»Wollen Sie immer noch Rache nehmen?«
Nelson Joanne meinte ihre Frage zumindest diesmal nicht etwa sarkastisch, sondern schien durchaus an der Antwort interessiert.
»Haben Sie etwa Beweise für eine Beteiligung von General Namphy?«
Sie lachte kurz und laut auf.
»Wer in Haiti lebt, braucht keine Beweise, erfährt die Macht und die Gewalt der Militärs jeden Tag, kennt ihre engen Verbindungen zur Mafia, ihre Beteiligung an Schutzgelderpressungen, ihre Förderung der Korruption.«
»Das ist mir zu wenig.«
Erneut lachte Nelson Joanne auf, diesmal hell und anzüglich: »Ja, Mister, Sie haben sich Ihren Auftrag bestimmt simpler vorgestellt.«
»Genauso wie Heinz Keller?«, fügte Jules an und die Frau hinter dem Tresen nickte.
»Sie sollten wieder abreisen. Richten Sie Spälti aus, dass der US-Bonze die geforderte Summe einfach bezahlen soll und gut ist. Oder er soll seine Idee einfach vergessen.«
Jules zögerte mit einer Antwort, worauf Nelson Joanne weiterfuhr: »So laufen die Geschäfte nun mal hier in Haiti. Wer sich damit nicht abfinden kann, soll wegbleiben oder er muss sich eine eigene Armee mitbringen.«
Nachdenklich erhob sich Jules, dankte der Frau und wollte gehen.
»Zwei US-Dollar«, rief sie ihn zurück und er blieb irritiert stehen, sah auf das fast leere Glas mit dem Rest vom Daiquiri, kam zurück und legte eine 5-Dollar-Note auf den Tresen.
»Darf ich wiederkommen?«, fragte er sie dann doch noch und schaute die Frau aufmerksam an.
»Dies ist zwar kein freies Land, aber zumindest ein öffentliches Lokal«, gab sie vage und auch schnippisch zurück.
Das Oloffson stellte sich wenig später als imposanter, aber ziemlich heruntergekommener Bau heraus. Auch im Innern stieß man überall auf Erneuerungsbedarf. Verschlissener, fleckiger Teppichboden, zerkratztes Parkett, schmutzige Wände und herab rieselnder Putz. Die Mitarbeitenden allerdings waren ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. Sie zeigten auch den seltsamen Stolz von Menschen, die sich selbst als unbedeutend einstuften, jedoch ihrer Meinung nach für etwas Bedeutendes arbeiteten, auch wenn dessen ehemaliger Glanz längst verloren gegangen war und nur noch aus Erinnerungen bestand. Jules gab sich als Tourist aus, der im Reiseführer vom historischen Hotel gelesen hatte. Eifrig wurde er von einem livrierten Kellner im Erdgeschoss herumgeführt, bekam Erklärungen zu den Räumen und der Geschichte des Hauses. Er bedankte sich mit einer 5-Dollar-Note und verließ das Hotel, schlenderte die Straßen hinauf und zurück zum Bed & Breakfast, kaufte sich unterwegs an einem Straßenstand zwei Hot Dogs, schlenderte nachdenklich weiter, kaute geistesabwesend, ließ die Informationen von Nelson Joanne und seine bisherigen, persönlichen Eindrücke von Land und den Leuten ineinanderfließen, versuchte sich an einem Gesamtbild. Die Dämmerung setzte ein, die Leute gingen nach Hause, Passanten und Fahrzeugverkehr nahmen in den Straßen rasch ab. Nur unbewusst hörte der Schweizer ein Motorrad hinter sich aufheulen, registrierte beinahe zu spät den geplanten Überfall, drehte seinen Kopf fast im letzten Moment herum, erkannte den geschwungenen Baseballschläger in der Hand des Beifahrers, ließ sich instinktiv rückwärts zu Boden fallen, sah den Keulenkopf undeutlich an seinem Gesicht vorbei wischen, rappelte sich rasch wieder auf, sah das Motorrad stoppen und die beiden Männer absteigen und drohend auf ihn zukommen.
»Money … Money«, befahl ihm der eine Kerl mit schauderhaftem, französischem Akzent, schwang dazu drohend die Keule, während der andere bloß fordernd seine Hand ausstreckte. Jules ließ die beiden noch etwas näher herankommen, versuchte sich an einem ängstlich wirkenden Gesichtsausdruck, kramte nervös in seinen Jackentaschen, so als suchte er nach Geld. Doch dann tauchte er unvermittelt unter den erhobenen Armen mit dem Baseballschläger durch und knallte dem Kerl seinen rechten Unterarm gegen die Kehle, packte ihn beim Herumwirbeln mit der anderen Hand am Hals und brachte ihn so aus dem Gleichgewicht, zerrte ihn zu Boden, stellte seinen linken Fuß auf dessen Gurgel und sah den Motorradfahrer wild an, rief ihm ein Verächtliches »Allez, balourd!« zu.
