Ursula Tintelnot - Faith und Leathan

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Seit Leathan, der dunkelste der Schattenfürsten, von der Herrscherin der Lichten Welt Magalie auf die Lebenden Steine verbannt wurde, ist das Leben für die Bewohner der Schattenwelt deutlich leichter. Faith und Richard haben nach ihrem Studium die Anderswelt zu ihrer Heimat gemacht und fühlen sich dort mit ihren Kindern sicher. Doch Leathan kann den Lebenden Steinen entfliehen und nimmt seinen Platz als Fürst der Schattenwelt wieder ein. Er verfällt nach und nach dem Wahnsinn. Mit seiner Rückkehr und der seines grausamen Elfen heers versinkt nicht nur sein Fürstentum immer mehr im Chaos, auch
andere Reiche der Anderswelt drohen unterzugehen. Noch einmal müssen sich Faith und Richard dem machthungrigen Fürsten stellen. Wird es ihnen dieses Mal gelingen, die Dunkle Welt von ihm zu befreien?

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War es rich­tig ge­we­sen, in die Spie­gel­welt zu­rück­zu­keh­ren? Ro­bert wür­de gut auf ihre Toch­ter auf­pas­sen, aber die Wahl, Lisa und ih­ren Va­ter al­lei­ne zu las­sen, um Lot­te zu su­chen, war ihr nicht leicht ge­fal­len. Eine Mut­ter konn­te sich nicht ohne schlech­tes Ge­wis­sen für ein Kind ent­schei­den und das an­de­re ver­las­sen.

In den letz­ten Jah­ren wa­ren ihre Fä­hig­kei­ten ge­wach­sen. Ihr In­stinkt warn­te sie vor Ge­fah­ren, lan­ge vor der An­kunft von un­er­wünsch­ten Be­su­chern, und wie jetzt vor der An­we­sen­heit von We­sen, de­nen sie lie­ber nicht be­geg­nen woll­te.

So­lan­ge sie auf Om­bra saß, war sie nicht zu se­hen, aber in die Fel­sen­burg konn­te sie ihre Stu­te nicht mit­neh­men.

Faith be­rühr­te den Mond­stein­ring an ih­rem Fin­ger. Ein Ge­schenk Ma­ga­lies zu ih­rem sieb­zehn­ten Ge­burts­tag. Er hat­te die Fä­hig­keit, be­we­gungs­un­fä­hig zu ma­chen, so­bald sie ihn auf ihr Ge­gen­über rich­te­te. So­gar An­na­bel­le und Lea­than hat­te sie da­mit ge­bannt.

Das Lä­cheln ver­ging ihr, als sie an Lot­te dach­te. Ihr Baby lieb­te den grü­nen Spiel­ka­me­ra­den. Ob Os­kar noch bei ihr war? Sie hoff­te es. In sei­ner Ge­gen­wart wür­de ihre klei­ne Toch­ter sich nicht fürch­ten.

Sie spür­te kör­per­lo­se Dä­mo­nen, hör­te Ge­räu­sche und ver­stoh­le­ne Schrit­te. Ge­le­gent­lich ein Schrei aus der Dun­kel­heit, der To­des­schrei ei­nes Tie­res.

Faith ritt am Fluss ent­lang. Schwa­r­zes Was­ser. Sie wand­te den Blick nach rechts, wo über den Häu­sern und Hüt­ten der Un­ter­stadt wie ein rie­si­ges Nest die Fel­sen­burg am Berg thron­te. Ri­chards Zu­hau­se.

Wo bist du, mein Liebs­ter? Auch er muss­te auf der Su­che nach Lot­te hier ir­gend­wo sein.

Sie ritt den stei­len Berg zur Burg em­por. Je­der, der hier an­kam, konn­te mei­len­weit ge­se­hen wer­den. Die dunk­len Fürs­ten muss­ten furcht­sam ge­we­sen sein. Die­ser Platz war klug ge­wählt, wenn man Angst vor un­ge­la­de­nen Be­su­chern hat­te.

Om­bra und sie wa­ren nur ein Hauch in der Düs­ter­nis. Un­sicht­bar. Die Stil­le war ab­so­lut.

Und dann brach es wie ein Un­wet­ter los. Über­all Pfer­de. Sie hör­te Rufe, Be­feh­le, Hufe, die auf dem fel­si­gen Weg klap­per­ten. Peit­schen knall­ten.

Die El­fen ka­men of­fen­bar von der Jagd zu­rück. Den Wor­ten, die durch die Nacht zu ihr her­über­flo­gen, ent­nahm sie, dass sie nicht er­folg­reich ge­we­sen war. Der wei­ße Hirsch , sie lä­chel­te, war Lea­than wie­der ent­kom­men. Wie oft hat­te El­sa­be den Dun­kel­al­ben in die­ser Ge­stalt her­aus­ge­for­dert?

Also war auch die Hexe hier, die Freun­din ih­rer Mut­ter.

Faith lenk­te ihre Stu­te seit­wärts ins Ge­hölz und ließ die Jagd­ge­sell­schaft an sich vor­über­zie­hen.

Lea­thans rie­si­ges Ross trab­te rei­ter­los an ihr vor­bei. Das konn­te nur be­deu­ten, dass er längst in der Fel­sen­stadt war.

Glück ge­habt, dach­te Faith, ich hät­te ihm di­rekt in die Arme lau­fen kön­nen.

Jä­ger und Tie­re mach­ten einen glei­cher­ma­ßen er­schöpf­ten Ein­druck. Ganz am Ende er­kann­te sie Adam. Ein Jun­ge noch, ei­ner der Jüngs­ten aus Ri­chards Ge­fol­ge.

