Ursula Tintelnot - Faith und Leathan

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Seit Leathan, der dunkelste der Schattenfürsten, von der Herrscherin der Lichten Welt Magalie auf die Lebenden Steine verbannt wurde, ist das Leben für die Bewohner der Schattenwelt deutlich leichter. Faith und Richard haben nach ihrem Studium die Anderswelt zu ihrer Heimat gemacht und fühlen sich dort mit ihren Kindern sicher. Doch Leathan kann den Lebenden Steinen entfliehen und nimmt seinen Platz als Fürst der Schattenwelt wieder ein. Er verfällt nach und nach dem Wahnsinn. Mit seiner Rückkehr und der seines grausamen Elfen heers versinkt nicht nur sein Fürstentum immer mehr im Chaos, auch
andere Reiche der Anderswelt drohen unterzugehen. Noch einmal müssen sich Faith und Richard dem machthungrigen Fürsten stellen. Wird es ihnen dieses Mal gelingen, die Dunkle Welt von ihm zu befreien?

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»Das hast du gut ge­macht«, flüs­ter­te er.

Lot­te be­saß ein Or­gan, das Glas bers­ten ließ. Stei­ne zer­spran­gen, Frösche ver­lie­ßen die See­ro­sen­blät­ter und flo­hen er­schreckt in ih­ren Teich. Selbst die schwa­rz­ma­gi­schen He­xen wa­ren ent­geis­tert. Die­se an­schwel­len­den, un­er­träg­lich schmerz­haf­ten Schreie kann­ten sie nur von El­sa­be und ih­ren Schwes­tern, den He­xen der Lich­ten Welt . Es war ein Ton, der das Blut in den Adern ge­frie­ren ließ. Den Glit­ter von Lot­te zu tren­nen hat­ten sie nicht ge­wagt. Sie hat­ten es zu ei­lig, also nah­men sie den Glit­ter mit. Und nun saß Os­kar in die­ser un­wirt­li­chen Um­ge­bung und über­leg­te, was zu tun war. Er muss­te hier raus.

Er war schon ein­mal an die­sem schreck­lich fa­rb­lo­sen Ort ge­we­sen. Da­mals war er mit Lil­ly vor El­sa­be ge­flo­hen, die Lil­ly zu­rück zu den Al­rau­nen brin­gen woll­te. Er hat­te sich in die hüb­sche jun­ge Hexe ver­liebt und ver­sucht zu ver­hin­dern, dass sie ihm gleich wie­der ge­nom­men wur­de.

Os­kar sah Lot­tes Au­gen auf sich ge­rich­tet. Sie ver­zog ih­ren Mund zu ei­nem sü­ßen Lä­cheln, ihre Li­der wur­den schwer. Das Baby in sei­nen Ar­men schlief ein.

Er muss­te ent­kom­men, hat­te aber kei­ne Ah­nung, wie er das an­stel­len soll­te, und vor al­lem frag­te er sich, wo­hin. Dann fiel ihm Mai­as Eu­len­land ein. Ate­na, die wei­ße Eule, und Nu­bes, der Ne­bel­pan­ther, stie­gen vor sei­nem in­ne­ren Auge auf. Bei­de Ge­stalt­wand­ler. Ja , dach­te Os­kar, das wäre eine Mög­lich­keit. Er muss­te zu den Eu­len flie­hen.

Dort war er schon ein­mal ge­we­sen, und von dort war er von Kas­tor ent­führt wor­den.

Ent­füh­run­gen schie­nen in die­sem Land ein ganz all­täg­li­cher Vor­gang zu sein. So­weit er sich er­in­ner­te, hat­te Lea­than auch ver­sucht, Faith zu ent­füh­ren.

Hat aber nicht ge­klappt, dach­te er.

