Mit Karge innig befreundet war Gunter Scherzer. Auch er ein häufiger Stammtischbesucher. Scherzer besaß eine durch nichts zu erschütternde sonnige Gemütslage. Diese, kombiniert mit Fleiß bei einer Leichtigkeit des Schreibens und Einfällen im Überfluss, bescherten ihm eine Villa am See mit zwanzig Zimmern oder knapp darunter. Ich weiß nicht, was er mir erzählte. Er gab das Geld mit beiden Händen aus, und es wuchs ihm im gleichen Maß nach. Sein Reichtum, so schwärmten die Damen, sagenhaft.
Scherzer begann sein Tagwerk früh um vier und beendete es mittags. Wenn dieses oder jenes Stück oder ein Fernsehspiel von ihm verboten wurde, so litt er wie jeder Autor, hatte aber noch Dutzende Weitere, die gespielt wurden. Übrigens nicht nur in Nemezien, auch in Deutschland, was ihn in den Besitz von Devisen brachte und zudem Ansehen bescherte. Denn nichts galt den Nemezen mehr als ein Kulturschaffender, der eine Bühne, einen Verlag in der Bundesrepublik Deutschland gefunden hatte. Sicher wurden Scherzers Stücke auch in der UdSSR, in Bulgarien oder Ungarn gespielt. Scherzer hatte eine intensive Neigung zur Arbeit und nicht minder intensive zu Frauen. Es gäbe keine, die ihm widerstanden hätte, hieß es. Und gab es doch eine, so bewahrte er Stillschweigen darüber, um seinen Ruf als Schürzenjäger nicht aufs Spiel zu setzen. (So wurde lange angenommen, wir hätten ein Verhältnis. Ich hatte mich hofieren lassen, war aber bis über beide Ohren in einen anderen verschossen.) Liebenswürdig verwies er auf einen Kollegen, einen überaus begabten Filmautor der Nefa in Babelsberg, der noch mehr Erfolge als Frauenheld aufzuweisen habe, von dem dies aber kaum einer wisse, denn der gehe seiner Leidenschaft in aller Stille nach. Im Übrigen war Gunter Scherzer seiner Frau, einem schönen Geschöpf, freundlich und klug, zutiefst zugetan, führte ihren Namen oft im Munde. Ellie hat dieses gesagt, Ellie hat jenes getan ... ! Seine beiden Söhne, der eine bald nach der Heirat geboren, der andere ein Nachkömmling, betete er an. Sie sind das Beste, was ich je gemacht habe, sagte er bescheiden. Scherzer setzte weder den Wert von sich selbst noch den seiner Werke, noch seinen Erfolg besonders hoch an, begeisterte sich hingegen an der Literatur anderer, meist Jüngerer, sprach enthusiastisch von dieser, die so viel besser sei als das, was er schrieb, setzte sich mit Vehemenz für ein Talent ein, das er entdeckt hatte. Dem Romane und Erzählungen verfassenden Verbandsvorsitzenden, der nach der großen alten Dame ans Ruder kam, war er in inniger Freundschaft verbunden: Hörmann, Hörmann!, sagte er schwärmerisch, wenn er Hermann meinte, der heute, soviel ich weiß, verlassen von Welt, Geld, Weib und Kind in nordischer Einöde haust. Allergrößte Bewunderung hegte er noch für einen anderen Stückeschreiber, der auf die Antike gekommen war, nachdem sich die Gegenwart als ein so schwieriges Geschäft erwiesen hatte. Über den wohl größten, wenn auch schwer erschließbaren Dramatiker deutscher Zunge, Reinhard Mühe, der noch heute in aller Munde ist, sagte er allerdings nichts. Sie lebten in zu verschiedenen Welten. Ansonsten besaß Scherzer, ich sagte es schon, die ausgezeichnete Gabe, sich immer zu freuen, begeistern zu können und sich von Misslichem nicht dauerhaft die Laune verderben zu lassen. Auf seinen breiten Lippen stets ein Lächeln. Seine braunen Augen blickten treu und tief ins Herz. Vielleicht waren es nicht nur sein Name und sein Geld, was die Frauen hinsinken ließ, sondern dieser tief treue Hundeblick und seine eben durch nichts zu bezwingende sonnige Gemütslage.
Berta Watersloh ließ sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters des Öfteren im Club sehen. Sie eine der drei mir bekannten Autoren, die noch dem Bund Proletarischer Schriftsteller angehört hatten. (Die letzte Überlebende, 98 Jahre alt, 110 möge sie werden!, besitzt auch heute noch ein kleines Auto, was sie hin und wieder fährt. So sagte sie mir jedenfalls. Hauptsächlich sei das Auto aber für ihren im Ausland lebenden Sohn da. Eine Urberlinerin mit ungeheurer Energie und Wachheit. Die zierliche schöne alte Dame zu erleben, ist immer wieder eine Freude. Als eine der letzten Zeitzeugen ist sie noch viel unterwegs und bewältigt erstaunliche Programme. Einen leicht erregbaren aus dem Böhmischen stammenden Herrn, ebenfalls Mitglied des Bundes Proletarischer Schriftsteller, auffallend wegen seines weißen langen Haars und des weißen Kinnbärtchens, traf ich immer und immer wieder in gleicher Gemütslage und geistiger wie körperlicher Verfassung, weshalb ich glaubte, dieses dritte überlebende Mitglied des Bundes Proletarischer Schriftsteller werde wohl nicht ewig, aber so fort und fort leben. Zu meinem Erstaunen segnete der sich zum Proletariat hingezogene Sohn eines Hotelbesitzers jedoch schon im Alter von 94 Jahren das Zeitliche.) Berta Watersloh hatte mit den Blaukarierten in der Nefa Filmgeschichte geschrieben.
