»Das hast du gut gemacht«, flüsterte er.
Lotte besaß ein Organ, das Glas bersten ließ. Steine zersprangen, Frösche verließen die Seerosenblätter und flohen erschreckt in ihren Teich. Selbst die schwarzmagischen Hexen waren entgeistert. Diese anschwellenden, unerträglich schmerzhaften Schreie kannten sie nur von Elsabe und ihren Schwestern, den Hexen der Lichten Welt . Es war ein Ton, der das Blut in den Adern gefrieren ließ. Den Glitter von Lotte zu trennen hatten sie nicht gewagt. Sie hatten es zu eilig, also nahmen sie den Glitter mit. Und nun saß Oskar in dieser unwirtlichen Umgebung und überlegte, was zu tun war. Er musste hier raus.
Er war schon einmal an diesem schrecklich farblosen Ort gewesen. Damals war er mit Lilly vor Elsabe geflohen, die Lilly zurück zu den Alraunen bringen wollte. Er hatte sich in die hübsche junge Hexe verliebt und versucht zu verhindern, dass sie ihm gleich wieder genommen wurde.
Oskar sah Lottes Augen auf sich gerichtet. Sie verzog ihren Mund zu einem süßen Lächeln, ihre Lider wurden schwer. Das Baby in seinen Armen schlief ein.
Er musste entkommen, hatte aber keine Ahnung, wie er das anstellen sollte, und vor allem fragte er sich, wohin. Dann fiel ihm Maias Eulenland ein. Atena, die weiße Eule, und Nubes, der Nebelpanther, stiegen vor seinem inneren Auge auf. Beide Gestaltwandler. Ja , dachte Oskar, das wäre eine Möglichkeit. Er musste zu den Eulen fliehen.
Dort war er schon einmal gewesen, und von dort war er von Kastor entführt worden.
Entführungen schienen in diesem Land ein ganz alltäglicher Vorgang zu sein. Soweit er sich erinnerte, hatte Leathan auch versucht, Faith zu entführen.
Hat aber nicht geklappt, dachte er.
Bei diesem Versuch war Faith mit dem kostbaren Medaillon entkommen. Offenbar war die Tochter seiner Fürstin mindestens ebenso geschickt im Stehlen wie das Volk der Glitter. Oskar kicherte, hörte aber sofort damit auf, als sich ein Schlüssel knirschend im Schloss drehte. Jemand betrat den düsteren Raum.
Oskars Blick blieb an dem Schlüssel hängen. Wenn er nur eine Hand frei gehabt hätte. Aber er musste das schlafende Kind festhalten, musste verhindern, dass man Lotte von ihm trennte. Sein Blick wanderte höher und blieb an einem Gesicht hängen, das er nie mehr vergessen sollte.
Tiefviolette Augen. Lackschwarze Haare. Ein breiter Mund. Ein Mädchen, noch ein Kind, nicht viel größer als er selber, staunte ihn an. »Was machst du denn hier?«
Oskar liebte Kinder. In ihnen erkannte er sich selbst. Glitter waren verspielt wie Kinder. Sie wurden niemals wirklich erwachsen.
»Ich … ich habe mich verlaufen«, log er. »Und dann hat mich jemand versehentlich eingesperrt.«
Das Mädchen hockte sich vor ihn hin. Sie betrachtete Lotte und sagte ganz beiläufig: »Du lügst nicht gut.«
»Nein, ich weiß. Ich kann aber hervorragend stehlen. Ich heiße Oskar.«
»Armida.«
Sie ließ den Schlüssel um ihren Zeigefinger kreisen. Oskar verfolgte ihn mit den Augen. Armida sah ihn an.
»Möchtest du ihn haben?«
»Nein, aber du könntest die Tür offen lassen.«
»Siberia hab ich reden hören. Von einem Baby und einem Grünling.«
Oskar empörte sich. »Ich bin kein Grünling, ich bin ein Glitter.«
»Na gut. Und wo willst du hin, wenn ich die Tür nicht abschließe?«
»Weg.«
»Wie, weg?«
»Lotte muss zu ihrer Mama und ich …«
»Ich habe ein Pony. Auch eine Satteltasche.« Armida betrachtete prüfend das Baby in Oskars Armen.
