Nur eine Hexe fehlte, Siberia. Darüber allerdings machte Eternita sich keine Gedanken. Sie konnten sich nicht ausstehen, und sie war froh, wenn sie ihre Rivalin nicht sehen musste. Noch war der Kampf um die Vorherrschaft in den Hexenküchen nicht ausgestanden. Solange es keine anderen Befehle gäbe, würde sie tun, was Richard gefordert hatte.
Nicht aus Gutherzigkeit, nein. Solche Gefühle kannte Eternita nicht. Sie wollte Siberia ihre Grenzen zeigen. Als ob es sich um ihre Nebenbuhlerin handelte, griff sie sich zwei Frösche, brach ihnen geschickt das Genick, riss ihnen die Beine aus und übergab die zerlegten Tiere einer der jüngeren Hexen.
»So macht man das«, sagte sie und verließ die Küche. Mit einem Krug in der Hand machte sie sich auf den Weg in Aglaias Gemächer. Der Duft, der dem Krug entstieg, war betörend und gefährlich zugleich. Das Getränk war früher allen zugänglich gewesen. Seit die Blüten der Feensterne, aus denen es hergestellt wurde, kaum noch zu finden waren, konnten sich nur die Fürsten den Luxus des Vergessens leisten. Wer sich die Blüten illegal beschaffte, wurde schwer bestraft. Aglaia gab sich gerne ihren Träumen hin und verlangte täglich nach dieser Droge. Sie entfernte sich zunehmend von der Wirklichkeit.
Eternita verzog verächtlich den Mund. Die Feen am Hof waren alle verwöhnt. Die Anspruchsvollste jedoch war Aglaia. Sie war die Favoritin und hatte obendrein ein Kind von Leathan, auch wenn das Kind nur ein Mädchen war. Ein Kind, an das weder Mutter noch Vater irgendwelche Gefühle verschwendeten.
Armida, dachte die Hexe, war klüger, beherrschter und mit mehr Magie ausgestattet als ihre Mutter.
Schon jetzt zeichnete sich ab, dass sie in dieser Hinsicht auch ihren Vater übertreffen würde. Sie überlegte, ob es sich für sie lohnte, Armida unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie könnte dem Mädchen vieles beibringen. Aber sie musste vorsichtig sein, unauffällig zu Werke gehen. Im Dunstkreis Leathans war es bekömmlicher, sich nicht festzulegen. Hier drehte man sich mit dem Wind, wenn man gesund bleiben wollte.
Sie öffnete die Tür zu Aglaias Salon. Einen Moment lang blieb sie stehen.
Parfüm und ein anderer unverwechselbarer Duft … bitter und feucht und warm, Aglaia hingestreckt auf einem Diwan. Das durchsichtige Gewand bis zu den Schenkeln hochgeschoben, lauschte sie schläfrig dem Märchenerzähler, Homer. Als sie die Hexe wahrnahm, richtete sie sich auf.
Faith war ungeduldig. Sie sehnte sich so sehr danach, Lotte in die Arme zu nehmen, und verstand nicht, warum Maia so trödelte.
»Ich trödele nicht, Kind. Die Kentauren sind unberechenbar, manchmal aggressiv. Es ist besser, sich ihnen gemächlich zu nähern.« Maia hatte einmal mehr Faith’s Gedanken erahnt.
»Entschuldige, Maia, aber ich will mein Baby wiederhaben.«
Natürlich willst du das. Maia dachte an Armida. Weder Leathan noch Aglaia hätten sich um ihre Tochter nur halb so viele Sorgen gemacht oder sich gar nach ihr gesehnt. Das Mädchen lief weitgehend unbeaufsichtigt herum und machte, was es wollte.
