„Wie du meinst.“ Lyrah D‘Orei öffnete die Tür. „Ich wünschte, du würdest dich ausruhen, aber ich weiß, dass du weiterarbeiten wirst.“
Sie verließ die Gemächer des Kaisers und kehrte zurück in den Teil des Palastes, in dem sich ihre Räume befanden. Als sie durch den Säulengang ging, sah sie, wie unten das Blut der Hingerichteten mit viel Wasser weggewaschen wurde. Das Gerüst, auf dem der Scharfrichter tätig geworden war, hatte man bereits abgebaut. Die schönen Mosaik-Muster des Innenhofes glänzten an den sauberen Stellen in der Sonne.
„Es könnte ein friedlicher Tag sein“, sagte eine Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich um. „Aran. Ich habe dich nicht kommen hören.“
„Wie auch. Ich stand die ganze Zeit hier. Seit dem Beginn des Schlachtens dort unten.“
„Du warst auf seiner Seite. Ohne dich hätte er es nicht geschafft, den alten Kaiser zu töten und sich auf seinen Thron zu setzen. Du hast die Wachen davon überzeugt, dass es Zeit für einen Wechsel ist. Sogar die Leibwächter und die Dienerschaft.“
„Alle wussten, dass es so nicht weiter gehen konnte.“
„Du hast die Macht, all diese Menschen – und unseresgleichen – von deinen Ansichten zu überzeugen. Eine Macht, über die Alambar D‘Rhan nicht verfügt. Warum …“
„Warum habe ich mich nicht selbst auf den leeren Thron gesetzt, nachdem Alambar sich die Hände schmutzig gemacht hat?“
„Ja. Es hätte zu dir gepasst. Niemand wäre erstaunt gewesen.“
„Manchmal ist der am mächtigsten, der im Schatten steht, weil keiner seine Macht in Frage stellt. D‘Rhan hat den Weg ins Rampenlicht gewählt. Ich werde ihn weiter unterstützen, solange sein Handeln unser aller Vorteil ist.“
„Es war nicht zum Vorteil der Männer und Frauen, die dort unten getötet wurden.“
„Das waren wenige. Du darfst nicht vergessen, dass es um unser aller Überleben geht.“
„Aber was wird als Nächstes kommen? Eine weitere Säuberungsaktion?“
„Eine Expedition zu den Inseln im Südmeer. Wir werden alle daran teilnehmen.“
Lyrah D‘Orei war erstaunt. „Davon hat er mir nichts gesagt.“
„Noch weiß nicht einmal er davon. Er hat die besten Schiffe der kaiserlichen Flotte nach Mersellen beordert, um in wenigen Tagen mit ihr abzureisen.“
„Dass wir mitkommen, hast du alleine beschlossen?“
„So ist es. Er wird es rechtzeitig erfahren.“
Lyrah D‘Orei verneigte sich leicht vor ihm. „Ich grüße den wahren Kaiser“, sagte sie ironisch.
Aran D‘Eein lachte und ging davon.
Ein Diener kam zu Alambar D‘Rhan und brachte ihm einen Teller mit Obst. Dabei beugte er sich zu ihm herunter und flüsterte: „Herr, der intrigante D‘Eein versucht, die ehrenwerte Dame D‘Orei auf seine Seite zu bringen. Sie haben sich eben unterhalten.“
D‘Rhan lachte und winkte ihn weg: „Ich weiß Bescheid. Besser, als es sich jeder hier vorstellen kann. Aber halte trotzdem Augen und Ohren weiter offen.“
„Ja, Herr.“ Der Diener verließ die Gemächer.
D‘Rhan griff unter seinen Umhang und holte einen fingerlangen Metallstift hervor, den er zärtlich streichelte. „Ich weiß alles, was man wissen kann. Aber das Wissen der Alten Menschen geht mir noch ab. Du wirst es mir eines Tages verraten, nicht wahr, Bea? Erst dann ist mein Triumph vollkommen. Du hast versucht, dich selbst zu zerstören, als du uns kommen sahst, tief unten, im Herzen des Nebelkontinents. Du hast versucht, mit deiner Existenz auch das Wissen der Alten Menschen für immer von diesem Planeten zu verbannen. Ein verwegener Plan für eine Maschine. Nun bist du in meiner Hand, Bea, und du weißt es nicht einmal. Diesmal bin ich im Vorteil. Was mir noch fehlt, ist eine Maschine, mit der ich dein Wissen lesbar machen kann. Das Wissen, um diesen Planeten zu beherrschen und wieder zurückzukehren in die Reiche der Alten Menschen, wo sie in Herrlichkeit leben für immerdar.“
Er runzelte die Stirn, bevor er hinzufügte: „Wer weiß, was die von einem wie mir halten, dem Ergebnis eines misslungenen Gen-Experiments auf einem Planeten weit draußen irgendwo im Weltall. Vom Kaiser eines Reiches, in dem Schwerter aus Stahl und gusseiserne Kanonen die modernsten Waffen sind, und Segelschiffe und Pferde die schnellsten Fortbewegungsmittel. Aber egal, das wird die Zeit uns lehren. Schlaf weiter, Bea, bis zu dem Tag, an dem ich dir dein Wissen entreißen werde. Und sei sicher, das wird der Tag deines endgültigen Todes sein.“
Er steckte den Metallstift sorgfältig weg und klingelte. „Der Oberst der Wache soll kommen“, befahl er.