Bei die­sem Ver­such war Faith mit dem kost­ba­ren Me­dail­lon ent­kom­men. Of­fen­bar war die Toch­ter sei­ner Fürs­tin min­des­tens eben­so ge­schickt im Steh­len wie das Volk der Glit­ter. Os­kar ki­cher­te, hör­te aber so­fort da­mit auf, als sich ein Schlüs­sel knir­schend im Schloss dreh­te. Je­mand be­trat den düs­te­ren Raum.

Os­kars Blick blieb an dem Schlüs­sel hän­gen. Wenn er nur eine Hand frei ge­habt hät­te. Aber er muss­te das schla­fen­de Kind fest­hal­ten, muss­te ver­hin­dern, dass man Lot­te von ihm trenn­te. Sein Blick wan­der­te hö­her und blieb an ei­nem Ge­sicht hän­gen, das er nie mehr ver­ges­sen soll­te.

Tief­vi­o­let­te Au­gen. Lack­schwa­r­ze Haa­re. Ein brei­ter Mund. Ein Mäd­chen, noch ein Kind, nicht viel grö­ßer als er sel­ber, staun­te ihn an. »Was machst du denn hier?«

Os­kar lieb­te Kin­der. In ih­nen er­kann­te er sich selbst. Glit­ter wa­ren ver­spielt wie Kin­der. Sie wur­den nie­mals wirk­lich er­wach­sen.

»Ich … ich habe mich ver­lau­fen«, log er. »Und dann hat mich je­mand ver­se­hent­lich ein­ge­sperrt.«

Das Mäd­chen hock­te sich vor ihn hin. Sie be­trach­te­te Lot­te und sag­te ganz bei­läu­fig: »Du lügst nicht gut.«

»Nein, ich weiß. Ich kann aber her­vor­ra­gend steh­len. Ich hei­ße Os­kar.«

»Ar­mi­da.«

Sie ließ den Schlüs­sel um ih­ren Zei­ge­fin­ger krei­sen. Os­kar ver­folg­te ihn mit den Au­gen. Ar­mi­da sah ihn an.

»Möch­test du ihn ha­ben?«

»Nein, aber du könn­test die Tür of­fen las­sen.«

»Si­be­ria hab ich re­den hö­ren. Von ei­nem Baby und ei­nem Grün­ling.«

Os­kar em­pör­te sich. »Ich bin kein Grün­ling, ich bin ein Glit­ter.«

»Na gut. Und wo willst du hin, wenn ich die Tür nicht ab­schlie­ße?«

»Weg.«

»Wie, weg?«

»Lot­te muss zu ih­rer Mama und ich …«

»Ich habe ein Pony. Auch eine Sat­tel­ta­sche.« Ar­mi­da be­trach­te­te prü­fend das Baby in Os­kars Ar­men.

»Das da wür­de hin­ein­pas­sen.«

»Ich könn­te ver­su­chen, in die Lich­te Welt zu ge­lan­gen.«

»Kannst du ver­ges­sen. Lea­than hat die Dun­kel­welt mit ei­nem Bann be­legt.«

Lea­than ist nicht mäch­ti­ger als Ma­ga­lie, dach­te Os­kar. Ma­ga­lie und Ri­chard ha­ben einen Weg ge­fun­den, die­sen Bann zu um­ge­hen. Nur er, Os­kar, lei­der nicht.

Aber das sag­te er nicht, weil er nicht wuss­te, ob er Ar­mi­da trau­en konn­te.

Sie hat ein Pony. Sei­ne Ge­dan­ken wan­der­ten in die Ver­gan­gen­heit. Auf ei­nem wei­ßen Pony war er mit Maia ins Land der Eu­le­nel­fen ge­rit­ten. Ein Land, so wun­der­schön und rät­sel­haft wie man es in der Schat­ten­welt nie­mals er­war­ten wür­de. Mai­as Land war ihr Ge­heim­nis, von dem nur we­ni­ge wuss­ten. Auch vor Lea­than hielt sie es ver­bor­gen. Der Weg dort­hin war ge­fähr­lich und je­des Mal ein an­de­rer. Os­kar frag­te sich, wie er ihn wie­der­fin­den soll­te.