Ohne ersichtlichen Grund zügelte Maia ihre Stute. Faith, Richard, Adam und Julian hielten ebenfalls an. Sie befanden sich in einem Hohlweg, umgeben von hohen Felsen, die sich in den grauen Himmel reckten. Maia wartete. Sie hatte Pholos bereits entdeckt, hütete sich allerdings, ihn das merken zu lassen. Sie lächelte. Dieser stolze und eitle Kentaur würde sich erst dann bemerkbar machen, wenn er es selbst wollte. Sie wurden besichtigt und sicher nicht nur von ihm. Langsam ritt sie weiter. Wie aus der Erde gestampft tauchte vor ihnen der schneeweiße Kentaur auf. Den Kopf eines Elfen zierte ein gedrehtes Horn. Muskulöse Arme, der mächtige Oberkörper endete im Leib eines Einhorns. Vier kräftige Beine mit gespaltenen Hufen. Die ihn vermutlich zu einem geschickten Kletterer machten, dachte Faith.
Sie war fasziniert vom Anblick dieser eindrucksvollen, aber auch beängstigenden Erscheinung. Der Kentaur überragte sogar die gewaltigen Rappen, auf denen Adam und Julian saßen, um einiges. Auch Richard war beeindruckt. Außer Maia war noch keiner von ihnen einer solchen Kreatur begegnet.
»Pholos, ich grüße dich.«
Es folgte ein Ritual, dessen Sinn Faith entging und das ihre Beherrschung auf eine harte Probe stellte. Als Pholos endlich mit Hufescharren und Verbeugen den Weg freigab, war sie am Ende ihrer Geduld. Neben ihm tauchte ein Kentaurenmädchen auf. Zierlich, mit einem golden schimmernden Fell. Das Horn auf seinem Kopf begann gerade erst zu wachsen.
»Das ist meine Tochter, Rosalie.«
Wieder das Begrüßungsritual. Faith vibrierte vor Gereiztheit.
Pholos führte sie in einen golden verkleideten Tunnel zwischen Felsen, die sie niemals alleine entdeckt hätte. Kaskaden von Schlingpflanzen verbargen den Eingang vollständig. Danach ging es steil bergauf bis zu einer Öffnung im Fels. Sie ließen die Pferde stehen und betraten zu Fuß eine gigantische, von Fackeln erhellte Höhle. Kentauren gingen den unterschiedlichsten Beschäftigungen nach, aber Faith sah nur einen kleinen grünen Elf, Oskar.
Er flog auf sie zu. »Lotte geht es gut, ich habe sie nicht aus den Augen gelassen«, schluchzte er und weinte beinahe horizontale Tränen.
»Wo ist Lotte, Oskar?«
»Hier ist deine Tochter.« Vor Faith war Daphne aufgetaucht. Sie trug ein strahlendes Baby auf den Armen.
Maia befand sich auf dem Weg zur Felsenburg. Die Kentauren hatten sie bewirtet und waren für ihre Verhältnisse freundlich gewesen. Diese Wesen betörten und verwirrten sie gleichermaßen. Sie waren klug und kriegerisch zugleich, und es hieß, dass sie unendliche Schätze besaßen. Sie führten keine Kriege. Offenem Kampf gingen sie aus dem Weg. Das hielt sie nicht davon ab, aus dem Hinterhalt zuzuschlagen. Wer ihnen zu nahe kam, wurde rücksichtslos von den zerklüfteten Felsen gestoßen.
Für Maia waren sie so etwas wie Wächter. Hinter diesen abweisenden, karstigen Bergen lag ihr Eulenreich verborgen. Da niemand an den Kentauren vorbeikam, war dieser Weg für alle versperrt. Sie war sicher, dass die Kentauren ahnten, dass dort etwas war, von dem niemand etwas wissen sollte. Sie waren schweigsam und abweisend, was Maia entgegenkam. Diese eigenartigen Wesen würden mit niemandem darüber sprechen. Sie sah zum Himmel auf und war überrascht, wie schnell der violette Himmelskörper weiter gewandert war.
Sie musste sich beeilen. Siberia war noch immer angekettet, wie sie die Hexe verlassen hatte. Viel länger konnte sie nicht zwischen den glühenden Wänden bleiben, ohne zu verbrennen. Die Farben, die sie angewandt hatte, waren tödlich. Maias Gewissen war nicht ganz rein. Sie hatte immer, wenn es möglich war, vermieden, schwarze Magie anzuwenden, aber in diesem Fall … Was konnte sie anderes tun, wenn es sich um eine schwarzmagische Hexe handelte?
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