Heute alles auf meine Rechnung! Auch die Getränke!, sagte der Jubilar Peter Heil, dem bei Waljas Bestellung offenbar einfiel, sie könne sich bei der Wahl ihres Gerichts vom Preis leiten lassen. (In Nemezien waren die Preise für den täglichen Grundbedarf subventioniert und geradezu unverschämt niedrig, sodass wir Nemezen heute träumerisch davon reden, wie man möglicherweise in Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg von Kaiserszeiten mit glänzenden Augen berichtete. Zwanzig Pfennige zahlte man für die Benutzung der Straßenbahn. In Halle/Saale gar fünfzehn!) Wie recht der aufmerksame Peter Heil mit seiner Vermutung gehabt hatte, was Walja betraf. Mit einem Mal verwirrte sie sich in ihrer Bestellung. Lothars Lächeln nahm zu, wodurch sich der Eindruck erhärtete, er sei ein Nachfahre Dschingis Khans. Vielleicht doch Filet Stroganoff?, sagte sie. Oder, oder doch Wiener Schnitzel? Sie sah Hilfe suchend auf Sebastian. Der zuckte mit den Schultern. Na ja, sagte Sie, wandte ihren Blick wieder auf Lothar, Filet Stroganoff. Nein, Wiener Schnitzel. Wiener Schnitzel. Ja, ja. Wiener Schnitzel, sagte sie nun, redete sich in Entschlossenheit hinein. Lothar nickte begütigend, wodurch er Waljas Zweifel in Bezug auf Essenwahl zerstreute.
Die Gespräche untereinander rissen selten ab. Die einen wie Paule Berlin oder der Intendant Heil sprachen fast nie über Persönliches. Andere erzählten munter von letzten Urlaubsreisen oder auch von Kindern, Enkeln. Walja, das Küken, begnügte sich, den anderen zu lauschen, gab aber getreulich Auskunft über alles, was man sie fragte. (Wem gegenüber sie ebenso bereitwillig über alles Geschehen berichtete wie den am Tisch Sitzenden, erfuhr man, als es den CdK, den Club der Kulturschaffenden, längst nicht mehr gab.)
Vorlieben füreinander gab es in der Runde wie überall. Der dem Genre des Heiteren verpflichtete Gunter Scherzer und Karlheinz Karge, der vom Leben gebeutelte Theatermann, hatten immer miteinander zu reden. Scherzer sowieso aufgeschlossen für jeden, hätte wahrscheinlich gern Walja und Sebastian Schulz befragt. Doch die saßen zu entfernt. Mit heiligem Respekt betrachtete er Irminhild, deren Düsternis ihm, dem Sonnyboy, besonders mysteriös erschien. Näheren Kontakt zu Iris Sawatzky vermied er. Den Reden der Verfasserin historischer Romane hatte er nicht das Geringste entgegenzusetzen. Schon ihre tiefe, kräftige Stimme, die bei der kleinen, schlanken Person erstaunte, verschaffte Iris Sawatzkys Worten Geltung. Üppig ihre natürliche, bis zur Taille wallende rote Lockenmähne, wasserblaue Augen, wie man dies bei Rothaarigen oft findet. Die Sawatzky ganz und gar Profil. Sah man sie von vorn, sah man sie immer auch von der Seite: die großen Augen, die lang gebogene Nase, die breiten, blassen Lippen, das eher kleine Kinn. Sie verfügte nicht nur über einen mächtigen, schnell funktionierenden Verstand, sondern als ehemalige Literaturwissenschaftlerin auch über das einen Menschen wie Gunter Scherzer, der ganz aus dem Bauch heraus schrieb, einschüchternde wissenschaftliche Vokabular. Tat sie ihre Meinung kund, verstummten alle Übrigen. Selbst Walja, die sonst sich ja von nichts schrecken ließ, wich vor Iris Sawatzky zurück. Die Sawatzky fühlte sich offenbar zu Irminhild, der Düsteren, hingezogen, obwohl sie sonst nach Art mancher besonders attraktiver Frauen aus einem Konkurrenzgefühl heraus andere schöne Frauen nicht beachtete. So übersah sie konsequent Ottilie Ehrlicher, mochte sie mit ihren Ohrgehängen und ihren Augen auch noch so klimpern. Worunter die im Übrigen gar nicht litt. Zu selbstbewusst, vielleicht auch zu selbstverliebt war sie, um die Ignoranz der Sawatzky zu bemerken. Und falls sie es bemerkte, tat sie es, großzügig, wie sie war, als ganz unerheblich ab. So leicht ließ sich Ottilie nicht kränken. Ihr galt nur eine: Irminhild. Ihr suchte sie zu gefallen. Literarisch kümmerte sich Ottilie vorwiegend um den Alltag, gerade so, wie sie ihn selbst vorfand als Frau und Mutter und Geliebte, schrieb auch hin und wieder fantastische Geschichten und sah sich da in der Nachfolge von Irminhild. Gern hätte sie auch Irminhild von sich zu lesen gegeben. (Ottilie neigte dazu, Meinungen über ihre Manuskripte einzuholen, die sie, obwohl noch nicht gedruckt, Bücher nannte in bester Überzeugung, der Verlag risse sie ihr aus den Händen, was auch geschah. Ottilie Ehrlicher versammelte, ganz anders als Irminhild, in nemezischen Gefilden eine glühende Anhängerschaft um sich.) Doch Irminhild