Richard fragte sich, was Leathan von Orkus wollte.
Er wandte sich wortlos ab. Es war hoffnungslos, und sein Vater hatte recht, er konnte sich seiner Verantwortung nicht entziehen. Er bediente sich einer schmutzigen Taktik, um Richard zu halten, ausgerechnet dieser Mann, der seine Verantwortung darin sah, so verantwortungslos zu handeln wie keiner der Fürsten vor ihm, fand das schlagende Argument: Verantwortung!
In seinem Räumen erwarteten ihn Julian und Adam. Richard ließ sich auf einen Stuhl fallen und schlug die Hände vors Gesicht. »Wie kann man nur so blind sein, sieht er denn nicht, dass er alles zerstört? So eine verdammter …«
»Hast du deine Tochter gefunden?«, fragte Julian.
Richard schüttelte den Kopf.
»Wir werden sie finden, ich weiß wo sie ist.« Maia stand in der Tür.
»Es gibt jemanden, der dich erwartet«, sagte sie zu Richard. »Komm.«
Zusammen eilten sie die Stufen der Felsenburg hinab, durch von Fackeln erhellte Flure, vorbei an Räumen, die Richard nie betreten hatte, vorbei an der Kammer, in der Siberia in Fesseln hing, bis Maia gewillt war, sie zu lösen. Sie eilten, begleitet von Julian und Adam, zu der versteckten Tür, die Richard so gut kannte. Als er Faith sah, riss er sie in seine Arme. »Da bist du.«
»Da bin ich.«
Einige Stunden später näherten sie sich dem Gebirge. Maia ritt auf ihrer schwarz- weißen Stute voran. Richard, Faith, Adam und Julian folgten ihr.
Magalie war auf dem Weg zu Robert.
Die Fürstin wusste, dass die schönen Tage sich dem Ende zuneigten. Was jetzt kam, würde wieder geprägt von Kampf und Intrigen sein. Sie dachte an die kommenden Wahlen.
Annabelle und Leathan waren gleichermaßen erpicht auf die Macht und auf das Medaillon, das noch zwischen ihren Brüsten hing.
Und wieder überlegte sie, ob jetzt nicht der geeignete Moment wäre, die Anderswelt für Faith und ihre Kinder für immer zu schließen. Noch besaß sie die Macht dazu. Sie lächelte, auch wenn ihre Tochter ihr gerade ein Schnippchen geschlagen hatte. Es war ihre eigene Nachlässigkeit gewesen, diesen Fehler würde sie nicht noch einmal begehen.
Eitelkeit und Machthunger trieben Leathan an. Der Termin für die Wahlen rückte näher. Annabelles Idee, sich die Macht zu sichern, war verführerisch. Er wusste, dass er seiner Zwillingsschwester nicht trauen konnte. Aber sie mussten an einem Strang ziehen, solange sie die Herrschaft über die Anderswelt nicht besaßen.
Es gab diese unumstößliche Regel: Kein Fürst konnte alleine herrschen, gewählt wurden immer zwei Machthaber. Aber konnte man Regeln nicht umstoßen? Es wäre keine schlechte Idee, die Wahlen diesmal nicht am großen Fluss, sondern in seiner Felsenburg abzuhalten.
Hier, dachte er, kann ich die Wähler besser manipulieren, bedrohen oder was auch immer nötig wäre, sie zu zwingen, ihm und seiner Schwester ihre Stimmen zu geben.
Dazu brauchte er die Lavatiden. Diese unermüdlichen Arbeiter sollten die Burg vergrößern, mehr Raum schaffen. Unter der Erde war noch viel Raum. Sie waren Bergarbeiter, gewohnt in Gruben zu arbeiten. Nun, Gruben konnten sie haben, so viele sie wollten, dachte er.
Mit Hilfe der Artisanen, den besten Künstlern der Anderswelt, würde er die neuen Räume prunkvoll ausstatten lassen. Die Ideen dazu könnte er Annabelle überlassen. Mit Prunk und Protz kannte sie sich bestens aus.