Es war ein Wunder, wie gehorsam die Diener und die Wachen, aber auch die ganze Armee des Kaiserreiches, ihm gehorchten. Dieses Wunder, das wusste Alambar D‘Rhan, trug den Namen Aran D‘Eein. D‘Eein versuchte, das Kaiserreich aus dem Hintergrund zu regieren. Stöhnend schob sich D‘Rhan in eine bequemere Position. Die Idee, ihn als Puppe zu benutzen, hatte etwas Erheiterndes – war er es doch gewesen, dem es gelungen war, den alten Narren zu lenken und ihm Gedanken einzugeben, die der bereitwillig für seine eigenen hielt. Auch die Sache mit dem Nebelkontinent war Alambars Idee gewesen. Er war es gewesen, der das Menschenpaar aufgespürt hatte, er war es gewesen, der Einfluss auf die Gerichtsverhandlung genommen hatte, um die Kinder zu Lagerarbeit verurteilen zu lassen.
Alambar grinste. Oh, ja. D‘Eein glaubte ihn an der Strippe zu haben – dabei war es umgekehrt. Er hatte dessen Talent im Beeinflussen von niederen Dienstboten und der Militärhierarchie erkannt und gezielt eingesetzt. Er würde sich auch weiter D‘Eeins Dienste bedienen – bis er ihn nicht mehr brauchte.
Heftiges Klopfen an der Tür schreckte ihn aus seinen Gedanken hoch. Die Tür öffnete sich, ohne dass er „Herein!“ gerufen hätte. Der Oberst der Wache trat ein. Er war ein Mensch, ein stämmiger Mann mittleren Alters mit einem roten Gesicht, das eigentlich nicht gerade für seine körperliche Fitness sprach. Aber er hielt sich kerzengerade und machte in seiner Uniform den Eindruck eines Mannes, der aus unzerstörbarem Metall geformt schien.
D‘Rhan lächelte ihn an und winkte ihn, sich neben sein Lager zu setzen. Menschen waren unheimlich leicht durch Äußerlichkeiten zu beeindrucken. Die Räume des alten Narren, die er jetzt bewohnte, waren vor allem deshalb so düster eingerichtet worden – auf D‘Rhans Vorschlag hin. Die wenigen Menschen, denen es vergönnt war, dem Kaiser leibhaftig von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, schauderten jedes Mal, wenn sie hier hereinkamen.
„Wie ist die Lage, Oberst Maley?“ Der Oberst war seit D‘Rhans Putsch nicht nur zuständig für die gesamte Militärmacht im und um den Kaiserpalast, sondern diente auch als Verbindungsoffizier zu den Truppen und den Geheimdiensten. Zumindest, solange sich D‘Rhan deren Loyalität nicht völlig sicher war. Er würde, wenn die jetzige Aktion abgeschlossen war, auch dort eine Säuberungsaktion starten, die eine Menge Köpfe ins Rollen bringen würde – Menschenköpfe, deshalb war das nicht so tragisch. Erst danach würde er neue Führungsoffiziere einsetzen. Bis dahin sollte jeder Offizier im Dienst des Kaisers glauben, dass er durch sein Verhalten eine gute Chance hatte, davonzukommen.
Obwohl er auf einem Stuhl saß, gelang es dem Oberst, so etwas wie Haltung anzunehmen, während er meldete: „Der Palast ist sicher, Majestät, das Umland ist ruhig. Die Geheimdienste melden, dass der Bevölkerung noch gar nicht bewusst geworden ist, dass sie von einem neuen Herrn regiert wird.“
„So soll es zunächst bleiben. Sie sollen es an meinen Taten bemerken.“ Nachdenklich musterte D‘Rhan den Oberst, der sich nur hatte setzen dürfen, weil D‘Rhan ungerne nach oben sah – es bereitete ihm Schmerzen. „Gibt es Neues vom Nebelkontinent?“
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