Der blickte noch einmal kurz zu seinem Kumpanen am Boden, der verzweifelt versuchte, den Fuß von Jules wegzustoßen, sah dem vermeintlichen Opfer die Selbstsicherheit an und dass dieser bestimmt noch weitere Tricks kannte. Zögernd und umsichtig wich er zurück, bis er sich auf den Sitz schwingen und das Motorrad starten konnte. Er drehte um und brauste an Jules und seinem Kumpanen vorbei die Straße hinunter, ließ eine langgezogene, blaue Abgaswolke zurück.
Der Schweizer ließ den anderen Kerl nun endlich los, ging hinüber zur fallengelassenen Keule, hob sie auf und zerbrach sie über seinem Oberschenkel, warf die beiden Teile im weiten Bogen die Straße hinunter. Danach ging er seelenruhig weiter, kümmerte sich nicht weiter um den Angreifer, der sich aufgesetzt hatte und sich immer noch keuchend den Hals rieb.
Nein, keinen Moment lang dachte Jules an einen geplanten Angriff irgendeines Widersachers. Er hatte sich bloß dämlich wie ein Tourist angestellt, war bei einbrechender Dunkelheit immer noch zu Fuß unterwegs gewesen, von jedermann sogleich als Ausländer erkennbar, hatte zudem seine Gedanken ganz woanders gehabt, war zu offensichtlich als ein wehrloses Opfer erschienen.
Der Schweizer hatte allerdings den jungen Mann übersehen, der immer noch im Schatten der Häuser verharrte und zuvor dem Überfall unbeweglich, aber interessiert zugeschaut hatte. Erst als Jules weit genug entfernt war, trat er zurück auf den Gehsteig und schlenderte nachdenklich in Richtung Hafen davon.
*
Auch am nächsten Morgen beim Frühstück hatte sich Jules noch nicht entschieden. Wie unvernünftig doch sein Zorn über den Tod von Heinz war, die dumm sein Anspruch, hierher in dieses ihm völlig fremde Land zu reisen, um den Mord an einem Kollegen zu rächen und die Probleme der Kanzlei zu lösen.
Stolz war in den meisten Situationen ein schlechter und gefährlicher Ratgeber, vor allem wenn man die jeweilige Kultur des Stolzes gar nicht kannte. Denn Stolz verspürten alle Völker der Erde und die allermeisten Menschen. Doch worauf sich dieser Stolz bezog, war sehr unterschiedlich. Im Westen bildeten oft Geld und Macht, aber auch bloße Überheblichkeit die Grundlagen. In arabischen Ländern waren Herkunft und persönliche Ehre entscheidend, während in afrikanischen und asiatischen Regionen die Familie das wichtigste Statussymbol nach außen hin blieb. Doch hier in der Karibik? Aufgrund ihrer Geschichte hatten die Einheimischen bestimmt einen natürlichen Stolz gegenüber allen Ausländern entwickelt, trotz jahrzehntelanger Diktatur, trotz anhaltender Ausbeutung und trotz fehlenden oder zumindest höchst mangelhaften staatlichen Institutionen und sozialen Netzen. Denn ähnlich wie die kleine Schweiz, hatten sich auch die Haitianer von den Fesseln ausländischer Mächte mit Gewalt befreit, hatten sich den Respekt der Welt verdient und sich ihren eigenen, wenn auch steinigeren Weg gesucht.
Jules dachte an die Verkaufsstände an den Straßen, an denen für wenige haitianische Cent Lehmkuchen verkauft wurden. Auch das Rezept dieser Hungerunterdrücker fand er in den Unterlagen der Kanzlei, diesmal ihm als dringende Warnung dienend. Unter ein Kilogramm Lehm wurden fünf Gramm Salz und hundert Gramm billigste Margarine mit etwas Wasser gemischt und der so entstandene Brei an der Luft getrocknet. Giftig waren die Dinger in der Regel zwar nicht und sie erfüllten durchaus ihren Zweck, gaukelten dem Magen ein Völlegefühl vor, das über Stunden anhielt, während der Körper trotzdem weiter hungerte. Auch das Fleisch in den Würstchen der beiden verzehrten Hot Dogs am gestrigen Abend war nicht über jeden Zweifel erhaben gewesen. Doch sie schwammen zuvor in sauber aussehendem und vor allem dampfend heißem Wasser. Ab 70 Grad Celsius wurden fast alle Bakterien abgetötet, wie Jules wusste, und nur noch wenige giftige Pilzsporen konnten sich bei diesen Temperaturen vermehren. Das Brot allerdings war matschig gewesen, obwohl bestimmt am selben Tag gebacken. Doch in der Schwüle des Tages verdarben Mehlprodukte rasch. Einen US-Dollar hatte man ihm für die beiden eher missglückten Sattmacher abgeknöpft, ein Wucherpreis verglichen mit dem, was die Einheimischen bezahlten, ein Bettelgeld jedoch für jeden Touristen und trotzdem eher ein Magenbetrug und bestimmt keine Gaumenfreude.
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