Zu Hause machte ich mir Gedanken um Violetta und um mich selbst auch. Zum zweiten Mal war ich davongelaufen. Warum eigentlich dieses Mal? Amanda, sprach ich im Geiste zu Amanda, vielleicht kann man alle Frauen haben. Aber sowie sich mir eine Frau nähert, eilen meine Füße davon, als steckten sie in des kleinen Mucks Pantöffelchen! Das nächste Mal will ich es wissen. So oder so! beschloss ich. Meine Fluchtneigung artet aus. Sie ist zu bekämpfen. Es muss auch nicht meine zukünftig Einzige sein. Arme Violetta! Ich gedachte ihrer mit Reue, hatte sie mir doch immerhin gefüllte Paprikaschoten bereitet und mich mit hervorragenden - sicher als Hochzeitsgabe gemeinten - Bildbänden beschenkt.
Etwa zehn Tage danach, an einem Sonnabendabend, klingelte es. Die Sprechanlage funktionierte nicht. Ich drückte auf den Summer in der Hoffnung, Ute benötige schon einen Tag vorfristig meine Gesellschaft. (Das Meiden, das Meiden tut weh!...) Vor meiner Tür erblickte ich ein Wesen, klein, etwa so breit wie hoch, die Haare borstenkurz, die Brille stark geschliffen. Ich sah auf die Hände, die auch klein, die Schuhe ebenfalls, schaute auf die Knöpfung des Wildlederjacketts, auch die Hosen waren übrigens aus Wildleder, und kam zu dem Schluss, dass es sich um ein weibliches Wesen handelte. Entschuldigen Sie meinen Besuch, sagte die Fremde. Ich hätte ein Anliegen. Ihre Stimme hätte im Chor durchaus alle männlichen Parts übernehmen können, eher den Bass als den Bariton. Da sie sehr laut sprach, war sie offenbar nicht nur kurzsichtig, sondern auch schwerhörig.
Und welches?
Es geht um… Sie dämpfte ihre Stimme und sagte den bürgerlichen Namen von Violetta.
War Violetta etwas zugestoßen? Hatte sie es sich so sehr zu Herzen genommen, dass ich ihre inniglichen Briefe nicht beantwortete?
Ich ließ das fremde Wesen ein.
Mit gemessenen, seinen den kurzen Beinen angepassten Schritten, betrat es meine Wohnung.
Sie rauchen?, fragte überlaut Bromelia, wie ich sie nun nennen werde.
Ich verneinte.
Aber ich darf? Sie machte es sich auf der nächsten Sitzgelegenheit bequem, streckte ihre kurzen Beine aus, suchte sich einen Teller aus, den sie als Ascheablage benutzte. Hübsch haben Sie es!, dröhnte sie.
Ich denke auch. Was ist mit... ? Ich nannte Violettas bürgerlichen Namen.
Nichts, nichts Besonderes.
Das fand ich nun sehr hübsch. Mich plagten Gewissensbisse, nur weil mich Violetta dauerte, saß dieses Menschenkind in meinem Appartement. Und nun fehlte Violetta gar nichts. Ich beschloss, eine Weile höflich zu bleiben. Sie sind befreundet?
Wie man's nimmt!, brüllte sie. Spielen Sie Karten?
Nein.
Ich ja. Ich spiele Skat, Canasta, 66. Ich habe schon im Preisskat gewonnen! Ich kann Ihnen auch eine Patience legen.
Um Gottes willen. Ich wusste, dass Patienten wie Patiencen viel Geduld, also Zeit benötigten. Ich aber war nicht bereit, mehr als eine Viertelstunde zu opfern.
Ich habe Karten dabei! Bromelia hatte offenbar meinen Einwand nicht gehört. Sie packte ohne Weiteres Karten aus ihrem Einkaufsbeutel, begann sie auf meinem Tisch auszubreiten. Dringlich wünschte ich mir meinen Kater Philoktet, dass er alle Karten durcheinanderbrächte und ihm auch sonst noch allerlei Unfreundlichkeiten einfielen. Aber er war in diesem Fall nicht zu gebrauchen, da er ja lediglich in meiner Einbildung existierte.
Bromelia stellte eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn auf den Tisch, einen guten Klaren, den man nicht so ohne Weiteres bekam. Als sie meinen zweifelnden Blick sah, schrie sie: Wir müssen den ja nicht niedermachen.
Sie legte die Karten, brummelte vor sich hin. Ich begann mich an sie als vorübergehend bei mir abgegebenes größeres Haustier zu gewöhnen, das beliebte, Karten zu legen und sich hin und wieder Schnaps einzuschenken. Ich selbst enthielt mich.
Und wie sind Sie mit der Dame aus Dessau bekannt?, fragte ich nach einer Weile. Wieder hörte sie nicht. Ich wiederholte meine Frage in einiger Phonstärke.
