„Auf den Brückeninseln sieht es auch nicht viel anders aus, zumindest wenn man von der Küste weg kommt“, erzählte Perret. „Dschungel, Berge und angeblich sogar Wüsten auf den ganz großen Inseln.“
„In einer Wüste war ich noch nie. Wie ist das so?“
„Trocken, sagt man. Und gefährlich. Eigentlich ist es überall auf dem Festland gefährlich. Ein Schiff auf hoher See ist allemal sicherer als jedes Stück Land, das ich kenne.“
„Ich hasse Schiffe“, fuhr es Macay heraus.
Perret zog nur die Augenbrauen hoch.
„Ist dieses Gewürz, das auf den Inseln geerntet wird, auch eine Sumpfpflanze wie Lassach?“, fragte Macay, um das Thema zu wechseln.
„Nein. Ein kleiner Strauch mit grünen Beeren. Die werden getrocknet und gemahlen, das ergibt dann das Gewürz. Aber in frischem Zustand sind die Beeren ätzend und sie färben die Hände schwarz. Man kriegt das kaum mehr ab. Vor allem die Frauen haben unter der Ernte zu leiden, weil sie die feineren Finger haben. Die Männer müssen sich um das Trocknen, Mahlen und Verpacken kümmern.“
„Frauen sind auch in den Lagern? Hier auf dem Nebelkontinent sind selten Frauen unter den Gefangenen.“
„Ja. Man hat auch politische Gefangene dorthin geschickt. Ehepaare, denen man die Kinder weggenommen hat, und dergleichen.“
„Meine Eltern sind auch vom Kaiser verschleppt worden“, sagte Macay traurig. „Er hat sie vermutlich für Experimente missbraucht und getötet.“
„Schlimm“, gab Perret zu. „Wie heißt du überhaupt?“
„Macay Saadecin.“
„Nein, der Name sagt mir nichts. Wo kommen denn deine Eltern her?“
„Aus Mersellen. Mein Vater ist ein großer Mann mit dünnen, hellen Haaren. Meine Mutter ist kleiner, ein wenig rundlich und hat lange, schwarze Haare, die sie hinten immer zusammengeknotet trägt. Sie lacht gerne.“ Macay blieb stehen. Tränen liefen ihm über das Gesicht.
„So ein Paar habe ich gesehen. Aber ich will dir keine falschen Hoffnungen machen. Die Beschreibung trifft auf sehr viele Menschen zu, und in den Lagern verändert man sich auch. Bist du sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind?“
„Ja. Wir haben es, glaube ich, nicht mehr weit.“
Sie marschierten weiter und schwiegen – Macay, weil er an seine Eltern dachte, Perret, weil er Macay nicht wieder auf traurige Gedanken bringen wollte. Kurz, bevor die Dämmerung hereinbrach, durchquerten sie die letzten Ausläufer des Dschungelgebietes. Vor ihnen lag eine der friedlicheren Landschaften des Nebelkontinents: sanfte Hügel und saftige Wiesen, unterbrochen von Gebüsch und Wäldchen. Am Horizont stieg eine Rauchsäule in den Himmel.
„Das ist Eszger“, erklärte Macay. „Wir sind zu weit südlich herausgekommen. Man wird schon auf uns warten.“
Das Dorf war in heller Aufregung, weil es die befreiten Flüchtlinge zu versorgen hatte. Außerhalb der Palisaden errichtete man Zelte, eine Feldküche wurde aufgebaut und überall schwirrte Harlan, der junge Heiler umher, um den Verletzten und von der Flucht Erschöpften Linderung zu verschaffen. Eban und die anderen beiden Männer, die mit Macay unterwegs gewesen waren, wurden als Helden gefeiert. „Macay hat sich wie ein Verrückter nicht vom Kampf gegen die Wächter abbringen lassen. Vermutlich ist er gefallen oder gefangen genommen worden“, hatte Eban berichtet.
Zunächst achtete in dem Durcheinander niemand auf Macay und Perret. Erst, als sie den Ort betraten, wurde man auf sie aufmerksam. Mit großem „Hallo!“ begrüßte man sie und führte sie zum Haus des Rates von Eszger. Dort residierte Mirjam, die inzwischen zur neuen Vorsitzenden der Ratsversammlung gewählt worden war.
Mirjam war dabei, alles Notwendige für die Versorgung der Flüchtlinge zu planen, gleichzeitig aber auch die Verteidigungsbereitschaft des Dorfes zu organisieren. Sie war sich nicht sicher, ob nicht doch einige Wächter oder ein paar von den gefürchteten Kopfgeldjägern auftauchen würden, um die Befreiten wieder zurückzuholen. Auch in Eszger hatte es sich herumgesprochen, dass Arbeitskräfte in dem Lager an der Küste knapp waren.
