Aber jetzt wollte sie die Hexe nicht aus Güte oder weil ihr Gewissen sich rührte retten, sondern aus Kalkül. Siberia wäre ihr etwas schuldig. Man konnte nie wissen.
Sie riss die Tür auf, Hitze schlug ihr entgegen. Über die Wände kroch mohnrot die Glut, schmierte suchend über den Steinboden. In jedem Winkel leckten gierige Flammenzungen.
Siberia sang mit hoher Stimme: »Verlassen, verstoßen sei auf ewig«. Siberias Stimme wurde zum Wehklagen, zum Wimmern, brach und erstarb.
Der Fluch, der ohne Zweifel Leathan galt, ließ Maia erschauern. Kleine Flammen knackten, knisterten und zischten über die Mauern und den steinernen Boden.
Zu spät , dachte Maia, ohne eine Spur des Bedauerns. Hier konnte selbst sie nichts mehr tun. Die schwarzmagische Hexe gab es nicht mehr. Glühender Funkenregen trieb durch die sengende Luft.
Maia blies sanft in den Raum. Die Hitze ließ nach, die letzte Glut welkte wie eine sterbende Blüte. Sie wandte sich ab und stieß fast mit Adam zusammen. Sein Gesicht war aschgrau.
»Du solltest bei den Elfen sein. Geh hinüber, lass dir etwas zu trinken geben und geh schlafen.«
Der Junge sah völlig fertig aus. Er musste noch viel lernen, vor allem aber musste er erkennen, dass, nachdem ihr Sohn zurück war, das Leben in der Schattenwelt nicht einfacher geworden war.
Maia fand Leathan mit Kastor und einigen anderen Elfen in seinen Räumen. Finsterlingen, wie man sie kaum außerhalb der Gefängnisse unten in der Stadt traf. Sie hatten gewürfelt und getrunken.
Jetzt konnte sie mit Leathan nicht reden. Sie sah hinüber, dorthin wo Murats Halsband kurz aufblitzte. Bernsteingelbe Augen. Der graue Wolf schien unversehrt. Leathan neigte besonders in angetrunkenem Zustand zum Sadismus.
Er stand, über einen langen Tisch gebeugt, und betrachtete einen Entwurf. Maia konnte nicht erkennen, worum es sich handelte.
Jetzt trat sie doch näher. »Was ist das?«
»Ein Plan.« Leathan setzte ihr auseinander, was er vorhatte: Die Burg vergrößern, Platz schaffen für Feste, unsere Gäste sollen beeindruckt sein … »Ich dachte, wir könnten die Wahlen, die bald anstehen, hier abhalten.«
Er benahm sich wie ein kleiner Junge, der hinter seinem Geplapper die Wahrheit verbarg, eine Wahrheit, von der er wusste, dass sie ihr nicht gefiele.
Die Wahlen also, dachte Maia. Glaubst du denn, dass sie dich wählen werden, weil du die Fürsten hierher einlädst und einlullst?
Ihr Sohn litt an einem beängstigenden Mangel an Selbstkritik.
Maias Finger bewegten sich langsam über die Zeichnung. War er schon immer so gewesen, oder verwehrten Drogen und Alkohol ihm bessere Einsicht? Dieses gewaltige Felsennest, das viele ihrer Vorfahren dem Stein entrissen hatten, würde einstürzen, wenn man es unterhöhlte. Hier zu graben bedeutete, die Stadt ihres Fundamentes zu berauben.
»Was sagt Orkus zu deinem Plan?«
»Der Mann ist ein Feigling und faul. Er hat keine Visionen, spricht von Einsturzgefahr und solchem Unsinn. Ein ewiger Zauderer.«
Maia kannte den Lavatiden. Ein besonnener, hochbegabter Ingenieur, der sein Leben nicht nur unter der Erde in den Stollen der Bergwerke aufs Spiel setzte, sondern auch, indem er seinem Herrn widersprach.