hatte ihr bedeutet, sie müsse sich entscheiden, entweder selbst zu schreiben oder anderes zu lesen. Da war Ottilie, dann doch ganz selbstlos, sehr dafür, dass Irminhild an der immerwährenden Vollendung ihres Werkes arbeitete. Axel Harder indes, der Adlergesichtige, war weniger von Irminhild als von der Sawatzky eingenommen. Sonst ein Wortführer und immer in einer Unterhaltung beschäftigt, ließ er sich nie auf ein Duell mit ihr ein, lauschte ihr, nickte beifällig und sah dann plötzlich aus wie ein Junge, der Erwachsenen zuhört. Dass sie ihm als Frau gefiel, daran bestand kein Zweifel. Möglicherweise hatte sie ihn einmal erhört, aber höchstens kurzzeitig. Denn beide lebten in fest gefügten Ehebanden. Peter Heil, der heutige Jubilar, dagegen nahm zwar mit aufmerksamer Miene zur Kenntnis, was Iris Sawatzky zu sagen hatte, um dann, nicht immer flüssig wegen seiner sprachlichen Behinderung, seine Einwände geltend zu machen, auf ihnen zu bestehen, falls die Beweisführung der Gegenpartei ihm nicht zwingend erschien. Gern nahm dann Sebastian Schulz das Wort, der sich in dieser Runde ebenfalls leicht Gehör zu verschaffen wusste. Mit einer Stimmgewalt, die man bei dem kleinen Mann nicht vermutet hätte. Da er sich als Alleinunterhalter finanzierte, Sketche vortrug, kam ihm sein Organ sehr zustatten. Der samtäugige Federico Grosse hörte sanft lächelnd zu und erwiderte bedachtsam und profund, ein Kenner der romanischen Literatur, wie es unter den Literaten nur wenige gab, seine Sprache neigte geringfügig dem Sächsischen zu, was ihm noch mehr Charme gab. Auch er erfreute durch ein wohllautendes Sprachorgan, nuschelte aber mitunter. Da Iris Sawatzky sowohl der Person von Federico Grosse wie auch seiner Literatur überaus gewogen war und ihn als einen herausragenden Vertreter nemezischer Romanautoren schätzte, gleich nach Christa T., Hermann K. und Irminhild, während die nemezischen Leser von Grosse leider vergleichsweise wenig Notiz nahmen, überdachte sie seine Einwände ein wenig länger als die von Heil oder Harder, den Theoretikern in der Runde, oder die des jungen Schulz. Wie Iris Sawatzky ihre eigene Produktion einschätzte, ist mir nicht bekannt. Immerhin hatte sie eine große Leserschaft, was bei gängiger Schreibweise fast jeder Autor in diesem als Leseland berühmten Nemezien von sich sagen konnte. Möglicherweise behandelte sie ihr Schreiben als den Zeitvertreib einer Literaturwissenschaftlerin, die unter diesen jämmerlichen Voraussetzungen (in der SRR Nemezien) sich lieber ins Reich der Fantasie begab. Wäre ihr historisches Interesse nicht so groß und der Markt hierfür günstig gewesen, hätte sie sich mit grimmiger Freude genauso gut an die Weiterführung der Tradition von Courths-Mahler machen können. Paule Berlin beteiligte sich an den Gesprächen mit einem gelegentlichen Einwurf. Sollten sich die Jüngeren tummeln! Wo er es für angebracht hielt, fragte er in kleinen, privaten Gesprächen nach persönlichen Kümmernissen. Ihm war ja nichts lieber, als für jemanden die Maschinerie in Gang zu setzen, über die er verfügte. Zwischen ihm und Federico Grosse entspannen sich des Öfteren Unterhaltungen über Bücher, die in Frankreich gerade von sich reden machten. Dann wurde natürlich Axel Harder von Sinn und Wahn aufmerksam, Literatur war schließlich sein Geschäft wie seine Leidenschaft. Der Adlergesichtige hob seine dichten Brauen, riss seine kleinen Augen auf und fragte Paule oder Federico: Ach ja, bist du wirklich der Meinung? Er folgte den Ausführungen, wobei er die Finger seiner rechten Hand gegen seine rechte Gesichtshälfte presste, das Fleisch darin verformte und den Mund öffnete. Ich hätte eher gedacht ...!, sagte er dann, breitete nun aus, wie er zu diesem oder jenem literarischen Ereignis in Frankreich stand, wobei er seine Augenbrauen hob und senkte, ein Lächeln seinen Mund umzuckte, und er mit großer, männlicher Eleganz seine Hände bewegte. Obwohl ein Gewächs hiesiger Breiten, hatte er etwas von der Leichtigkeit und Galanterie, die man den Franzosen nachsagt. Am Ende seiner Ausführungen zuckten seine Augenbrauen noch einmal, er schaute mit kleinen aufgerissenen Augen jungenhaft staunend, ein kleiner Trick, und sagte dann mit einem ganz berückenden Lächeln, das seine obere nicht ganz vollständige Zahnreihe sichtbar machte: Ich kann mich natürlich auch irren. Den Entgegnungen folgte er wieder mit einem aufmerksamen: Ah ja, ah ja! Für Argumente war er immer zu haben.
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