Das Mädchen besaß die richtige Mischung aus Unnachgiebigkeit, Magie und Intelligenz, zusammen mit Härte und einer Spur Grausamkeit. Und sie war zweifellos ein Kind der dunklen Welt.
Richard war für die helle Welt geschaffen. Er war mutig und klug, aber diese Welt war nicht die seine. Sie spürte, dass er sich quälte.
Sie teilte diese Gedanken mit Nathan.
»Ich bin ganz deiner Meinung. Eben deshalb ist es so wichtig, mit Armidas Erziehung früh zu beginnen.«
Im Vorbeigehen öffnete Maia eine Tür. Sofort umgab sie das Parfüm der Küche. Diesmal war es nicht der Gestank der Verwesung. Maia atmete tief ein. Unzählige Feuer hatten hier gebrannt. Sie roch eine Mischung aus Thymian, Knoblauch vermischt mit dem Duft von gebratenem Wild. So ganz ohne Erfolg ist der Jagdausflug wohl doch nicht geblieben, dachte Maia.
Von der Decke hingen kupferne Kasserollen neben schwarzen Eisenpfannen. An einem Eisenhaken baumelte ein Strauß frischer, noch nicht gerupfter Tauben. Die Wände glänzten vor Fett. Der Herd in der Mitte des Raumes, ein öliges gefräßiges Ungeheuer, fauchte. Man konnte einen Ochsen darin braten.
Eternita rührte in einem gewaltigen Kessel, dem ein köstlich würziger Duft entströmte. Ihr Gesicht verzog sich unwillig, als sie Nathan und Maia wahrnahm.
Ging es schon wieder um Siberia?
»Es geht um Siberia«, hörte sie Maia.
Ich hab es gewusst, dachte die Hexe und rührte heftiger in ihrem Sud.
»Sie ist tot.«
Eternita wirbelte herum. »Tot?« Ihr Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. »Gut«, sagte sie und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.
Die anderen Hexen waren neugierig näher gerückt. Sie warf ihnen einen scharfen Blick zu.
»Habt ihr nichts zu tun?«
Die Fürsten ohne besondere magische Kräfte, die als bestechlich galten, hatte Annabelle bereits aufgesucht. Sie waren betört und geblendet von ihrem Charme. Keiner stellte sich die Frage, warum sie gekommen war. Ihre Besuche waren weniger schillernd, weniger protzig als gewöhnlich ausgefallen.
Annabelle, die normalerweise ihre Pracht entfaltete wie ein Pfau sein Gefieder, war zurückhaltend und verständnisvoll aufgetreten und hatte sich dabei entsetzlich gelangweilt.
Aber sie hatte einiges erreicht, wie sie glaubte.
Den Fürsten, die aus ihren Untertanen nicht mehr genug herauspressen konnten, um weiterhin zu leben, wie es ihnen zustand, hatte sie Unterstützung in Aussicht gestellt, ohne sich wirklich festzulegen, und mit einigen weniger bedeutenden Kostbarkeiten um sich geworfen wie mit Rosenblättern.
Von den bevorstehenden Wahlen sprach sie nicht. Aber geschickt brachte sie ihre Gastgeber auf das Thema, manipulierte und ließ durchblicken, dass sie die Wahl annähme, wenn man sie drängte. »Eine schwere Verantwortung«, säuselte sie.
Annabelle konnte reizend sein. Die Männer waren hingerissen, ihre Weiber nicht so sehr.
Aber was soll’s, dachte sie geringschätzig, in ihrer Welt hatten die Schwanzträger das Sagen, auch wenn ihr Hirn oft noch kleiner ausfiel als ihre Männlichkeit.
Sie sah hinüber zu Rafael. Er war mit beidem sehr gut ausgestattet, manchmal wünschte sie sich allerdings, sein Gehirn möge etwas weniger gut funktionieren. Sie mochte es gar nicht, wenn er sie, wie jetzt, durchschaute. Er erwiderte ihren Blick und verzog die Lippen zu einem Lächeln, das ihr nicht gefiel. Vor ihm musste sie ihre Gedanken besser verbergen.
Sie gönnte sich schöne, junge Liebhaber, die ihre Söhne sein könnten. Rafael, ihr Stallmeister, Experte von jeder Art von Beritt, war nicht nur Bereiter ihrer Pferde, sondern auch ihr derzeitiger Favorit.
Er saß wie angegossen in seiner weißen Uniform auf einem gewaltigen Schimmelhengst. Hinter ihm zwanzig ausgesucht schöne Pferde, ebenso sorgfältig ausgesucht wie die jungen Feen und Elfen, die sie ritten. Eine Wolke aus fließenden Gewändern und Parfüm. Annabelles Sucht nach absoluter Schönheit war ungebrochen. Sie genoss den Anblick.
Erleichtert betrachtete sie ihr Schloss, das in der Ferne wie eine Fata Morgana erschien. Beim Näherkommen erhob sich nach einer mühevollen Reise vor ihr endlich der honiggelbe Palast mit seinen silbernen Kuppeln. Die goldenen Spitzen funkelten. Kies auf dem Vorplatz, so hell, dass er blendete. Annabelle hörte das heranrauschende Meer.
Manche Fürsten lebten zu primitiv. Sie hatte es im Dienste ihrer Sache ertragen. Aber nun gierte sie nach der Bequemlichkeit, die sie hier erwartete.
Sie dachte an die mehr als luxuriösen Räume der Bäder, die Lulabellen, diese bezaubernd schönen winzigen Feen, die ihr zu Diensten waren und jeden Wunsch von den Augen ablasen, ihre verschwenderisch ausgestatteten Räume, deren hohe Fenstertüren den Blick auf weißen Sand und Meer freigaben.
Ihre Silberfüchse begrüßten sie. Sie streifte die Handschuhe ab und warf die Reitgerte von sich.
»Kümmere dich um mein Pferd«, wies sie Rafael an. Sie nickte ihm zu und wandte sich ab.
Er blickte ihr nach, als sie die halbrunde Freitreppe emporschritt. Das Rudel Füchse folgte ihr.
Er wusste, sie war ungeduldig. Sie wartete auf Leathan. Und sie wartete nicht gerne. Würde ihr Bruder da sein? Er hatte Boten geschickt. Die Vorbereitungen für eine Erweiterung seiner Felsenstadt nähmen ihn in Anspruch.
Rafael hatte noch Annabelles schneidende Stimme im Ohr, mit der sie den Boten abkanzelte: »Was ist denn nun daran so wichtig. Diese grässliche Stadt auch noch zu vergrößern ist so unnötig wie eine Nacht ohne Sex.«
Er grinste, hob die Reitgerte auf und nahm ihre Stute am Halfter. Ja, die Sache mit dem Sex, die schöne Annabelle war, nun ja, unersättlich.
Jetzt lag sie im prächtigsten der Ruheräume der Bäder, umgeben von den Lulabellen, die ihr den neuesten Klatsch ins Ohr flüsterten.
Die kleinen buntgeflügelten Feen flogen überall im Schloss herum. Ohren und Augen immer bereit, alles zu hören und zu sehen. Auch in den intimsten Momenten konnte man sicher sein, dass eine von ihnen in der Nähe war. Und zuverlässig versorgten sie Annabelle mit ihren allergeheimsten Erkenntnissen.
Es duftete nach Minze und Rosmarin.
Auf einem Tischchen vor ihrem breiten Ruhebett lockte eine Schale mit Leckereien: Marzipan, Schokolade, Krokant und kandierten Veilchen.
Sie streckte eine Hand nach einem hauchzarten Kristallkelch aus. Prickelnde Perlen auf ihrer Zunge.
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