehmen.
Und Gesundheit natürlich, Peter!, sagte Berta Watersloh einfach.
Schaffenskraft, piepste Walja.
Und Manneskraft!, schmetterte Gunter Scherzer. Worauf Peter Heil belustigt seine Augen aufriss, seine Augenbrauen zuckten.
Und Willenskraft, dem täglichen Schlamassel zu entkommen, setzte Federico Grosse aus seiner sitzenden Position hinzu.
Und Einfälle, die keine Reinfälle werden, gab der dünne Dichter Dieter Kerschbaumer mit hauchzarter Stimme einen für ihn untypischen Kalauer zum Besten.
Das brachte den bittersinnigen Dramatiker Karge auf die Idee, dem Theaterintendanten mindestens 20 Vorhänge pro Abend zu wünschen.
Gottes Segen!, sagte der Paule Berlin, der dem Jubilar ein Hintertürchen für alle Fälle offen halten wollte.
Oja, oja, man ... kann nie wissen!, antwortete Peter Heil. Seine Lidschläge wurden häufiger: Er war gerührt.
Der eloquente Axel Harder kratzte mit zwei Fingern nervös am Haaransatz, wodurch sein dunkles Haar über der Stirn noch mehr aufstand und einem zerrupften, dunklen Hahnenschwanz ähnelte. Durch die plötzliche Wunschaufreihung nun auch er gefordert. Allerhand war schon gesagt worden. Und dann lächelte der Adlergesichtige sein ganz berückendes Lächeln, wobei er Augenbrauen und Lippen hob und seine Zahnlücke Walja wieder zum Nachdenken reizte, und sagte: Mögest du dich täuschen, wo es angebracht ist, und nicht täuschen, wo es von Übel wäre. Denn ohne Täuschung lässt es sich nicht leben. Du als Theatermensch weißt es besser als andere: Das ganze Leben ist eine Täuschung, ein Hokuspokus. Aber manchmal kann Täuschung auch fatale Folgen haben. So subversiv sprach Axel Harder.
Allerdings, sagte der kluge Peter Heil und tupfte sich die inneren Augenwinkel.
Also die vermeide!
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