Ursula Tintelnot - Faith und Leathan

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Seit Leathan, der dunkelste der Schattenfürsten, von der Herrscherin der Lichten Welt Magalie auf die Lebenden Steine verbannt wurde, ist das Leben für die Bewohner der Schattenwelt deutlich leichter. Faith und Richard haben nach ihrem Studium die Anderswelt zu ihrer Heimat gemacht und fühlen sich dort mit ihren Kindern sicher. Doch Leathan kann den Lebenden Steinen entfliehen und nimmt seinen Platz als Fürst der Schattenwelt wieder ein. Er verfällt nach und nach dem Wahnsinn. Mit seiner Rückkehr und der seines grausamen Elfen heers versinkt nicht nur sein Fürstentum immer mehr im Chaos, auch
andere Reiche der Anderswelt drohen unterzugehen. Noch einmal müssen sich Faith und Richard dem machthungrigen Fürsten stellen. Wird es ihnen dieses Mal gelingen, die Dunkle Welt von ihm zu befreien?

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Lea­than hat­te sich mit den we­ni­gen Män­nern, die ihm ge­blie­ben wa­ren, tief in die Wäl­der lo­cken las­sen. Der Hirsch schien nicht zu er­mü­den. Lea­than war die Er­schöp­fung an­zu­se­hen. Aber er trotz­te wü­tend dem ster­ben­den Licht. Der Tag war vor­bei, als der Wei­ße sich noch ein­mal zu den Ver­fol­gern um­wand­te und ih­nen stolz sei­ne brei­te Brust und das rie­si­ge Ge­weih prä­sen­tier­te.

Adam sah zu Bo­den, er woll­te nicht se­hen, wie die­ses edle Tier fiel.

Lea­than hob den Bo­gen, ziel­te und brüll­te in un­bän­di­gem Zorn auf, als der Pfeil sein Ziel ver­fehl­te. Er griff nach dem sil­ber­nen Sti­lett in sei­nem Gür­tel, das im­mer traf und so ef­fi­zi­ent tö­te­te. Aber sein Griff ging ins Lee­re. Die töd­li­che Waf­fe war nicht mehr da. Als er auf­blick­te, lös­te sich der Ge­gen­stand sei­ner wil­den Gier auf. Der Hirsch ver­schwand.

Lea­than riss Ob­si­di­an her­um und presch­te an den er­schreck­ten El­fen vor­bei. »Zu­rück!«, be­fahl er.

Wo vor­her schwü­le Hit­ze ge­herrscht hat­te, gab es jetzt ei­si­ge Käl­te. Eis­kris­tal­le um­schlos­sen Blät­ter und Zwei­ge, Eis knirsch­te un­ter den Hu­fen, die kal­te Wut des Fürs­ten leg­te sich über den er­star­ren­den Wald. Lea­than peitsch­te wild auf die Trei­ber ein, die er für sei­nen Miss­er­folg ver­ant­wort­lich mach­te. Wer flie­hen konn­te, mach­te sich aus dem Staub.

Adam stieg ab und leg­te müde sei­nen Kopf an den Hals sei­nes Rap­pen. Es wür­de die hal­be Nacht dau­ern, zur Fel­sen­burg zu­rück­zu­keh­ren. Be­vor er wie­der auf­saß, um den Ge­fähr­ten zu fol­gen, sah er zu sei­nen Fü­ßen et­was auf­blit­zen. Lea­than muss­te es bei sei­nem ra­sen­den Ritt ver­lo­ren ha­ben. Der jun­ge Elf hob das sil­ber­ne Sti­lett auf. Er blick­te sich nach sei­nen Ka­me­ra­den um.

»Sie sind wei­ter­ge­zo­gen«, hör­te er eine Stim­me.

Der wei­ße Hirsch stand di­rekt vor ihm. Ein wun­der­schö­nes Tier. Er fühl­te sich er­ho­ben durch die­sen An­blick.

»Gib es mir.« Die Ver­wand­lung voll­zog sich blitz­schnell. El­sa­be streck­te die Hand aus. Au­to­ma­tisch ge­horch­te er. Zwei­fel­los war sie eine Hexe aus der Lich­ten Welt .

Sie strich über die sil­ber­ne Klin­ge, führ­te sie über ihr Hand­ge­lenk. Blut floss an ih­rem Arm ent­lang. »Nut­ze es nur, wenn du in töd­li­cher Ge­fahr bist.«

»Aber …«

Adam stock­te, da war nie­mand mehr. Ver­wirrt starr­te er das Sti­lett in sei­ner Hand an. Hat­te er ge­träumt? Nein, da war ein win­zi­ger ro­ter Trop­fen zu se­hen. Er steck­te die Waf­fe ein und be­stieg sein Pferd. Tief in Ge­dan­ken folg­te er den an­de­ren. Konn­ten He­xen blu­ten?

Falls der Jun­ge das Sti­lett zu­rück­gab, dach­te El­sa­be zu­frie­den, be­kä­me Lea­than eine Waf­fe, die nicht mehr ihm ge­horch­te. Das sil­ber­ne, un­fehl­ba­re Wurf­mes­ser wür­de in Zu­kunft nur Adam ge­hor­chen.

Ma­ga­lie muss­te längst in der Burg sein. Hat­te sie Lot­te schon ge­fun­den? El­sa­be kreis­te über den Baum­kro­nen und sah un­ter sich die er­schöpf­ten El­fen Lea­thans. Sie wür­den noch ei­ni­ge Zeit brau­chen, um die Fel­sen­burg zu er­rei­chen. Mit Schre­cken stell­te sie fest, dass Lea­than nicht mehr bei sei­nen Leu­ten war. Ob­si­di­an trab­te ohne sei­nen Herrn zwi­schen den Jä­gern. War er in sei­ner dunk­len Wol­ke ge­flo­gen? Wenn Ma­ga­lie sich noch in Lea­thans Burg auf­hielt, war sie jetzt in Ge­fahr.