Mirjam umarmte Macay. „Du siehst ziemlich mitgenommen aus“, sagte sie. „Bist du verletzt? Harlan soll sich um dich kümmern.“
„Nein, alles in Ordnung. Das ist Perret. Er hat die Massenflucht organisiert. Gegen den Widerstand der meisten anderen Gefangenen.“
Mirjam sah Perret prüfend an. „Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee war.“
„Ich schon. Ich bin frei und werde versuchen, irgendwie nach Mersellen zu gelangen. Dort organisiere ich mir ein Schiff und hole meine restlichen Leute zurück. Einige sind immer noch auf den Brückeninseln, andere sitzen hier im Lager, weil ihnen die Flucht nicht gelungen ist.“
„Dabei wünsche ich Ihnen viel Glück“, sagte Mirjam, aber es hörte sich so an, als würde sie es nicht meinen.
„Perret glaubt, dass meine Eltern auf den Brückeninseln gefangen sein könnten“, sagte Macay. „Ich muss dort hin und nachsehen. Wenn Perret eine Möglichkeit findet, nach Mersellen zu gelangen, werden Rall, Zzorg und ich mit ihm reisen. Wo sind die beiden?“
Mirjam runzelte die Stirn und sagte wie nebenbei: „Sie sind weg.“ Dann wandte sie sich einem Ratsmitglied zu, der etwas über Nahrungsmittelvorräte sagte.
„Weg? Wohin?“
„Ich weiß es nicht. Ein Bote ist gekommen, jemand von den südlichen Stämmen der Echser. Seine Nachricht hat sie veranlasst, sofort mit ihm aufzubrechen.“
Macay konnte sich nur vorstellen, dass es sich um eine kurze Erkundung handelte. „Sie würden nicht ohne mich auf Abenteuer ausziehen“, sagte er. „Wann kommen sie wieder?“
„Tut mir leid Macay. Ich glaube, erst in einigen Wochen. Sie haben sich für eine weite Reise vorbereitet.“
„Wohin?“
„Ich weiß es nicht.“
Macay hatte das sichere Gefühl, dass Mirjam log, aber er war zu verletzt durch die Neuigkeiten, als dass er die Kraft gehabt hätte, es ihr vorzuwerfen. Seine besten Freunde, mit denen er so viele Abenteuer erlebt hatte, waren ohne ihn losgezogen! Wie oft hatte er ihnen – und sie ihm! – das Leben gerettet auf ihrer gemeinsamen Reise zum Herzen des Nebelkontinents. Und nun das.
Perret, der schweigend zugehört hatte, verstand durchaus, was vorgefallen war: „War wohl nichts. Man kann sich im Leben immer nur auf sich selbst verlassen, Jungchen. Erst, wenn du der Kapitän bist, kannst du eine Mannschaft formen, die dir gehorcht. Als Gleicher unter Gleichen gehst du unter. Wobei, nichts für ungut, du in deinem Alter wahrscheinlich sowieso noch nicht als Vollwertiger angesehen wirst. Ich werde jetzt den Heiler meine Wunde behandeln lassen. Dann suche ich mir ein paar Leute, die bereit sind, mit mir zurück zur Küste zu gehen und irgendwie ein Schiff zu kapern – ein Vorhaben, das du vereitelt hast!“
Im Kaiserpalast
Alambar D‘Rhan beobachtete, wie die Verurteilten unten im Hof zum Richtblock geführt und vom Scharfrichter hingerichtet wurden. Einer nach dem anderen. Es war ein schmerzlicher Anblick für ihn, aber er musste zeigen, dass er stark war. Er musste Angst und Schrecken verbreiten unter seinesgleichen. Jede Schwäche würde sofort von den Gefolgsleuten des alten Kaisers ausgenutzt werden, um ihn zu beseitigen.
Einer der von ihm zum Tode Verurteilten sah auf seinem letzten Gang hoch und schrie D‘Rhan wütend zu: „Du wirst büßen für das, was du getan hast! Schlimmer, als du es dir vorstellen kannst.“
Nachdem sein Kopf gefallen war, sagte D‘Rhan: „Ich habe schon gebüßt. Schlimmer, als du es dir je vorstellen konntest.“
Nachdem die letzte Hinrichtung vollzogen war, wandte er sich um. Lyrah D‘Orei stand hinter ihm.
„Das war nicht notwendig“, sagte sie. „Es war grausam und unser nicht würdig.“
„Nur mit Härte können wir überleben“, rechtfertigte sich D‘Rhan, wie er es in den letzten Tagen schon oft getan hatte. „Wir sind dabei, auszusterben …“
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