Ein leich­ter Druck der Schen­kel, und Om­bra setz­te sich wie­der in Be­we­gung. Faith ritt zu der klei­nen ver­rot­te­ten Holz­tür, durch die sie ein­mal mit Ri­chards Hil­fe dem Fürs­ten ent­kom­men war. Von dort wür­de sie un­ge­se­hen in die Burg ge­lan­gen und nach ih­rer Toch­ter su­chen.

Faith sprang vom Pferd. Die Tür war leicht zu fin­den, wenn man wuss­te wo, hin­ter ei­nem dich­ten Vor­hang aus Schling­pflan­zen und Ge­strüpp, sie sich be­fand. Mit Om­bra am Zü­gel ging sie dar­auf zu, als das Grün zur Sei­te ge­scho­ben wur­de und Ma­ga­lie mit Maia ihr dar­aus ent­ge­gen­tra­ten.

»Ihr habt sie also auch nicht ge­fun­den?« Faith ging zum An­griff über, be­vor ihre Mut­ter ihr Vor­wür­fe ma­chen konn­te. Maia schmun­zel­te. Schlau­es Kind , dach­te sie.

»Nein«, sag­te Ma­ga­lie, »aber wir wis­sen, dass nicht Lea­than sie ent­führt hat.«

»Aber wer …?«

Ma­ga­lie sprach von ih­rer Ver­mu­tung, Si­be­ria habe das Kind ent­führt, um Ri­chard und Lea­than auf­ein­an­der zu het­zen. »Sie will sich rä­chen und Lea­than dazu brin­gen, auch sei­nen zwei­ten Sohn zu tö­ten.«

Faith wur­de blass. »Wo ist Ri­chard jetzt?«

Ma­ga­lie schüt­tel­te den Kopf.

»Er weiß, dass nicht Lea­than Lot­te ge­raubt hat.«

Sie hat­te ihn zu­letzt mit Si­be­ria ge­se­hen, aber wo­hin er da­nach ge­gan­gen war, wuss­te sie nicht.

Maia sag­te: »Ich glau­be, er ist bei sei­nem Va­ter.«

Jetzt hör­ten alle die er­reg­ten Stim­men aus ei­nem Fens­ter­schacht.

Aus der Öff­nung weit über ih­nen dran­gen Stim­men zu den Frau­en. Die Aus­ein­an­der­set­zung es­ka­lier­te. We­der Ri­chard noch Lea­than lie­ßen ein­an­der aus­re­den. Sie schri­en sich ge­gen­sei­tig an.

Maia hielt Faith fest. »Das müs­sen die zwei al­lei­ne aus­fech­ten.«

Wor­te flo­gen zu ih­nen. »Despot.«

»… kein Mann, ein Jam­mer­lap­pen …«

»Straf­fe Hand …«

»Ent­fer­ne die­se Hexe von dei­nem Hof.«

»Du hast hier gar nicht zu sa­gen, so­lan­ge ich …«

»Ich will mein Kind, dann bin ich weg …«

»Du bist mein Nach­fol­ger und kannst dich dei­ner Ver­ant­wor­tung nicht ein­fach ent­zie­hen. Dein Weib soll­te mit dir hier woh­nen, oder hast du sie nicht im Griff?« Sie hör­ten den lau­ern­den Un­ter­ton, als Lea­than frag­te: »Hat Si­be­ria dir ge­sagt, wo das Kind ist?«

Wenn er es vor uns fin­det, dach­te Ma­ga­lie, wird er es für sei­ne Plä­ne be­nut­zen, wie auch im­mer die­se aus­sa­hen. Maia schie­nen die­sel­ben Ge­dan­ken zu be­we­gen.

»Sie weiß es nicht.« Ri­chard wur­de wie­der laut. »Die­se wi­der­li­che Schlam­pe weiß es nicht.«

Lea­than brüll­te da­ge­gen: »Wenn ich nicht al­les selbst … such dir eins von den Wei­bern hier und mach einen Sohn, oder kannst du das auch nicht? Was willst du mit Töch­tern? Wir brau­chen männ­li­che Nach­fol­ger.«

»Hör auf Va­ter …!«

Plötz­lich war es still.

»Ich will zu Ri­chard.« Aber wie­der hielt Maia Faith zu­rück.

»Lass mich ge­hen. Lea­than ist auf­ge­bracht.« Eine mil­de Um­schrei­bung , dach­te Ma­ga­lie.

»Ich ahne, wo dei­ne Toch­ter ist …« Da­mit ging Maia.

Ri­chard stand vor Lea­than und be­trach­te­te sei­nen Va­ter, als sähe er ihn zum ers­ten Mal. Er be­dau­er­te sei­nen Aus­bruch nicht, wuss­te je­doch, dass er völ­lig über­f­lüs­sig ge­we­sen war und vor al­lem ohne je­den Er­folg sein wür­de. Er frag­te sich, war­um die­ser Mann nur in Ka­te­go­ri­en den­ken konn­te, die ihm voll­kom­men fremd wa­ren: Ge­walt, Un­ter­drü­ckung, Dro­hung, Er­pres­sung … und Mord.

Jetzt erst be­merk­te er, dass er sich nicht al­lei­ne mit Lea­than im Raum be­fand. Kas­tor und ein Elf, ein La­va­ti­de, Or­kus, hat­ten sich in den Schat­ten zu­rück­ge­zo­gen. Sie woll­ten bei­de nicht in den Fo­kus des un­be­re­chen­ba­ren Zorns ih­res Fürs­ten ge­ra­ten.

La­va­ti­den wa­ren her­vor­ra­gen­de In­ge­ni­eu­re, Berg­a­r­bei­ter und Waf­fen­schmie­de. Mu­rat lag weit ge­nug von sei­nem Herrn ent­fernt. Sei­ne Rute be­weg­te sich ganz vor­sich­tig.

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