In endlosen Reihen standen Kristallgefäße mit glühenden, matten und pudrigen Tönen in Elianas Bibliothek.
Leander, ihr Mann, besaß zusammen mit Magalie das Zeichen der Macht, das zweiteilige Medaillon. Alle paar Jahre wurde neu gewählt, wer das Medaillon tragen durfte, und immer mussten es zwei Fürsten sein, nie durfte einer allein herrschen. Magalie fragte sich, ob sie sich wieder zur Wahl stellen sollte.
Der ständige Kampf mit Leathan war ermüdend gewesen. Nun, da er zurück war, würde dieser Kampf wieder beginnen. Regeln, so glaubte er, galten nicht für ihn.
Sie hatte es so satt.
Lächerlich, es war einfach lächerlich, dass sie sich wie eine Diebin im Schutz ihrer Unsichtbarkeit hier herumtrieb. Sie gestand sich ein, dass sie, obwohl sie die mächtigste Fürstin der gesamten Anderswelt war, Leathan fürchtete. Er war zu allem fähig. Dieser dunkle Elf wollte sie besitzen, sie sich unterwerfen, und er schreckte vor nichts zurück. Sie vermied es, wenn sie konnte, ihm zu begegnen.
Die Idee, ihre Enkelin zu entführen, hätte von ihm sein können. Aber in diesem Fall war er unschuldig, wobei das Wort unschuldig in Bezug auf diesen Fürsten keine Bedeutung hatte. Er hatte vor Jahren Robert entführt und versucht, ihre Tochter in seine Gewalt zu bekommen, warum nicht auch die Enkelkinder? Entführungen gehörten bei ihm zum Tagesgeschäft.
Inzwischen stand sie im fast leeren Stall. Nichts, kein Oskar, keine Lotte. Die meisten Boxen waren verwaist, in einigen standen die von Leathan bevorzugten Rappen. Glänzend schwarz, seine Lieblingsfarbe. Die Elfen waren noch immer auf der Jagd nach dem weißen Hirsch.
Sie lächelte. Elsabe war schnell, der Dunkelalb würde sie niemals kriegen. Ihrer Freundin machte es Vergnügen, den dunklen Fürsten an der Nase herumzuführen.
Sie selber wäre lieber in der Lichten Welt geblieben.
Ein kühler Hauch kroch die Stallgasse entlang, Magalie fror. Irgendetwas war da draußen. Leathan war ganz in der Nähe, das spürte sie.
Sie atmete aus, als sie das Pony sah. Ein kleines Mädchen nur. Hatte sie sich so täuschen können?
Aber dann hörte sie das Zischen, und die Kälte war ganz nah. Leathan erschien in seiner grauen Wolke. Da war er, ein kräftiger, gut aussehender Elf. Die Ähnlichkeit mit seiner Zwillingsschwester war nicht zu übersehen. Die männliche Ausgabe der schönen Annabelle.
Die Kleine schrumpfte unter seinem violetten Blick. Sie saß noch immer abwartend auf dem weißen Pony. Leathan schien irritiert. Bemerkte auch er die Anwesenheit einer Fremden?
Sie spürte eine samtige Nase in ihrem Nacken. Wenn der Dunkelalb aufmerksamer wäre, könnte er sogar herausfinden, wo sie stand. Die Liebkosungen und das Interesse des Hengstes hinter ihr verrieten sie. Aber Leathan war nicht aufmerksam. Er hatte das Mädchen im Blick. Und dieser Blick war misstrauisch und unfreundlich.
»Was hast du hier zu suchen? Wo kommst du her?«
Es kam eine lange ausführliche Beschreibung von einem Ritt durch den Wald. Die Kleine beschrieb die Kälte und begann jeden einzelnen Baum aufzuzählen, den sie passiert hatte. Auch von Treibern, die sie getroffen haben wollte, war die Rede.