Des Weiteren gehörten zur Runde der kleinwüchsige Federico Grosse, die gerechtigkeits- und wahrheitsliebende Ottilie Ehrlicher, die scharfzüngige Iris Sawatzky, der eloquente Axel Harder, der Intendant Peter Heil, der vielversprechende Sebastian Schulz, Lyriker wie Satiriker, gerade eben eins sechzig groß, Randglatze, obwohl noch keine 30. Auch ihn hatte einst Paule Berlin eingeführt. Es erschien am Stammtisch des Öfteren, leicht euphorisch wie benebelt, der dünne, blonde Dichter Kerschbaumer, der sich eine Weile in einem der Sessel niederließ, mit überglänztem Gesicht lächelnd zuhörte oder so tat, und ab und zu seinen Flachmann ansetzte. Plötzlich stand er auf und verschwand wieder, wobei er höchstens zur Begrüßung zwei Worte wie: Grüß euch! genuschelt hatte und zum Abschied gar nichts mehr.
Kaum traf man auf mehr als sieben zur gleichen Zeit. Der eine kam, der andere ging. Wer sich an den Tisch setzen durfte, galt nicht gleich als zugehörig, konnte es aber durch häufigere Teilnahme an der Runde werden. Die Zugehörigkeit spielte im Übrigen keine Rolle außer für Ottilie Ehrlicher an einem Tag tiefen Nachdenkens. Manchmal sah man den Übersetzer von Der Meister und Margarita dort, der sich auf dem Weg von oder zu seinem Verlag für eine Stunde oder mehr im Club festsetzte. Oder den Kriminalautor Horst Ossietzky, nicht verwandt mit dem Carl von, sofort erkennbar durch sein dünnes weißes Pferdeschwänzchen, der neuerdings durch Berlin-Romane wie ne halbe Treppe tiefer von sich reden machte. Wegen seiner Rückenschmerzen holte er sich einen Stuhl heran. (An dem niedrigen langen Tisch reihten sich dem Raum entlang wie der Wand zu, Ledersofas ohne Seitenstützen, in denen man versank. Wollten diejenigen, die mit dem Rücken zum Raum hin saßen, am Geschehen in ihrem Rücken teilhaben, lümmelten sie einen Arm oder beide auf die Rückenlehnen. Eine kleine Drehung, kein Aufwand, und sie sahen in den Raum. In der Regel hatten sie keinen Anlass. Während der folgenden Begebenheiten aber des Öfteren. Ossietzky, der aus Gesundheitsgründen die Bequemlichkeit der Ledereinrichtung des CdK ablehnte, sah mit seinen überwachen Augen von fast stichig hellem Blau mal auf den, mal auf den, machte zwei drei Kalauer, die er selbst mit einem lauten Lachen quittierte, und empfahl sich bald. Selten ließ sich der im Volk vor allen anderen beliebte Dichter und Brechtschüler Bengt Auer sehen. (Eva Matterhorn wird bis auf den Tag ebenfalls und sicher noch mehr von allen Schichten unseres Volkes gelesen und verehrt, sitzt aber auf ihrem Bauerngehöft fest, da sie selbst leider nicht Auto fahren kann.) Bengt Auer hörte mit kleinen gütigen wie weisen Augen schweigend zu. Sein Gesicht gelbweiß, flach und glatt trotz seines Alters, was von der guten Unterfütterung herrührte, seine Haare weiß, sein herabhängender Oberlippenbart vom Tabak vergilbt. Mal warf er einen Brocken ein, der wegen seines besonderen Witzes und weil er sehr leise sprach, erst nach längerem Nachfragen verstanden wurde. Waren genug Willige um ihn versammelt, redete er auch am Stück, monoton, aber eindringlich mit angenehmer Stimme, aus der Weisheit seines Meisters, des Augsburgers, wie der eigenen schöpfend. Irgendwann klopfte er seine Pfeife aus, erhob sich mühevoll. Die tiefen Sitzmöbel ließen die Muskulatur erschlaffen. Zudem war ihm von Jugend an jede Bewegung lästig gewesen, sodass er sie auf ein Minimum reduziert hatte. Doch hatte Ossietzky, schmal, drahtig, ein Radfahrer, nicht mehr Mühe mit seinem Körper als Bengt Auer? Noch einmal lächelte er breit mit seinen Schlitzaugen in die Runde, was seinem Gesicht den Ausdruck eines asiatischen Weisen verlieh und mindestens auf die Frauen seine Wirkung nicht verfehlte. Er nickte und zog wieder von dannen.
Читать дальше