1 ...8 9 10 12 13 14 ...21 Kaum hatte er ausgeredet, rannte ich aus dem Wirtshaus hinaus auf die Straße. Über die Reena-Brücke, durch die Stadtmitte und hinüber in die Altstadt. Um Rauchwolken zu erkennen war es längst zu dunkel, aber auch Feuerschein sah ich keinen. Deshalb hoffte ich, dass alles glimpflich ausgegangen war.
Leider war diese Hoffnung vergebens. Es war der Feuerwache gelungen, die umstehenden Häuser zu schützen, aber mehr auch nicht. Die Vorderwand war in sich zusammengefallen, weshalb man im Licht der Sturmlaternen in die Zimmer hineinsehen konnte.
Da war nichts mehr zu machen. Meine persönlichen Gegenstände waren verkohlt, soweit ich sie sehen konnte, und natürlich triefte alles vor Wasser. Die Männer der Feuerwache waren mit Leitern dabei, Brandherde zu suchen, um sie rechtzeitig zu löschen. Vier von ihnen warteten an der großen Handpumpe, ob sie noch einmal benötigt wurden.
Zwei Dutzend Menschen standen herum, die übliche Menge, die sich bei jedem Unglück einfand.
„Ich wohne hier“, sagte ich zu einem der Männer der Feuerwache. „Ist die Vermieterin rechtzeitig herausgekommen?“
„Eine ältere Frau wurde ins Haus der Heilung gebracht“, antwortete er. „Aber sie schien nicht schwer verletzt zu sein.“
Ich nahm den Gürtel mit meinem Säbel ab, ohne den ich abends nie aus dem Haus ging, und drückte ihn dem überraschten Mann in die Hand. „Leihen Sie mir ihren Dolch“, bat ich ihn.
Er zog ihn heraus und reichte ihn mir. „Wozu das denn?“
„Nachsehen, ob noch etwas zu retten ist. Eine Sturmlaterne könnte ich auch gebrauchen.“
Ich überredete die Leute an der Leiter, mich hochklettern zu lassen in den ersten Stock. Von der Leiter aus tastete ich mich mit vorsichtigen Schritten bis zu der falschen Stützsäule. Dieses Versteck enthielt nicht nur die Silbertaler des Fürsten Borran, sondern auch einige private Gegenstände, an denen ich hing.
Da ich mit dem Rücken zur Straße stand, konnte niemand sehen, was ich tat. Das Versteck, ausgekleidet mit Metall, hatte den Brand überstanden. Ich nahm alles heraus und verstaute es in meinen Taschen. Dann machte ich mich auf den Rückweg nach unten, während von den Schaulustigen Beifall herauf klang. Man hatte also bemerkt, dass ich etwas retten konnte. Auf der Straße klopften mir sogar Fremde wohlwollend auf die Schultern, weshalb ich reflexhaft ein paar Bewegungen machte, um mein eben zurückerobertes Eigentum vor Taschendieben zu schützen. Aber es war wohl wirklich nur gutgemeint.
Wieder mit meinem Degen gegürtet verließ ich die Straße, um von den Gaffern wegzukommen. Als ich alleine war, blieb ich stehen und überlegte, wo ich mich hinwenden sollte.
Jemand näherte sich mir und ich erkannte an der dunklen Silhouette Serron, der mir vom Greiff aus gefolgt war.
„Alles in Ordnung?“, fragte er, als er mich erreichte.
„Es ist nichts Unersetzliches verlorengegangen“, sagte ich. „Ich überlege gerade, wo ich übernachten soll.“
Er nickte. „Jemand hat es auf dich abgesehen. Wenn du zu Jinna gehst, bringst du sie in Gefahr. Ich würde dich zu mir einladen, wenn ich nicht Besuch hätte.“
Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch. Serron war ein Einzelgänger, der nie über Familie oder Freundinnen gesprochen hatte. Ich nahm es kommentarlos zur Kenntnis.
„Eine Herberge am Marktplatz wird das Vernünftigste sein“, sagte ich. „Kostet zwar mehr als eine Absteige, aber sie haben eigene Aufpasser, die jeden abweisen, der dort nichts zu suchen hat.“
„Gute Idee“, lobte er.