»Sie haben ein Feuer gemacht …«, sagte sie und zuckte zurück, als Leathan sie anfuhr: »Halt den Mund, du bist ja noch dümmer als deine Mutter.«
Magalie beobachtete die Kleine fasziniert. Sie war keineswegs dumm, sie versuchte mit ihrem Geplapper ihren Geist vor Leathan zu verschließen. Eine ausgezeichnete Methode, ihre wirklichen Gedanken zu verbergen. Sie blieb, so weit es ging, bei der Wahrheit, aber gleichzeitig vertuschte sie etwas.
Vermutlich das Wichtigste, dachte Magalie. Etwas, was sie auf keinen Fall preisgeben will.
Sie fragte sich, wer dieses Kind war. Schon jetzt eine kleine Schönheit. Sie erinnerte sie an eine der Feen aus Leathans Entourage, Aglaia. Schwarzes Haar, weiße Haut, aber die Augen. Die Augen waren alt wie die Zeit. Zu alt für ein Kind. Der kalte violette Blick glich dem des Dunkelalben. Leathans Tochter? Dem Alter nach könnte das stimmen. Sie war höchstens acht Jahre alt. Gezeugt , dachte sie, bevor ich ihn auf die Kathedrale verbannt habe.
Armida führte ihr Pony in eine der hinteren Boxen.
»Besser gar keinen Vater, als diesen«, grummelte sie, nachdem Leathan gegangen war.
Armida erschrak als Magalie plötzlich vor ihr stand. Eine schlanke Fee mit hellem Teint und rotem üppigen Haar, das in dieser tristen Umgebung unziemlich leuchtete. Sie hatte sie noch nie gesehen und war sicher, dass sie nicht zum Hof ihres Vaters gehörte. Was wollte sie von ihr?
Magalie beantwortete die Frage des Kindes, ohne dass sie gestellt worden wäre.
»Ich bin Magalie, ich lebe in der Lichten Welt . Sag mir, wo Lotte und Oskar sind.«
Armidas kleiner Körper versteifte sich. Sie füllte einen Eimer mit Wasser und gab Heu in eine Traufe. Nachdem sie die Tür der Box sorgfältig geschlossen hatte, sah sie Magalie direkt ins Gesicht.
Sollte sie lügen? Sie könnte behaupten, den Glitter nie gesehen zu haben.
Magalie verstand den Zwiespalt, in dem sich das Mädchen befand. Sie war eine Fremde, und Armida fragte sich, warum sie ihr vertrauen sollte.
Anders als Leathan konnte die Fürstin in dem Mädchen lesen.
»Ich weiß, dass du Oskar zur Flucht verholfen hast. Hat er dir gesagt, wo er mit meiner Enkelin hinwollte?«
Magalie übte sich in Geduld. Armida schüttelte den Kopf. Sie dachte an den riesigen Kentauren Pholos, der sie zurückgebracht hatte.
Magalie lächelte. »Wer ist Pholos?«
»Pholos ist das Oberhaupt der Kentauren«, sagte Maia hinter ihr. »Ich kenne ihn gut.« Zu Armida sagte sie: »Du kannst Magalie vertrauen. Geh jetzt.«
»Du hast mich gefunden.«
»Ja.« Maia lachte. »Mir machst du nichts vor, Magalie. Die Jäger kommen zurück, wir sollten hier verschwinden.«
Während der Verbannung Leathans waren die Grenzen zur Dunkelwelt wieder geöffnet worden.
Jeder, der seine Welt besuchen wollte, war Richard willkommen. Es waren nicht viele. Richard war beliebt, anders als sein Vater drangsalierte er niemanden. Aber seine Welt war einfach zu düster, und daran konnte er nichts ändern.
Faith sah hinauf zu dem blassen Himmelskörper, der wie ein vergessener Ballon am finsteren Himmel hing. Der Weg war kaum auszumachen. Sie vertraute Ombra. Die Stute trabte scheinbar schwerelos über den Boden, trabte sicher dahin.
Читать дальше