»Na und?«, gab Erina betont sanft zurück, »das ist doch sein gutes Recht. Oder hast du Angst vor der Konkurrenz?«
»Verstehst du nicht, Erina«, gab Mutobo unwirsch zurück, »das kann der Anfang vom Ende aller Zusammenarbeit sein. Wer weiß denn, mit was für kruden Ideen dieser Imam bin-Elan die Köpfe der Kinder füllen wird?«
Erina streckte ihren linken Arm über den Tisch aus, legte ihre Hand beruhigend auf seinen rechten Unterarm.
»Lass es doch erst einmal auf dich zukommen. Der neue Imam hat doch noch nicht einmal mit allen einflussreichen Stammesfürsten, geschweige den Ältesten in den umliegenden Dörfern gesprochen. Die werden ihm schon die notwendigen Leitplanken setzen. Die sind doch nicht dumm und setzen leichtfertig aufs Spiel, was sie sich mit Hilfe des Entwicklungsprojekts selbst erarbeitet haben? Es wird nichts so heiß gegessen, wie gekocht. Aber wenn du noch länger herum lamentierst, dann wird das Gemüse und das Fleisch bestimmt kalt sein.«
Mutobo sah sie erst zweifelnd an. Dann lächelte er etwas gequält, setzte sich noch einmal vor dem Teller zurecht. Sie beteten zu dritt still ein paar Worte, senkten dazu ihren Blick und falteten die Hände ineinander, begannen danach mit Appetit zu essen.
*
Alabima hatte sich mit dem Forschungsleiter des Pharmariesen in Verbindung gesetzt. Der Hauptsitz des Konzerns lag in der Schweiz und der Mann empfing sie bereits am nächsten Tag in seinem Büro in Basel, war höflich, hörte ihr geduldig zu, nickte zwischendurch zu ihren Bitten und sprach dann in der Art eines Priesters, leise, langsam und eindringlich.
»Es tut mir sehr, sehr leid für Sie und Ihren Mann, Frau Lederer«, begann er im Tonfall eines Beichtvaters. Alabima forschte in seinen Augen, erkannte darin jedoch keinen Spott. Der Mann schien an seine Mission zu glauben, »doch die Richtlinien in unserem Unternehmen bezüglich den Studien an Menschen sind sehr strikt. Und auch die rechtliche Seite verbietet uns jeden Spielraum. Wir können, nein, wir dürfen uns keine Unregelmäßigkeiten erlauben. Die Hände sind uns gebunden. Leider.«
»Sie meinen also, weil der Staat und ihr Leitbild es Ihnen verbietet, wollen Sie meinem Mann nicht helfen, sondern sterben lassen?«
Die Stimme der Äthiopierin klirrte vor Bitterkeit. Sie hatte sich ehrlicherweise wenig bis nichts von diesem Treffen versprochen. Doch ein Funken Hoffnung war immerhin geblieben, löste sich nun in den salbungsvollen Worten des Forschungsleiters auf. Als Antwort hob dieser zuerst seine Schultern, machte dazu ein bedauerndes Gesicht, das ihm den Ausdruck eines Esels verlieh.
»Wir würden die gesamte Certumpro-Studie gefährden.«
Alabima hatte die Stimmlage von Österreichern noch nie gemocht, ob in Deutsch oder im eigenartig gefärbten Englisch. Der nasale Singsang der Menschen aus der Alpenrepublik schmerzte in ihren Ohren. Eine türkische Bekannte hatte ihr einmal über das Italienisch sehr Ähnliches erklärt, was das doch für eine grässlich unmelodische und rohe Sprache wäre. Alabima lachte sie damals aus, denn für sie war Italienisch die Sprache der Sänger und Poeten und wunderschön anzuhören. Doch der Tonfall dieses Mannes aus Wien oder aus Salzburg oder woher auch immer brachte die dunkelhäutige Frau innerlich zum Kochen, wohl auch wegen seinen schlechten Nachrichten. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht ausfallend zu werden.
»Dann ist wohl alles gesagt«, beendete sie das Gespräch recht ruppig, »Adieu.«
Sie stand auf und ging, reichte dem sichtlich irritierten Mann hinter dem massiven Schreibtisch aus dunklem Walnussholz nicht einmal die Hand. Denn hätte er sie ihr gegeben, sie hätte womöglich hineingebissen.
*
Eigentlich begannen ihre Probleme recht harmlos. Ramu Bhattacharya hatte mit drei Kollegen in einem Speiselokal im Dorf Wadrengdisa zu Mittag gegessen und waren satt und zufrieden aus dem schlichten Gebäude zu ihrem Jeep getreten. Sie stiegen ein, doch der Motor wollte trotz funktionierender Zündung nicht starten. Als sie ausgestiegen waren und einen Blick unter die Haube warfen, fehlte der Verteilerkopf.
