Ursula Tintelnot - Faith und Leathan

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Seit Leathan, der dunkelste der Schattenfürsten, von der Herrscherin der Lichten Welt Magalie auf die Lebenden Steine verbannt wurde, ist das Leben für die Bewohner der Schattenwelt deutlich leichter. Faith und Richard haben nach ihrem Studium die Anderswelt zu ihrer Heimat gemacht und fühlen sich dort mit ihren Kindern sicher. Doch Leathan kann den Lebenden Steinen entfliehen und nimmt seinen Platz als Fürst der Schattenwelt wieder ein. Er verfällt nach und nach dem Wahnsinn. Mit seiner Rückkehr und der seines grausamen Elfen heers versinkt nicht nur sein Fürstentum immer mehr im Chaos, auch
andere Reiche der Anderswelt drohen unterzugehen. Noch einmal müssen sich Faith und Richard dem machthungrigen Fürsten stellen. Wird es ihnen dieses Mal gelingen, die Dunkle Welt von ihm zu befreien?

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An­na­bel­le hat­te ih­ren Bru­der nie ver­stan­den. Er war ein Zer­stö­rer, lieb­te das Cha­os, er­kann­te Schön­heit nicht. Sie lieb­te Schön­heit ge­ra­de­zu ob­ses­siv. Nur der Hun­ger nach Macht und Be­sitz ver­band sie mit ih­rem Zwil­lings­bru­der.

Auch sie ging über Lei­chen, um zu be­kom­men, was sie woll­te.

An­na­bel­le be­saß, wie er, ir­ri­tie­rend vi­o­let­te Au­gen. Sil­bern glän­zen­des Haar um­floss lang und glatt ihr be­tö­rend schö­nes Ge­sicht, mit ei­nem Mund, der hin­rei­ßend lä­cheln konn­te, wenn er woll­te.

Jetzt lä­chel­te die­ser Mund nicht.

Sie be­saß die Ge­duld ei­ner Spin­ne im Netz. An­na­bel­le konn­te war­ten und war so in­tri­gant wie schlau. Schlau­er als er, der nicht über sei­nen Macht­hun­ger hin­aus­schau­en konn­te. Ihre Gier nach dem zau­ber­haft schö­nen Schmuck­s­tück, das Ma­ga­lie ge­hör­te, war krank­haft. Sie wünsch­te sich nichts mehr als die­ses ge­heim­nis­vol­le Klein­od, das Ma­ga­lie gleich­zei­tig mehr Macht schenk­te als je­dem an­de­ren Be­woh­ner der hel­len und der dunk­len Welt.

Jetzt, dach­te sie, habe ich lan­ge ge­nug ge­war­tet. Du bist reif, Bru­der, für mei­ne Plä­ne.

Er muss­te sei­ne Macht zu­rück­ge­win­nen, sie wür­de ihm ihre Hil­fe an­bie­ten und ihm er­klä­ren, was sie sich über­legt hat­te.

»Bist du aus­rei­chend nüch­tern, um mir zu­zu­hö­ren?«

»Sprich.«

An­na­bel­le ver­zog den Mund und un­ter­brei­te­te ih­rem Bru­der ih­ren Plan.

Lea­than be­trach­tet die Möh­re, die sie ihm vor die Nase hielt und be­schloss, dass er Ap­pe­tit dar­auf hat­te. Aber er blieb miss­trau­isch, sei­ne Schwes­ter tat nichts, ohne ih­ren ei­ge­nen Vor­teil im Auge zu be­hal­ten. Sie war kei­ne Sa­ma­ri­te­rin. Und er wuss­te aus bit­te­rer Er­fah­rung, dass sie ver­su­chen wür­de, ihn übers Ohr zu hau­en.

Sie sag­te: »Ich will dei­ne Ant­wort bald. Komm zu mir, wenn du wie­der nüch­tern bist.«

Sie warf noch einen Blick auf den Di­wan, auf dem Aglaia, die Hure ih­res Bru­ders lag. Hübsch war sie, nein, sie war schön. An­na­bel­le frag­te sich, ob Aglaia sie über­haupt wahr­nahm. Sie schien ver­sun­ken in den An­blick von et­was, das sich den Au­gen al­ler an­de­ren ent­zog. We­nigs­tens für die Schön­heit von Frau­en hat­te ihr Bru­der ein Auge. Das Kind an Aglai­as Sei­te be­ach­te­te sie nicht.

Ein sil­ber­ner Wir­bel und An­na­bel­le war ver­schwun­den. Trä­ge er­hob sich Aglaia. »Trau ihr nicht.«

Da­mit ver­ließ auch sie den Raum. Sein vi­o­let­ter Blick fiel auf das Mäd­chen ne­ben ihr. Aglaia hat­te ihm nur eine Toch­ter ge­bo­ren. Ver­dammt soll­te sie sein.

Aus­ge­schlos­sen

Die Wol­ken, die sich über Ma­ga­lies Gar­ten auf­türm­ten, lie­ßen die Fa­r­ben dun­kel wer­den. Am eben noch hel­len Him­mel schos­sen graue Schlie­ren hoch. Blut­rot an den Rän­dern, ver­krall­ten sie sich in dunk­le­re Wol­ken­fet­zen, drif­te­ten aus­ein­an­der, ver­bis­sen sich in­ein­an­der. Blit­ze zer­ris­sen den Him­mel. Die He­xen flo­gen.

Ma­ga­lie sprang auf. Ihre Hand tas­te­te nach dem Me­dail­lon. Eine blaue Wol­ke schloss sich um Ro­bert, Faith und Lisa und trug sie zur al­ten Vil­la, hin­aus aus der An­ders­welt .