Er sah die dunk­len Tä­ler zwi­schen den Ge­birgs­zü­gen vor sich. Zer­k­lüf­te­te Fel­sen, in de­ren Höh­len We­sen leb­ten, halb Elf, halb Ein­horn mit Hu­fen, wie ge­schaf­fen, auch auf dem schmals­ten Fels­grat noch Halt zu fin­den. Wenn man sie nicht reiz­te, hat­te Maia ihm er­klärt, wä­ren sie freund­li­che We­sen. Aber im Zorn konn­ten sie mit ih­ren ge­dreh­ten Hör­nern furcht­ba­re Wun­den schla­gen.

»Wo­her weißt du das mit dem Bann?«

»Weil mein Va­ter und mei­ne Mut­ter mich gar nicht wahr­neh­men und den­ken, ich sei schwer­hö­rig.«

Os­kars run­de Au­gen wur­den noch run­der. »Dein Va­ter?«

»Ja, Lea­than re­det in mei­ner Ge­gen­wart, als sei ich nicht da. Ich bin ja nur ein Mäd­chen.«

Os­kar er­schrak. Ar­mi­da war die Toch­ter des schreck­li­chen Fürs­ten. Der Wi­der­sa­cher Ma­ga­lies und der Zer­stö­rer al­les Schö­nen. Bei­na­he hät­te er ihr von Mai­as Eu­len er­zählt. Er ent­schloss sich, ihr die hal­be Wahr­heit zu sa­gen, und sprach von den Ken­tau­ren, Misch­we­sen aus Ein­horn und Elf, die pro­phe­ti­sche Ga­ben be­sa­ßen.

»Dort­hin muss ich ge­hen. Sie sind ur­alt und sehr wei­se.«

Dass sie an­griffs­lus­tig, un­be­herrscht und lüs­tern sein konn­ten, ver­schwieg er.

»Wir soll­ten uns be­ei­len«, sag­te Ar­mi­da.

»Wir?«

»Ich kom­me mit.«

Ka­pi­tel 4

Die Jagd

Schwär­me schmut­zig­grau­er, ag­gres­si­ver Teu­fels­na­deln in der feuch­ten Luft mach­ten Pfer­de und Rei­ter ver­rückt.

An­ge­zo­gen von Schweiß, sta­chen sie mit ih­ren gif­ti­gen Sta­cheln jede Krea­tur. Ihr Sta­chel fuhr mü­he­los durch die schwa­r­zen Le­de­r­uni­for­men. Klamm war die Luft und schwül. Adam ver­nahm nur das tau­send­fa­che Fal­len di­cker Trop­fen aus Bü­schen und Bäu­men und das Sir­ren der ge­reiz­ten gro­ßen In­sek­ten. Kein Vo­gel war zu hö­ren, kein Tier zu se­hen.

Noch be­klem­men­der als sonst , dach­te Adam. Er blick­te zu sei­nem Nach­barn. Ein jun­ger Elf wie er. Auch er ein Ge­folgs­mann von Ri­chard.

Die an­de­ren, die, die mit Lea­than zu­rück­ge­kom­men wa­ren, kann­te er nicht. Sie sa­ßen mit ih­nen in der Hal­le, tran­ken und re­de­ten. Aber sie blie­ben un­ter sich wie Ge­heim­bünd­ler, die ihre Ge­heim­nis­se be­wah­ren woll­ten.

Adam zog die Ka­pu­ze tie­fer in die Stirn. Der Wald wirk­te wie aus­ge­stor­ben. Die Na­tur hielt den Atem an. Un­heim­lich. Er dach­te an Ri­chard, der ihm das Le­ben ge­ret­tet hat­te. Da­mit war sein Le­ben mit dem des Fürs­ten­soh­nes für im­mer ver­bun­den. Aber Ri­chard war ohne ihn in die Lich­te Welt ge­gan­gen.

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