Sie schüttelte die Gedanken ab und trieb ihre kleine Stute an. In ihrem Innern tauchte Elianas Bild auf, und sie hörte noch ihre Warnung, als sie ihr die gewünschten Farben übergab: »Sei vorsichtig damit! In der richtigen Mischung können diese Farben alles bewirken. Sie sind stark und voller Magie. Ein Lichtstrahl der richtigen Farbmischung wird hart wie Stahl, er kann zu einem scharfen Schwert werden oder zu einer Brücke, über die du bedenkenlos gehen kannst. Die richtigen Farben miteinander heilen. In der falschen Mischung machen sie süchtig und depressiv, sie können sogar töten.«
Plötzlich hatte Maia es eilig. Adam blieb dicht an ihrer Seite. Er wäre lieber bei Richard geblieben, als mit ihr zur Stadt zurückzukehren. Aber er und Faith waren in Julians Begleitung ohne ihn in die Lichte Welt aufgebrochen.
Daphne schritt neben Ombra her. Sie überragte Faith’s Stute ebenso wie Corone, Richards Pferd. Nach einer Weile bog sie ihren großen Kopf zu Lotte, die in Richards Armen schlief.
»Eure kleine Karotte hat großes Potenzial«, sagte sie. »Ich würde sie gerne vieles lehren, aber sie wird nicht in dieser Welt aufwachsen.«
Faith sah sie aufmerksam an. »Warum sagst du das?«
»Ich sehe, was ich sehe«, sagte Daphne kryptisch. Sie verabschiedete sich mit leisem Schnauben.
Als sie verschwunden war, fragte Faith Richard, ob er verstanden habe, was Daphne meinte.
Er schüttelte den Kopf. »Von Maia weiß ich, dass die Kentauren in die Zukunft sehen können.«
Sie ritten beide, in ihre eigenen Gedanken versunken, nebeneinander her. Über ihnen spannte sich das Blau des Himmels. Oskar flog gelöst und glücklich wieder zuhause zu sein, so hoch er konnte. Vögel zwitscherten, schlank bogen sich helle Birken im Wind. Lotte schlug die Augen auf und lächelte ihren Vater an.
Es ist schön, dieses Land , dachte Faith, das mein Land sein sollte und es doch nicht ist. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Richard sie forschend anblickte.
Auch dein Land ist es nicht. Du kommst aus einer dunkleren, noch weitaus gefährlicheren Welt.
Sie mussten eine Lösung finden. Als sie nach vorne blickte und Lisa auf sich zustolpern sah, vergaß sie ihre sorgenvollen Gedanken. Ja, Magalie hatte Robert und Lisa wieder in die Anderswelt eingelassen.
Am Abend wurde die Tafel unter der Kastanie gedeckt. Sie bog sich unter den Speisen. Lottes Rückkehr musste gebührend gefeiert werden. Die Kinder balgten sich, spielten mit den Glittern und stopften sich mit kandierten Früchten, Nüssen, goldfarbenen Pfirsichen und Äpfeln voll. Silbriges Mondlicht zeichnete Schatten und Licht auf fröhliche Gesichter. Feen und Elfen versammelten sich, ausgelassen wie lange nicht mehr.
Magalie genoss den Trubel, aber ihre Sorglosigkeit war einer gewissen Unruhe und der Furcht vor weiteren bösen Überraschungen gewichen. Sie hatte Wachen eingeteilt. Robert hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt.
Richard und Faith saßen mit Julian am unteren Ende der Tafel, als Julian ihnen die schockierende Mitteilung machte. Jetzt wusste Richard, warum Orkus bei Leathan gewesen war. Die Lavatiden sollten die Felsenburg vergrößern, und da es nicht möglich war, höher zu bauen, wollte Leathan sie unterhöhlen. Faith starrte Julian an. »Sie wird über euch zusammenbrechen.«
»Das ist das, was auch Orkus befürchtet, aber Leathan duldet keine Widerrede. Wenn er befielt, müssen alle gehorchen«, sagte Julian.
Richard war blass geworden. »Wir werden unser Zuhause verlieren.«
Er hat wirklich Zuhause gesagt, dachte Faith. Wie soll ich dich davon überzeugen, dass die Anderswelt ob dunkel oder hell, schattig oder licht, nie unser Zuhause sein kann?
Sie mussten reden, aber wie konnte sie ihn dazu bringen, mit ihr und den Kindern in ihrer Welt zu leben? Seine Welt war in Gefahr. Würde Richard sich seiner Verantwortung entziehen?
Das war der Moment, in dem Faith ihre einsame Entscheidung traf.
Magalie blickte über die ganze Länge des Tisches zu Faith hinüber.
»Robert?«
»Meine Liebste.«
»Sie wird gehen.«
»Wer wird gehen?«
»Unsere Tochter.«
Robert folgte Magalies Blick. Faith saß mit Richard und Julian zusammen. Sie hatte diesen Blick, den er gut kannte. Schon als kleines Mädchen konnte sie so entschlossen aussehen, wenn sie etwas wollte, und häufig genug war es ihm nicht gelungen, sie umzustimmen. Ihr Wille war stark. Sie war stark, ein junge Frau, die sich im Leben durchsetzen würde.
»Wirst du mit ihr und den Kindern gehen?« Magalies Stimme war brüchig.
»Solange du mir deine Welt nicht verschließt, werde ich bei dir sein.«
Faith würde ohne ihn leben können. Er liebte seine Tochter, aber der Liebe zu Magalie war er hilflos ausgeliefert. Es war nicht das erste Mal, dass er sich fragte, ob der Wille der Fürstin daran schuld war.
»Nein, mein Lieber, wir können viel, auch den Geist beeinflussen, aber die Liebe, nein, die Liebe nicht.«
Magalie küsste ihn. Sie hatte seine Frage beantwortet, ohne dass er sie ausgesprochen hatte. Wie so oft.
»Ich bringe die Kinder ins Bett.«
Faith erhob sich, nickte Julian und Richard zu und ging, Lotte auf dem Arm, Lisa an der Hand, auf das Haus zu. Eine schlanke Gestalt mit feuerrotem Haar. Richard spürte, dass gerade etwas mit ihr geschehen war.
Er wandte sich an Julian. »Wir müssen das verhindern.«
»Es ist schön, dein Weib.« Auch Julian hatte Faith nachgesehen.
»Ich weiß.«
Richard grinste. Er kannte die Schwäche seines Freundes. »Aber lass uns überlegen, ob und wie wir meinen Vater stoppen können.«
Julian schob die Unterlippe vor. »Wenn du mich fragst, gar nicht.«
»Sehr hilfreich, mein Freund.«
Maia überließ ihre Stute einem der Stallelfen und beeilte sich. Lange würde die Hexe nicht mehr überleben. Siberia hätte nichts anderes verdient, aber etwas hielt Maia davon ab, ihre Rachegelüste auf die Spitze zu treiben. Feen und Elfen der Anderswelt waren nicht eben zartbesaitet, kannten kein Erbarmen und trugen nicht schwer an ihrem Gewissen, so sie überhaupt eines hatten. Liebe, Güte, Erbarmen oder ähnlich störende Gefühle hemmten sie gewöhnlich nicht in ihren Entscheidungen. Sie dachte an Magalie, eine Fee, welche die Liebe erwischt hatte, genau wie Cybill, ihre Mutter. Wer liebte war verwundbar.
Scheint in der Familie zu liegen, dachte Maia, während sie durch die Gänge eilte. Sie lächelte amüsiert, als sie an Nathan dachte, auch sie selbst war nicht ganz frei von Gefühlen.
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