Zufrieden lehnte er sich zurück, nachdem er Orkus seine Befehle gegeben hatte.
»Es muss schnell gehen. Du wirst auch Weiber und Kinder einsetzen.«
Der Mann setzte an zu widersprechen. Ein scharfer Schmerz riss ihn auf die Knie.
»Du tust, was ich dir sage!«
Die Warnung dieses Mannes interessierte Leathan nicht. Dieser Kerl, einer seiner besten Ingenieure, wagte es erneut zu widersprechen.
Vor Jahren hatte er schon einmal gewarnt und recht damit gehabt. Damals hatte Leathan nicht auf seinen Rat gehört, und die Anderswelt wäre fast zugrunde gegangen. Ein gewaltiges Beben hatte das Land auseinandergerissen. Der unterhöhlten Erde war ein gewaltiger Fluss entsprungen und hatte wertvolles Land, Dörfer und die Bewohner mit sich gerissen. Leathans Sucht, die Erde zu plündern, nach allem zu graben, was sie hergab, war ungeheuerlich und machte auch nicht Halt, wenn er damit seine Welt in Gefahr brachte.
Mit einer Handbewegung winkte er den Ingenieur hinaus. Orkus entfernte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Wenn er nicht seine Familie und sich selbst in Gefahr bringen wollte, musste er gehorchen. Er würde Berechnungen anstellen, um die Gefahr, dass die Felsenburg über ihnen einstürzte, so klein wie möglich zu halten. Orkus humpelte in die Krankenstation der Hexen.
Richard war es zu verdanken, dass die Hexen allen Kranken beistanden. Eternita verarztete ihn. Sie strich eine übelriechende fette Salbe auf die schmerzenden Glieder. Während er ihr zusah, noch halb betäubt vor Schmerz, dachte er: Leathans Machthunger ist krankhaft, ebenso sein Wille zu besitzen, zu zerstören. Das ist seine Natur.
»Lass ihn das nicht hören.« Die Hexe sah ihn warnend an.
Orkus zuckte mit den Schultern. Er kannte die Labyrinthe aus Tunneln unter der Erde, in denen Leathan nach Bodenschätzen suchen ließ. Wassereinbrüche, Grubenbrände und Einstürze waren oft die Folge dieser Grabungen. Stoffe wie Phosphor und Schwefel konnten bei der Gewinnung metallischer Erze austreten. Er und seine Leute befanden sich in den Stollen zu jeder Zeit in akuter Todesgefahr. Viel schlimmer konnte der Tod durch die Hand seines Fürsten auch nicht sein.
Außerdem wusste er durchaus um seinen Wert. Sein Selbstbewusstsein hatte durch die Schmerzen, die ihm Leathan zugefügt hatte, nicht gelitten. Er war der Beste.
Eternita grinste und klopfte ihm aufs Knie. »Verschwinde und denk daran, dich nicht bei solchen Gedanken erwischen zu lassen.«
Sie sah dem Lavatiden nach. Noch einer, der unzufrieden war.
Seit Leathan zurück war, nahmen Wut und Unzufriedenheit seiner Untertanen dramatisch zu.
War Richard zu nachgiebig, zu sanft gewesen? Leathan zu tyrannisch? Sie dachte an die Kleine mit den harten Augen. Violette Augen, wie die Leathans. Sollte irgendwann in ferner Zukunft Armida, seine Tochter, als erstes Weib Herrin über die Schattenwelt werden?
Für Eternita machte es letztlich keinen Unterschied. Sie ging in die riesige Küche zurück, sah, dass alle Hexen bei der Arbeit waren. Sie studierten ihre Aufzeichnungen, hackten Kräuter, die sie bei Vollmond gesammelt hatten, oder rührten in brodelnden Töpfen, denen übler Verwesungsgeruch entstieg. Ein leicht fischiger Geruch hing in der Luft.
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