„Morgen werde ich mir eine neue Bleibe suchen. Hoffentlich hat es sich nicht herumgesprochen, dass mir im Moment das Pech an den Fersen klebt.“
„Warum fragst du nicht Fürst Borran, ob er ein Zimmer für dich hat?“, schlug Serron vor. „Im Dienstbotenflügel der Residenz müsste es Platz genug geben.“
Der Vorschlag kam für mich unerwartet. „Erstens, warum sollte ich beim Fürsten unterkriechen? Und zweitens, soll ich wie ein Lakai in einer kleinen Kammer schlafen und darauf warten, dass er mich zu sich ruft?“
„Also zu erstens gilt das, was du eben gesagt hast. Jemand ist dir auf den Fersen, und es ist nicht das Pech, sondern ein Mensch, was viel lästiger ist. Zweitens, du erledigst doch sowieso immer wieder Aufträge für ihn. Also warum nicht gleich dort wohnen? Die Residenz wird gut bewacht, du gefährdest keine Nachbarn und Mitbewohner.“
„Ich werde es mir überlegen“, versprach ich. Dann trennten wir uns.
Ohne auf meine Schritte zu achten, ging ich weiter. Erst, als der leichte Wind mir den Duft des Handelshauses Oram in die Nase wehte, merkte ich, wohin mich mein Weg geführt hatte. Ich blieb stehen und sah mich um. Es waren noch einige Bürger unterwegs, die aus den Tavernen oder von einer Veranstaltung kamen. Und die üblichen Gestalten, die sich im Schatten hielten. Aber dies war ein besseres Wohnviertel. Hier war die Stadtwache gut ausgestattet, mit Personal wie auch mit Waffen. Immer wieder sah ich Patrouillen, jeweils bestehend aus zwei Männern. Einer von ihnen trug eine abgedunkelte Sturmlaterne, um schnell Licht zu haben, falls es erforderlich war. Der zweite hatte nicht nur ein Kurzschwert am Gürtel, sondern auch eine Hellebarde in der Hand. Eine Waffe, mit der man wunderbar Raufbolde auf Distanz halten konnte. Hier achtete die Obrigkeit darauf, dass den ehrenwerten Bürgern nichts geschah.
Trotzdem war es nicht Recht von mir, zu Jinna zu gehen. Wenn es jemand ernsthaft auf mein Leben abgesehen hatte, würde er sich von der Stadtwache nicht beeindrucken lassen. Und auch nicht von den Sicherheitsvorkehrungen in einem Handelshaus.
Der Brand hatte mich doch mehr mitgenommen, als ich mir eingestehen wollte. Ich fühlte das Bedürfnis, einen sicheren Ort zu finden. Deswegen war ich ohne nachzudenken losgegangen zu der Frau, die ich liebte.
Ich machte kehrt und ging über die Brücke und durch die Stadtmitte bis zu den Straßen, die sich hochwanden zu den Häusern der Reichen, die am Hang des Bergs Zeuth über der Stadt standen. Von dort aus folgte ich der Straße nach Norden, vorbei an der Akademie des Zeuth, deren schwaches Leuchten nun ein dunkleres Gelb zeigte, mit einer Tendenz zu Rot. Die Magier waren unzufrieden mit etwas. Aber das war ihr Problem und ging mich nichts an; hoffentlich.
Am Eingang der Residenz des Fürsten musterten mich die Wachmänner wie immer, als würden sie mich zum ersten Mal sehen. Dann winkten sie mich durch, ich klopfte und Romeran öffnete. Er musste in der Nähe der Tür gewesen sein, denn es dauerte keine halbe Minute, bis er vor mir stand.
„Guten Abend“, begrüßte er mich. „Fürst Borran erwartet Sie. Er ist in seinem Arbeitszimmer.“
„Er erwartet mich?“, fragte ich verblüfft.
„Selbstverständlich. Er hat schon früher mit Ihnen gerechnet. Dort entlang.“
Mir den Weg zu zeigen, war unnötig, ich war oft genug hier gewesen. Romeran sah es ein und ließ mich alleine gehen.
Um in das Arbeitszimmer des Fürsten zu gelangen, musste man einen Vorraum durchqueren, in dem tagsüber drei Schreiber ihren Dienst versahen. Die Wände dieses Raums waren mit Regalen vollgestellt, in denen eine unglaubliche Anzahl von Schriftstücken verwahrt wurden. Borran war der mächtigste der Fürsten der Ringlande, und das brachte eine Menge Bürokratie mit sich. Ihm unterstanden die sieben Festungen - je zwei an den Meerengen der Insel Haland, je eine wo die beiden großen Ströme Donnan und Azondan das Ringgebirge durchschnitten, und eine an der nie genutzten Passstraße, die angeblich nach Ostraia führte. Zusätzlich gehörte die Hafenstadt Kethal zu seinem Fürstentum. Kethal war die größte Stadt unter seiner Herrschaft. Denn die Hauptstadt Dongarth und die Burg über der Stadt unterstanden direkt dem Königshaus - sehr zu seinem Verdruss. Trotzdem residierte Fürst Borran traditionell in Dongarth, um den Zentren der weltlichen, geistlichen und magischen Macht nahe zu sein - der Burg, dem Tempel des Einen Gottes und der Akademie des Zeuth.
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