»Überleg es dir noch einmal, Orkus ist kein Dummkopf.«
Sie trat an die Fensteröffnung. Hinter ihr Leathan. Dort unten lag das todbringende Labyrinth. Maia drehte sich so, dass Leathan der Blick hinaus verwehrt war. Gerade loderten die Feuer kurz auf, die verhindern sollten, dass die Seelendiebe sich an die Arbeit machten. Offenbar gehorchte Eternita noch immer Richards Befehlen.
Wo ihr Sohn sich aufhielt, gab es Tod und Verderben. Das ließ sie an Siberia denken. Sie fragte sich, wann sie ihm mitteilen sollte, dass die Hexe nicht mehr lebte.
Sie wandte sich ihm zu und sagte: »Ich habe Siberia getötet.«
Leathans Mund verzerrte sich zu einem diabolischen Grinsen.
»Ich hätte es längst selbst tun sollen, die Hexe war keinen Pfifferling wert.«
Maia hörte im Hintergrund Schlagworte. Siberias Name fiel.
»Sie soll verbrannt sein«, hörte sie.
Kastor schlug mit der Faust auf den Tisch, und die Elfen grölten vor Vergnügen. Also hatte die Geschichte schon die Runde gemacht. Leathan ließ sie stehen und gesellte sich zu seinen Saufgenossen.
Maia verließ den Raum und machte sich auf die Suche nach Nathan. Sie hatte keine Mühe, jemanden zu töten, wenn sie es für richtig hielt, aber sie war nicht grausam und hatte kein Vergnügen daran.
Sie fand Nathan in der Arena, in der die Übungskämpfe stattfanden. Dort hatte er Generationen von Fürstenkindern ausgebildet, Leathan ebenso wie später Richard und noch später Julian und Jesse, Richards Freunde. Die allerdings waren keine Fürstenkinder, sie kamen aus der Gosse.
Maia blieb mit offenem Mund mitten in der Halle stehen, als sie erkannte, wem er das Kämpfen beibrachte. Armida sprang behände zurück, wirbelte herum und hob das Stilett. Ihr Partner war Adam. Nathan stand breitbeinig, mit nacktem Oberkörper, nur in Beinkleidern, mit verschränkten Armen da und beobachtete die Zwei.
Er hatte Maia noch nicht entdeckt, gab Anweisungen und nickte hin und wieder zufrieden.
»Seid ihr verrückt geworden?«
Nathan fuhr herum.
»Gewonnen!« Armida stach ihr Stilett gegen Adams Brustpanzer. Der Junge hatte einen Moment nicht aufgepasst und sich, wie Nathan, zu ihr herumgedreht.
Maia lachte. »Eine Siebenjährige, die euch hereinlegt?«
Adam sagte: »Das war hinterhältig.«
Armida feixte. »War es nicht. Nathan sagt, wir dürfen uns nicht ablenken lassen, egal was passiert.«
»Sie muss kämpfen lernen, als Tochter des Fürsten sollte sie sich wehren können.«
»Es ist zu früh für die scharfen Waffen.«
Nathan lachte. »Über ein Holzschwert ist sie längst hinaus.«
»Warum weiß ich davon nichts?«
»Weil du nicht alles wissen musst, meine Liebe.«
Armida kicherte und verschwand, als Maias Blick sich auf sie richtete. Auch Adam suchte das Weite.
»Weiß ihre Mutter, wo sich das Kind herumtreibt?«
»Ich fürchte, das interessiert sie nicht.«
Was habe ich doch für eine Familie, dachte Maia und folgte Nathan. Er stellte sich unter das eiskalte Wasser des kleinen Wasserfalls am Ende der Halle. Sie nahm ein Tuch von der Bank daneben und reicht es ihm.
Später gingen sie gemeinsam durch die langen düsteren Gänge.
»Du hast recht, sie muss das lernen.«
Maia glaubte nicht, dass Richard der geeignete Nachfolger Leathans wäre. Armida , dachte sie, schon .
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