»Du darfst dich nicht aufgeben, Liebling«, flüsterte sie, fühlte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Ihr trauriger Gesichtsausdruck ließ ihn verloren lächeln.
»Hat Shridar eine Nummer hinterlassen, wo man ihn erreichen kann?«
Alabima nickte.
»Dann ruf doch bitte Henry an und gib sie ihm. Vielleicht kann er Shridar helfen, falls er Zeit hat.«
Es trat eine Stille zwischen ihnen ein, nicht unangenehm, nicht peinlich, sondern bloß unendlich traurig.
»Ich weiß ja, Liebling, dass du nicht ans Ewige Leben glauben kannst. Doch gerade deswegen musst du doch umso härter mit dem Tod kämpfen, für jeden einzelnen Tag, jede Woche, jeden Monat.«
Alabima hatte den verlorenen Faden wieder aufgenommen. Doch Jules schüttelte matt seinen Kopf, wirkte dabei irgendwie entschlossen oder sogar ärgerlich, gleichzeitig aber auch auf eine traurige Weise verloren. Er schloss ermüdet die Augenlider, legte seinen Kopf zurück auf das Kissen, drehte das Gesicht wieder zum Fenster hin und begann dann leise und langsam zu singen, erst flüsternd und stockend, beinahe nur murmelnd, dann aber immer sicherer und lauter.
»Row, row, row your boat,«
»Gently down the stream.«
»Merrily, merrily, merrily, merrily,«
»Life is but a dream.«
»Rudere, rudere, rudere dein Boot,«
»Sanft mit der Strömung hinab.«
»Sei fröhlich, sei fröhlich, sei fröhlich, sei fröhlich,«
»Das Leben ist nur ein Traum.«
Er wiederholte den einfachen Reim dieses amerikanischen Volksliedes immer und immer wieder, steigerte sich immer tiefer in die Zeilen und Worte hinein, machte ihre Aussage geradezu zu einem Gebet. Alabima saß auf der Bettkante, blickte auf ihren Jules hinab, erkannte in seinem ruhigen Gesicht die unendliche Traurigkeit, die Verlorenheit. Tränen füllten erneut ihre Augen, kippten über die unteren Lider, flossen in zwei schmalen Rinnsalen über ihre Wangen, tropften vom Kinn auf die Bettdecke, während sie den wieder leiser werdenden Worten ihres Gatten lauschte und in seinem nun entspannt daliegenden Gesicht weiterhin nach einem Funken Hoffnung suchte. Irgendwann verstummte er ganz. Seine ruhigen Atemzüge zeigten, dass er eingeschlafen war.
Leise und behutsam stand sie vom Bett auf, deckte ihn sorgfältig zu und verließ das Zimmer. Auf dem Flur begegnete sie zwei Pflegerinnen, die beisammenstanden und einen Schwatz hielten. Beim Anblick der Afrikanerin mit dem verweinten Gesicht blickten sie erst erschrocken hoch, danach aber voller Mitleid hinter ihr her. Sie kannten den oft langwierigen Trennungsprozess zwischen einem Krebspatienten und seinen Angehörigen leider zu gut, nahmen trotzdem immer noch Anteil daran. Einer der Chirurgen des Hospitals kam hinzu, blickte die beiden Schwestern strafend an.
»Etwas mehr Professionalität, meine Damen«, schnarrte er sie an, während er an ihnen vorbeischritt und im Zimmer eines seiner Fälle für den nächsten Morgen verschwand. Die beiden Pflegerinnen blickten ihm nach, bis sich die Türe hinter ihm geschlossen hatte. Keine der beiden sagte etwas.
*
Henry Huxley rief Shridar Kumani noch am selben Abend an. Er stellte sich dem überraschten Inder als guter Freund von Jules Lederer vor, erwähnte seine enge Zusammenarbeit mit dem Schweizer und dass sie gemeinsam manch heikle Mission bewältigt hätten. Kumani reagierte zuerst verunsichert und durchaus ablehnend, wurde jedoch über die Dauer des Gesprächs interessierter. Der Brite schien zu wissen, wovon er sprach, wirkte seriös, abgeklärt. Jules Lederer musste wohl gute Gründe kennen, warum er ihm gerade diesen Mann empfahl.
Am Ende ihres Gesprächs vereinbarten sie, dass Huxley in wenigen Tagen nach Indien käme. Sie tauschten ihre Handynummern aus. Der Brite würde Kumani anrufen, sobald er den Reisetag und die voraussichtliche Ankunftszeit in Guwahati kannte.
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