»War der Nachmittag schön, ma chère?«, fragte sie ahnungslos, wunderte sich aber mit Sicherheit über
das traurige Gesicht ihrer Tochter, »habt ihr schön gespielt und gefeiert?«
Alina kämpfte nicht mehr mit den Tränen. Schon lange nicht mehr. Nein, sie blickte ihre Mutter direkt an, verzog ihre Lippen sogar zu einer Art von Lächeln.
»Ja, Maman, es war wunderbar«, log sie, »schade, dass der Nachmittag so schnell verflogen ist.«
Alabima schien beruhigt, fuhr ihrer Tochter mit der Hand sanft über den Scheitel.
»Dann ist ja alles gut, wenn ihr euch so prächtig amüsiert habt.«
Mit diesen Worten ging sie mit ihren Tüten ins Haus. Alina erhob sich vom Stuhl, spürte das Kribbeln von Ameisen in ihren Füssen und Unterschenkeln, fühlte für einen Moment ganz weiche Knie. Doch das ging vorüber und sie begann, die Bälle und Luftmatratzen zusammen zu suchen, zu entleeren und zu falten. Sie trug alles zurück ins Pool-Haus, begann dann all die überzähligen Stühle und Liegen hinüber zu tragen und zu schieben. Die Tische und die Ständer für die Sonnenschirme waren allerdings zu schwer für sie. Die würde Maman am nächsten Morgen wegräumen.
»Hast du noch Hunger? Willst du was essen?«, fragte Alabima eine Stunde später in ihr Zimmer hinein, wohin sich Alina still zurückgezogen hatte.
»Nein, danke«, meinte die fast Zehnjährige, »ich hab drei Hamburger verdrückt und einen Berg Eiscreme.«
»Dann ist es ja gut, ma chère«, meinte Maman und ließ sie wieder allein.
*
Kenia
»So kann es nicht weitergehen.«
Fu Lingpo hatte das Abendessen beendet, saß noch vor seiner dritten Tasse Kaffee, den er stets schwarz und ohne Zucker trank, sah Sophie Shi mit einem Gesicht an, das zwischen Entschlossenheit und Zaudern hin und her zu pendeln schien. Sie lächelte, wirkte vorsichtig und melancholisch zugleich.
»Was meinst du damit? Mit uns?«
»Mit unserem Leben. Mit unserer finanziellen Lage und unserer Zukunft. Sophie, wir schlagen uns immer noch nur ganz knapp durch, haben einen Großteil unserer Ersparnisse in den letzten Jahren aufgebraucht und können kein neues Geld zurücklegen, leben von der Hand in den Mund.«
»Und wir werden zudem nicht jünger…«, ergänzte Sophie, »…willst du wohl sagen?«
Er nickte, schwer und bedrückt. Ja, Fu Lingpo fühlte sich als Versager, eigentlich seit sie mit Hilfe von Jules Lederer hierher nach Kenia gelangt waren. Denn nichts hatte in beruflicher Hinsicht bislang funktioniert. Gerade die ersten Monate mit all den Absagen an ihn waren äußerst hart gewesen. Für das eigene Ego, für seinen Stolz. Gerne wäre er den stets herablassenden Sachbearbeitern in den Personalabteilungen an die Gurgel gegangen, hätte ihnen kurzerhand das Genick gebrochen, diesen überheblichen, frechen Idioten, die in ihm bloß den alten, chinesischen Bittsteller sahen und zu dumm waren, um die Gefahr zu erkennen, die von ihm ausgehen konnte. Druck und Gewalt auszuüben, das hatte er gelernt, darauf konnte er jederzeit zurückgreifen. Doch Sophie war strikte dagegen gewesen. Okay. Ein wenig Hehlerei akzeptierte sie mittlerweile, so lange kein Unbeteiligter durch ihn verletzt oder getötet wurde.
»Ich könnte einen Millionär entführen. Ein Lösegeld erpressen.«
Sophie Shi schüttelte ablehnend den Kopf, zeigte ein unwilliges Gesicht, sagte aber nichts.
»Oder einen Supermarkt überfallen. Die Tageskasse stehlen.«
Wiederum das stumme Schütteln.