»Das da würde hineinpassen.«
»Ich könnte versuchen, in die Lichte Welt zu gelangen.«
»Kannst du vergessen. Leathan hat die Dunkelwelt mit einem Bann belegt.«
Leathan ist nicht mächtiger als Magalie, dachte Oskar. Magalie und Richard haben einen Weg gefunden, diesen Bann zu umgehen. Nur er, Oskar, leider nicht.
Aber das sagte er nicht, weil er nicht wusste, ob er Armida trauen konnte.
Sie hat ein Pony. Seine Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Auf einem weißen Pony war er mit Maia ins Land der Eulenelfen geritten. Ein Land, so wunderschön und rätselhaft wie man es in der Schattenwelt niemals erwarten würde. Maias Land war ihr Geheimnis, von dem nur wenige wussten. Auch vor Leathan hielt sie es verborgen. Der Weg dorthin war gefährlich und jedes Mal ein anderer. Oskar fragte sich, wie er ihn wiederfinden sollte.
Er sah die dunklen Täler zwischen den Gebirgszügen vor sich. Zerklüftete Felsen, in deren Höhlen Wesen lebten, halb Elf, halb Einhorn mit Hufen, wie geschaffen, auch auf dem schmalsten Felsgrat noch Halt zu finden. Wenn man sie nicht reizte, hatte Maia ihm erklärt, wären sie freundliche Wesen. Aber im Zorn konnten sie mit ihren gedrehten Hörnern furchtbare Wunden schlagen.
»Woher weißt du das mit dem Bann?«
»Weil mein Vater und meine Mutter mich gar nicht wahrnehmen und denken, ich sei schwerhörig.«
Oskars runde Augen wurden noch runder. »Dein Vater?«
»Ja, Leathan redet in meiner Gegenwart, als sei ich nicht da. Ich bin ja nur ein Mädchen.«
Oskar erschrak. Armida war die Tochter des schrecklichen Fürsten. Der Widersacher Magalies und der Zerstörer alles Schönen. Beinahe hätte er ihr von Maias Eulen erzählt. Er entschloss sich, ihr die halbe Wahrheit zu sagen, und sprach von den Kentauren, Mischwesen aus Einhorn und Elf, die prophetische Gaben besaßen.
»Dorthin muss ich gehen. Sie sind uralt und sehr weise.«
Dass sie angriffslustig, unbeherrscht und lüstern sein konnten, verschwieg er.
»Wir sollten uns beeilen«, sagte Armida.
»Wir?«
»Ich komme mit.«
Schwärme schmutziggrauer, aggressiver Teufelsnadeln in der feuchten Luft machten Pferde und Reiter verrückt.
Angezogen von Schweiß, stachen sie mit ihren giftigen Stacheln jede Kreatur. Ihr Stachel fuhr mühelos durch die schwarzen Lederuniformen. Klamm war die Luft und schwül. Adam vernahm nur das tausendfache Fallen dicker Tropfen aus Büschen und Bäumen und das Sirren der gereizten großen Insekten. Kein Vogel war zu hören, kein Tier zu sehen.
Noch beklemmender als sonst , dachte Adam. Er blickte zu seinem Nachbarn. Ein junger Elf wie er. Auch er ein Gefolgsmann von Richard.
Die anderen, die, die mit Leathan zurückgekommen waren, kannte er nicht. Sie saßen mit ihnen in der Halle, tranken und redeten. Aber sie blieben unter sich wie Geheimbündler, die ihre Geheimnisse bewahren wollten.
Adam zog die Kapuze tiefer in die Stirn. Der Wald wirkte wie ausgestorben. Die Natur hielt den Atem an. Unheimlich. Er dachte an Richard, der ihm das Leben gerettet hatte. Damit war sein Leben mit dem des Fürstensohnes für immer verbunden. Aber Richard war ohne ihn in die Lichte Welt gegangen.
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