Faith drück­te Lisa an sich. »Nicht wei­nen, Schatz.«

Ro­bert war krei­de­bleich. »Was war das?«

Faith schüt­tel­te den Kopf. »Ich weiß nicht, Dad. Aber ich habe Angst. Die He­xen … Ich fürch­te …« Faith drück­te ihr Ge­sicht in die ro­ten Lo­cken ih­rer Toch­ter.

»Wo ist dei­ne Schwes­ter, mei­ne Klei­ne?«, flüs­ter­te sie.

Zu­letzt hat­te sie Os­kar und Lot­te bei den Feen im Gar­ten ge­se­hen.

Ro­bert hat­te das Haus be­hal­ten, in dem er und Faith leb­ten, be­vor es ihn in die An­ders­welt zog. Als Au­tor brauch­te er einen Ort, wo er schrei­ben und sich mit sei­nen Ver­le­gern tref­fen konn­te. In Ma­ga­lies Welt funk­tio­nier­te kein Com­pu­ter, und ohne Re­cher­chen im Netz konn­te er nicht ar­bei­ten.

Ru­he­los ging Ro­bert hin und her.

Ma­ga­lie hat­te sie aus der An­ders­welt aus­ge­schlos­sen. War­um?

Es muss­te et­was Schreck­li­ches pas­siert sein. Hat­te es mit Lot­tes Ver­schwin­den zu tun?

Einen Wim­pern­schlag, nach­dem sie Faith, Ro­bert und Lisa aus der An­ders­welt aus­ge­schlos­sen hat­te, fuhr Ma­ga­lie zwi­schen die Kämp­fen­den am Him­mel. Zu spät.

Lea­thans He­xen wa­ren El­sa­be und ih­ren Schwes­tern ent­kom­men. Die Fürs­tin ras­te über den Him­mel. Ne­ben ihr er­schien El­sa­be. »Du kannst sie nicht ein­ho­len.«

»Sie ha­ben Lot­te!«, schrie Ma­ga­lie ge­gen den Wind.

»Ich weiß. Sie wer­den Lot­te nichts an­tun. Wir ho­len sie zu­rück.«

Der Him­mel über der Lich­ten Welt war wie­der strah­lend blau, als sei nichts ge­sche­hen.

In der Vil­la tob­te Faith. »Sie kann uns nicht so ein­fach aus­schlie­ßen, ver­dammt. Dad, ich muss wis­sen, was ge­sche­hen ist.«

»Wir war­ten ab.« Ro­bert ver­such­te sei­ne Toch­ter zu be­ru­hi­gen. »Ma­ga­lie wird sich mel­den.«

Das hat sie im­mer ge­tan, dach­te er. Aber wenn sie sich ängs­tigt, kann sie zur Des­po­tin wer­den.

»Oh, nein.« Faith war wü­tend und gar nicht sei­ner Mei­nung. »Ich las­se mich nicht wie ein Klein­kind ins Kin­der­zim­mer ste­cken. Im­mer ge­schieht, was sie will.«

Faith’s Blick fiel auf ihre Toch­ter. Lisa lag auf dem durch­ge­le­ge­nen Sofa in Ro­berts Ar­beits­zim­mer und war ein­ge­schla­fen. Nur ihr ro­ter Schopf lug­te un­ter der bun­ten De­cke her­vor, in die auch sie sich als klei­nes Mäd­chen ge­ku­schelt hat­te. Sie trat an die Fens­ter­tü­ren. Von hier aus konn­te sie den ur­al­ten Baum mit dem ge­spal­te­n­en Stamm se­hen. Das Por­tal zur An­ders­welt .

Ro­bert stell­te sich ne­ben sie. »Denk nicht mal dran, du gehst nicht zu­rück, be­vor Ma­ga­lie sich ge­mel­det hat. Du kannst Lisa nicht al­lei­ne las­sen.«

Faith sag­te: »Sie ist nicht al­lei­ne, sie hat dich. Und mein Baby ist in Ge­fahr.«

Er sah auf das schla­fen­de Kind.

»Geh nicht«, fleh­te Ro­bert.

Sei­ne Angst um Faith war eben­so groß wie die ihre um ihre klei­ne Toch­ter. Er wuss­te, dass er sie nicht zu­rück­hal­ten konn­te, hoff­te aber, dass die An­ders­welt sie gar nicht ein­las­sen wür­de. Wenn die Feen es nicht zulie­ßen, gab es kei­ne Mög­lich­keit, durch das Por­tal in ihre Welt zu ge­lan­gen.

Faith öff­net eine der Tü­ren zum Gar­ten und lief über den Ra­sen zum al­ten Baum. Er be­ob­ach­te­te von wei­tem er­leich­tert ihre ver­geb­li­chen Ver­su­che. Sie be­schwor den Baum, fluch­te und schlug auf sei­ne Rin­de ein. Nichts half. Aber dann rief sie ihr Pferd. »Om­bra!«

Wie ein Phan­tom er­schien die herr­li­che Stu­te. Mit we­hen­der Mäh­ne ga­lop­pier­te sie auf Faith zu und stand nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter vor ihr still. Ro­bert at­me­te aus.

»Du brauchst die Stu­te nur zu ru­fen. Sie hört dich im­mer. Egal, wo du bist.«

Das wa­ren Ma­ga­lies Wor­te ge­we­sen. Dass ihre Toch­ter das ei­nes Ta­ges auch in der wirk­li­chen Welt aus­nüt­zen könn­te, dar­an hat­te die Fürs­tin nicht ge­dacht. Vor Ro­berts Au­gen ver­schwam­men die Um­ris­se der Stu­te, die Faith mit sich nahm.

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