»Aber irgendetwas muss ich doch unternehmen? In wenigen Jahren sind wir beide zu alt dazu. Bis dahin müssen wir mindestens zweihundert Millionen KES auf die Seite gelegt haben. Oder willst du im Armenhaus oder gar auf der Straße landen?«
Sophie sah ihn ruhig an, ließ Fu spüren, dass sie weiterhin an ihn glaubte, dass sie die Zukunft nicht derart Schwarz sah, solange sie beide nur fest zusammenhielten und am selben Strang zogen.
»Ich hätte Heri Njoroh erpressen sollen, statt ihn und Chemal zu töten.«
»Du bist wegen Hughudu nach Garissa zurückgekehrt, nicht wegen irgendwelchem Geld«, erinnerte ihn die Chinesin an seinen Stolz und an seine Moral. Er nickte verdrossen.
»Und was schlägst du vor, Sophie?«, drehte er den Spieß um, »wie kommen wir beiden aus diesem Tal ohne jede Hoffnung heraus?«
Die Frau schwieg, wirkte nachdenklich und so kehrte auch der Mann in sich, dachte angestrengt nach, an ihre Möglichkeiten, an irgendeine Chance, mochte sie auch noch so vage sein.
»Vielleicht sollte ich wirklich hier ein Bordell eröffnen? Man würde mich bestimmt respektieren…«
Fu verstummte, hatte den schmerzlichen Gesichtsausdruck von Sophie erkannt. Sie hatte damals in Hongkong als Prostituierte gearbeitet. Und auch wenn sie nie mit einem ihrer Kunden ins Bett gestiegen war, sich nicht von all den geilen Arschlöchern hatte befummeln und bespringen lassen, so hatte sie doch nicht nur ihre Zeit, sondern auch ihren Körper und ihre Würde für Geld verkauft.
»Nein«, sagte sie nun hart zu ihrem Mann, »niemals. Versprich es mir.«
Er nickte: »Ja, Sophie. Du hast mein Wort … ich liebe dich.«
Sie lächelten einander einen kurzen Moment lang glücklich zu, wurden aber rasch wieder ernst, fielen zurück in den Trübsinn ihrer Gedanken.
»Man o´war«, meinte Sophie Shi plötzlich und hatte ein Leuchten in ihren Augen.
»Man o´war?«, fragte Fu Lingpo irritiert zurück, »was meinst du damit?«
»Frigatebirds – Fregattvögel. Sind sie nicht die besten Segler der Welt und jagen anderen Raubvögeln die Beute ab?«
Der Chinese überlegte, dachte an seine vielen Kontakte mit der Halb- und der Unterwelt, an die Informationen, die er an Interessierte weiterreichte. Manchmal erhielt er als Hehler bereits im Voraus einen Tipp oder eine Anfrage, wie hoch beispielsweise sein Goldankaufspreis lag oder wie viel er für Diamanten bezahlte. Er könnte in solchen Fällen bestimmt der Sache auf den Grund gehen, vielleicht ab und zu die Diebe und Einbrecher während ihrer Taten ertappen, sie unschädlich machen und so an die Beute gelangen, ohne selbst und direkt zu stehlen.
»Sag mal«, wandte er sich an seine Frau, »dieser Fregattvogel. Wie gelangt er an die Beute der anderen Raubvögel? Die wehren sich doch bestimmt? Die haben doch auch scharfe Schnäbel und Krallen? Verletzen sich die Vögel nicht gegenseitig?«
»In der Regel nicht, soviel ich weiß. Der Man o´war ist einfach ein viel zu geschickter Flieger, stürzt sich auf die anderen Vögel aus großer Höhe hinab, erschreckt sie mit seiner plötzlichen Attacke, so dass sie ihre Beute fallen lassen und fliehen. Und er schnappt sie sich dann, bevor sie zurück ins Wasser fällt, segelt mit ihr davon.«
Fu sagte eine lange Zeit nichts dazu, grübelte und wägte ab.
»Und wenn ich jemanden dabei verletzen oder gar töten muss, um an seine Beute zu gelangen?«
Die Gesichtszüge der Chinesin verhärteten sich nun, zeigten ein erstes Mal, wie sehr sie über ihre schlingernde Apotheke und die finanzielle Situation besorgt war.
»Es sind doch bloß Verbrecher, oder?«
Fu nickte ohne Begeisterung, aber auch ohne jede Furcht.
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