Ungläubig und einen Moment lang immer noch belustigt blickten sie sich um, sahen da und dort Leute am Straßenrand sitzen oder in kleinen Gruppen stehen. Sie alle schauten hinüber zu ihnen, zu den Fremden aus der Großstadt, den Ingenieuren des Vermessungsteams, zeigten dabei starre Augen und unbewegliche Gesichter, hinter denen sich ihre Gefühle verbargen. Sie wirkten wie das Publikum im Theater während der Aufführung eines Dramas. Innerlich vielleicht bewegt oder gar aufgewühlt, schaute man dem Fortschreiten der Handlung äußerlich trotzdem gelassen zu, wusste, dass jede Beteiligung unerwünscht war.
Ramu Bhattacharya wandte sich trotzdem an zwei alte Männer, die in ihrer Nähe am Straßenrand saßen und mit ihren dünnen Hälsen wie Geier auf ihn wirkten, Geier, die darauf warteten, dass das Aas zu ihnen käme, weil es ihnen der Mühe nicht wert war, selbst zu ihm zu gehen. Sie hatten ein Brettspiel zwischen sich liegen, mussten also schon seit längerer Zeit hier verweilen.
»Guten Tag, haben Sie vielleicht gesehen, wer sich an unserem Fahrzeug zu schaffen gemacht hat?«
Der eine Alte senkte sofort seine Augen, wirkte schuldbeladen, schien sich nur noch für das Brettspiel zu interessieren. Der andere blickte den jungen Ingenieur jedoch unverwandt an, so als ob er kein Wort verstanden hätte. Ramu drehte sich ein Stück um die eigene Achse und blickte eine Gruppe von jüngeren Männern auffordernd an, die zehn Meter weiter weg standen und höhnisch grinsten.
»Und Sie? Haben Sie vielleicht etwas gesehen?«
Statt einer Antwort verkrampften sich die Gesichter der Angesprochenen zu hasserfüllten Fratzen und ihr anhaltendes Schweigen prallte wie ein drohendes Unheil auf die vier Männern der Mumbai Construction Ltd., die hilflos wirkten und neben dem unbrauchbar gewordenen Jeep verharrten.
*
Nur drei Wochen nach Alabimas Gespräch mit dem Forschungsleiter in Basel gab der multinationale Pharmakonzern bekannt, dass er sein Forschungsinstitut in den USA schließen werde. Dreitausend gut bezahlte Arbeitsplätze würden gestrichen. Schuld daran war der weltweit zunehmende Druck auf die Preise für Medikamente. Dies verlangte nach einer Konzentration in Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe. In Zukunft wollte man sich auf die Standorte Europa und Asien konzentrieren.
Die Republikaner in den USA kreideten den Verlust des Forschungsstandortes einer verfehlten Politik von Präsident Obama an. Seine Gesundheitsreform verlangte nach günstigeren Pharmaprodukten, damit sie finanzierbar blieb. Als Folge davon musste die Industrie kurz- und mittelfristig wertvolle Arbeitsplätze abbauen. Langfristig gerieten die Vereinigten Staaten von Amerika bei dieser Politik vielleicht sogar ins wirtschaftliche, zumindest aber ins wissenschaftliche Hintertreffen.
Es war Wahlkampfzeit und so wurde jedes einigermaßen taugliche Thema aufgenommen und ausgeschlachtet. Inhaltlich war der Vorwurf an den demokratischen Präsidenten zwar unberechtigt. Denn weiterhin bezahlten die Patienten in den USA die weltweit höchsten Medikamentenpreise und die gesamte Menschheit profitierte davon. Die riesigen Margen der Pharmamultis in den Vereinigten Staaten finanzierten einen Großteil der weltweiten Forschungsausgaben. Die US-Bevölkerung subventionierte im Grunde genommen das gesamte Gesundheitswesen der Erde mit fünfzig bis siebzig Milliarden Dollar jährlich. Doch niemand dankte ihnen diese jahrzehntelange Unterstützung. Im Gegenteil. Vor allem das politische Europa trat arrogant auf und lästerte gerne über das angeblich marode und dekadente Gesundheitswesen der USA. Darum war die angestrebte Kürzung der Medikamentenpreise sinnvoll für das amerikanische Volk. Das wussten auch die Republikaner und die Tea Party Leute. Doch das bedeutete nicht, dass man dies auch öffentlich anerkannte. Besser war es, Teilaspekte anzuprangern und so dem Wähler eine wenig taugliche Regierung zu suggerieren. Politik war nun einmal Krieg mit fast allen Mitteln.
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