An­na­bel­le

Reich, wie die Kö­ni­gin von Saba, war An­na­bel­le doch arm wie eine Kir­chen­maus, weil noch so herr­li­che Kost­bar­kei­ten ihre Gier nach Schön­heit und Reich­tum, nach im­mer und im­mer noch mehr, nicht stil­len konn­ten.

Ihr Pa­last war ei­ner der schöns­ten in der ge­sam­ten An­ders­welt . Eine ver­spiel­te Welt, in der Schön­heit das Wich­tigs­te war.

Nur die Trol­le und Ko­bol­de, die es auch hier gab, bil­de­ten eine Aus­nah­me. Aber die gab es nun mal nur in häss­lich, und ir­gend­je­mand muss­te die Drecks­a­r­beit ma­chen.

Die Lu­la­bel­len, ent­zü­cken­de klei­ne We­sen mit re­gen­bo­gen­fa­r­be­nen Flü­geln, wa­ren dazu un­ge­eig­net. Vor dem Schloss spiel­ten rei­zen­de blon­de Kin­der mit ge­pfleg­ten Sil­ber­füch­sen, den Lieb­lings­tie­ren An­na­bel­les. Der An­blick war wirk­lich herz­er­wär­me­nd, aber die Fürs­tin hat­te heu­te kein Auge für das be­zau­bern­de Bild, das sich ihr bot.

Sie hat­te an­de­res im Kopf. An­na­bel­le über­leg­te, wie sie die Fürs­ten der An­ders­welt auf ihre und Lea­thans Sei­te brin­gen könn­te. Die neu­en Wah­len stan­den be­vor. Es muss­ten zwei Fürs­ten ge­wählt wer­den, die An­ders­welt zu re­gie­ren und das Me­dail­lon, das Zei­chen der Macht, zu tra­gen.

Bis jetzt ge­hör­te Ma­ga­lie und Le­an­der das Ver­trau­en der meis­ten Fürs­ten. An­na­bel­le woll­te das än­dern. Ihr wür­de es nicht ge­lin­gen, Ver­trau­en zu we­cken, sie und Lea­than muss­ten an­de­re Wege ge­hen.

Neu­gie­ri­ge Lu­la­bel­len flat­ter­ten über dem Bas­sin in der ge­wal­ti­gen, von ei­ner ho­hen Kup­pel über­wölb­ten Ein­gangs­hal­le, als An­na­bel­le in ei­ner sil­ber­nen Wol­ke lan­de­te. Ohne sie zu be­ach­ten, durch­schritt sie die end­lo­sen Flu­re zu ih­ren Räu­men. Die Fens­ter­tü­ren dort wa­ren weit ge­öff­net, Lu­la­bel­len schwirr­ten um sie her­um, um ihr zu Diens­ten zu sein.

Sie be­trach­te­te sich im Spie­gel. Sie war reich, schön, ge­pflegt und at­trak­tiv und sehr un­zu­frie­den.

»Schafft Rafa­el her, so­fort. Er soll mein Pferd sat­teln, ich möch­te aus­rei­ten.«

An­na­bel­le war kei­ne ge­dul­di­ge Dienst­her­rin. Aber als Fürs­tin hat­te sie in den Au­gen ih­rer Un­ter­ge­be­nen je­des Recht auf schlech­tes Be­neh­men. Sie war die Fürs­tin.

Die An­nehm­lich­kei­ten an die­sem Hof mach­ten al­les an­de­re er­träg­lich.

Wenn sich lang­sam die Däm­me­rung senk­te, blink­ten in den Bäu­men klei­ne Lich­ter, Fa­ckeln wur­den ent­zün­det. Büf­fets wur­den auf­ge­baut. Es gab die köst­lichs­ten Schlem­me­rei­en, dem sü­ßen Wein ent­stie­gen tau­send glit­zern­de Per­len.

Spiel­ti­sche lock­ten, Wür­fel und Kar­ten ver­führ­ten. Näch­te hin­durch wur­de ge­tanzt, ge­schlemmt. Feen und El­fen amü­sier­ten sich Nacht für Nacht bei Mu­sik, Bal­lett, The­a­ter, Spiel und Tanz.

Die Säle glänz­ten im Licht fun­keln­der Kris­tall­leuch­ter. Wie in ei­nem un­ru­hi­gen fa­r­bi­gen Ka­lei­do­skop wir­bel­ten glü­hen­de Licht­punk­te, über­gos­sen die Sze­ne­rie mit schil­lern­den Fa­rb­blit­zen. Nie­mand ach­te­te auf die Zeit. Man schlief bis in den Mit­tag.

Rafa­el sah An­na­bel­le ent­ge­gen. Eine schlan­ke Ge­stalt, um­weht von sil­ber­nem Haar. Sie stieg die brei­ten Stu­fen vor ih­rem Pa­last her­un­ter wie eine Göt­tin vom Olymp. Sie ist , dach­te er, ex­qui­sit. Eine ele­gan­te Vi­per mit ei­nem gut ge­füll­ten Gift­zahn.

Er half ihr auf die Schim­mel­s­tu­te, de­ren hel­les Fell leuch­te­te. An­na­bel­le dul­de­te nur wei­ße Pfer­de und Ap­fel­schim­mel in ih­ren Stäl­len. Die schö­nen Tie­re wur­den ge­pflegt und um­hegt wie Ba­bys.

»Du kannst mich be­glei­ten«, sag­te sie. »Aber halt den Mund, ich muss nach­den­ken.«

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