Sie blickte auf und sah mich ruhig an. Sie müssen nicht so schreien, brüllte sie. Ich kann von Ihren Lippen ablesen. Sprechen Sie nur deutlich.
Ich nickte.
Sie sind ein anständiger Mensch, dröhnte sie. Noch unwissend, schätze ich. Sie sind ihr neulich davongelaufen. Sie lachte. Das haben Sie gut gemacht.
Ich gewöhnte mich auch an Bromelias lautes Reden. Doch da ich nicht wusste, ob die Nachbarn genauso an der Weiterführung des Gesprächs wie ich interessiert waren, drehte ich das Radio auf. Dann erst stellte ich meine nächste Frage. Wie gut kennen Sie sie?
Na ja ... ich fahre regelmäßig hin.
Ich versuchte überhaupt kein Gesicht zu machen.
Da ich nichts weiter sagte, fühlte sie sich nach einer Weile zu einer Erklärung bemüßigt und sagte: Schließlich hat es jeder Mensch nötig. Auch wenn er so aussieht wie ich. Hinter ihren Brillengläsern funkelten ihre Augen, klein wie Stecknadelköpfe schienen sie.
Ich senkte meinen Blick. Wieviel hatte sie jener Violetta voraus. Sie war eine Frau, die ihr Schicksal annahm und - wie man so sagt - das Beste daraus machte, was in der Liebe immerhin schlimm genug war.
Und wie sind Sie zu meiner Adresse gekommen?
Es liegen immer Briefe unter ihrem Couchtisch.
Nun plagten mich keinerlei Gewissensbisse mehr wegen der zwei Kunstbände. Meine Briefe werden zur allgemeinen Besichtigung freigegeben?, vergewisserte ich mich.
Wie alle. Bromelia zuckte mit den Schultern. So ist das Leben. Sie nahm einen starken Schluck aus der Flasche, so dass ich ihr dann doch lieber ein Glas anbot, legte an dem Abend noch eine Patience und noch eine. Keine ging auf. Es schien, sie fühlte sich äußerst wohl bei mir. Dennoch hielt ich mich nicht an mein gerade gegebenes Versprechen, auf die nächste Frau zuzumarschieren, als gälte es, Feindesland einzunehmen. Irgendwann erhob sie sich von meinem Stuhl. Schöne Bücher haben Sie, tolle Bildbände, sagte sie und besah sie sich der Reihe nach. Auf meine hervorragenden Landschaftskopien aus dem neunzehnten Jahrhundert machte ich Bromelia nicht aufmerksam.
Kann ich mir ein Buch ausleihen?, fragte Bromelia.
Ich nahm die Frage freundlich auf, da ich auf geistiges Interesse schloss, und nickte.
Sie sind eine schöne Frau, sagte Bromelia. Das wusste ich. Leider konnte ich das Kompliment nicht zurückgeben. Es hat mich gefreut, sagte ich. Aber...
Wenn ich mir hin und wieder ein Buch ausleihen dürfte. Das genügt mir schon. Bromelia schritt tapfer und leicht trunken auf die Wohnungstür zu. Ich gab ihr die halbgeleerte Flasche Nordhäuser Doppelkorn mit. Ein Trost sollte ihr bleiben.
Bei dir stinkt es, sagte Ute am folgenden Nachmittag. Alkohol und Zigaretten. Pfui Teufel.
Ich habe Besuch gehabt.
In ihrem Gesicht begann ein freudvolles Fragen. Und weil ich so gar nicht darauf einging, sagte sie: Na, ich hab's gewusst. Wo hast du ihn kennengelernt! Oder ist es etwa ein Nachbar?
Ich schüttelte den Kopf.
Wieder eine Annonce?
So ungefähr.
Und mir sagst du nichts davon!
Warum sollte ich. Du kannst mich doch nicht verstehen. Du willst doch nur einen Mann für mich.
Lieber, gab Ute zu.
Dabei kannst du es nicht beurteilen, sagte ich. Du weißt nichts von Frauen. Die Liebe mit ihnen ist so unerhört, so einmalig. Ach mein Utchen, sagte es zärtlich in meinem Herzen, wenn du wüsstest, auf Händen würde ich dich tragen.
Mir hat's nichts gebracht, sagte Ute trocken.
Was?
Ich hab's ausprobiert. Man muss alles kennenlernen. Aber ich kann nichts dran finden. Ein bisschen schmusen ist doch nicht alles. Ich brauche Sex, richtigen Sex.
Den kriegst du auch mit einer Frau.
Ich nicht. Ich brauche einen Mann, ich brauche ihn ganz und gar, ihn ganz besonders, aber auch alles andere, seinen ganzen festen Männerkörper, die Haare, wo sie auch wachsen, alles macht mich rasend. Ich bin verrückt auf Männer.
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