Leathan hatte sich mit den wenigen Männern, die ihm geblieben waren, tief in die Wälder locken lassen. Der Hirsch schien nicht zu ermüden. Leathan war die Erschöpfung anzusehen. Aber er trotzte wütend dem sterbenden Licht. Der Tag war vorbei, als der Weiße sich noch einmal zu den Verfolgern umwandte und ihnen stolz seine breite Brust und das riesige Geweih präsentierte.
Adam sah zu Boden, er wollte nicht sehen, wie dieses edle Tier fiel.
Leathan hob den Bogen, zielte und brüllte in unbändigem Zorn auf, als der Pfeil sein Ziel verfehlte. Er griff nach dem silbernen Stilett in seinem Gürtel, das immer traf und so effizient tötete. Aber sein Griff ging ins Leere. Die tödliche Waffe war nicht mehr da. Als er aufblickte, löste sich der Gegenstand seiner wilden Gier auf. Der Hirsch verschwand.
Leathan riss Obsidian herum und preschte an den erschreckten Elfen vorbei. »Zurück!«, befahl er.
Wo vorher schwüle Hitze geherrscht hatte, gab es jetzt eisige Kälte. Eiskristalle umschlossen Blätter und Zweige, Eis knirschte unter den Hufen, die kalte Wut des Fürsten legte sich über den erstarrenden Wald. Leathan peitschte wild auf die Treiber ein, die er für seinen Misserfolg verantwortlich machte. Wer fliehen konnte, machte sich aus dem Staub.
Adam stieg ab und legte müde seinen Kopf an den Hals seines Rappen. Es würde die halbe Nacht dauern, zur Felsenburg zurückzukehren. Bevor er wieder aufsaß, um den Gefährten zu folgen, sah er zu seinen Füßen etwas aufblitzen. Leathan musste es bei seinem rasenden Ritt verloren haben. Der junge Elf hob das silberne Stilett auf. Er blickte sich nach seinen Kameraden um.
»Sie sind weitergezogen«, hörte er eine Stimme.
Der weiße Hirsch stand direkt vor ihm. Ein wunderschönes Tier. Er fühlte sich erhoben durch diesen Anblick.
»Gib es mir.« Die Verwandlung vollzog sich blitzschnell. Elsabe streckte die Hand aus. Automatisch gehorchte er. Zweifellos war sie eine Hexe aus der Lichten Welt .
Sie strich über die silberne Klinge, führte sie über ihr Handgelenk. Blut floss an ihrem Arm entlang. »Nutze es nur, wenn du in tödlicher Gefahr bist.«
»Aber …«
Adam stockte, da war niemand mehr. Verwirrt starrte er das Stilett in seiner Hand an. Hatte er geträumt? Nein, da war ein winziger roter Tropfen zu sehen. Er steckte die Waffe ein und bestieg sein Pferd. Tief in Gedanken folgte er den anderen. Konnten Hexen bluten?
Falls der Junge das Stilett zurückgab, dachte Elsabe zufrieden, bekäme Leathan eine Waffe, die nicht mehr ihm gehorchte. Das silberne, unfehlbare Wurfmesser würde in Zukunft nur Adam gehorchen.
Magalie musste längst in der Burg sein. Hatte sie Lotte schon gefunden? Elsabe kreiste über den Baumkronen und sah unter sich die erschöpften Elfen Leathans. Sie würden noch einige Zeit brauchen, um die Felsenburg zu erreichen. Mit Schrecken stellte sie fest, dass Leathan nicht mehr bei seinen Leuten war. Obsidian trabte ohne seinen Herrn zwischen den Jägern. War er in seiner dunklen Wolke geflogen? Wenn Magalie sich noch in Leathans Burg aufhielt, war sie jetzt in Gefahr.
Reich, wie die Königin von Saba, war Annabelle doch arm wie eine Kirchenmaus, weil noch so herrliche Kostbarkeiten ihre Gier nach Schönheit und Reichtum, nach immer und immer noch mehr, nicht stillen konnten.
Ihr Palast war einer der schönsten in der gesamten Anderswelt . Eine verspielte Welt, in der Schönheit das Wichtigste war.
Nur die Trolle und Kobolde, die es auch hier gab, bildeten eine Ausnahme. Aber die gab es nun mal nur in hässlich, und irgendjemand musste die Drecksarbeit machen.
Die Lulabellen, entzückende kleine Wesen mit regenbogenfarbenen Flügeln, waren dazu ungeeignet. Vor dem Schloss spielten reizende blonde Kinder mit gepflegten Silberfüchsen, den Lieblingstieren Annabelles. Der Anblick war wirklich herzerwärmend, aber die Fürstin hatte heute kein Auge für das bezaubernde Bild, das sich ihr bot.
Sie hatte anderes im Kopf. Annabelle überlegte, wie sie die Fürsten der Anderswelt auf ihre und Leathans Seite bringen könnte. Die neuen Wahlen standen bevor. Es mussten zwei Fürsten gewählt werden, die Anderswelt zu regieren und das Medaillon, das Zeichen der Macht, zu tragen.
Bis jetzt gehörte Magalie und Leander das Vertrauen der meisten Fürsten. Annabelle wollte das ändern. Ihr würde es nicht gelingen, Vertrauen zu wecken, sie und Leathan mussten andere Wege gehen.
Neugierige Lulabellen flatterten über dem Bassin in der gewaltigen, von einer hohen Kuppel überwölbten Eingangshalle, als Annabelle in einer silbernen Wolke landete. Ohne sie zu beachten, durchschritt sie die endlosen Flure zu ihren Räumen. Die Fenstertüren dort waren weit geöffnet, Lulabellen schwirrten um sie herum, um ihr zu Diensten zu sein.
Sie betrachtete sich im Spiegel. Sie war reich, schön, gepflegt und attraktiv und sehr unzufrieden.
»Schafft Rafael her, sofort. Er soll mein Pferd satteln, ich möchte ausreiten.«
Annabelle war keine geduldige Dienstherrin. Aber als Fürstin hatte sie in den Augen ihrer Untergebenen jedes Recht auf schlechtes Benehmen. Sie war die Fürstin.
Die Annehmlichkeiten an diesem Hof machten alles andere erträglich.
Wenn sich langsam die Dämmerung senkte, blinkten in den Bäumen kleine Lichter, Fackeln wurden entzündet. Büffets wurden aufgebaut. Es gab die köstlichsten Schlemmereien, dem süßen Wein entstiegen tausend glitzernde Perlen.
Spieltische lockten, Würfel und Karten verführten. Nächte hindurch wurde getanzt, geschlemmt. Feen und Elfen amüsierten sich Nacht für Nacht bei Musik, Ballett, Theater, Spiel und Tanz.
Die Säle glänzten im Licht funkelnder Kristallleuchter. Wie in einem unruhigen farbigen Kaleidoskop wirbelten glühende Lichtpunkte, übergossen die Szenerie mit schillernden Farbblitzen. Niemand achtete auf die Zeit. Man schlief bis in den Mittag.
Rafael sah Annabelle entgegen. Eine schlanke Gestalt, umweht von silbernem Haar. Sie stieg die breiten Stufen vor ihrem Palast herunter wie eine Göttin vom Olymp. Sie ist , dachte er, exquisit. Eine elegante Viper mit einem gut gefüllten Giftzahn.
Er half ihr auf die Schimmelstute, deren helles Fell leuchtete. Annabelle duldete nur weiße Pferde und Apfelschimmel in ihren Ställen. Die schönen Tiere wurden gepflegt und umhegt wie Babys.
»Du kannst mich begleiten«, sagte sie. »Aber halt den Mund, ich muss nachdenken.«
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