»Dann her damit. Und nimm dir auch einen.«
Während Jules den Agavenschnaps aus dem Schrank holte und mit zwei Wassergläsern zurückkam, sie hinstellte und zur Hälfte mit Tequila Silver füllte, sah er Spälti fragend an, konnte sich auf das Verhalten seines Mentors keinen Reim machen.
Wollte man ihn fristlos entlassen? Oder ihm gar noch zusätzlichen Ärger bereiten? Vielleicht eine Klage wegen Zerstörung von Firmeneigentum? Anwälten war einfach Alles zuzutrauen.
Spältis offensichtliche Unsicherheit begann sich auf Jules zu übertragen. Sie prosteten sich mit ernstem Blick zu, als ginge es um einen Abschied, hoben die Gläser an, ohne etwas zu sagen, tranken jeder einen großen Schluck.
»Heinz wurde letzte Woche auf Haiti ermordet.«
Jules war einen Moment lang sprachlos. Er fühlte, wie ihm die knappe Information über den Tod seines Kollegen heiß zu Kopf stieg, wo sein bisheriger Alkoholkonsum in der Bar längst für Enthemmung und für besten Nährboden gesorgt hatte.
»Ermordet? Wie? Und von wem?«
»Man hat ihn im Lift seines Hotels überfallen und erdrosselt. Er ist wahrscheinlich einer Bande von Erpressern in die Quere geraten. Weißt du, Jules, wir versuchen dort unten schon seit ein paar Monaten drei Ferienhotels für einen unserer Klienten aus den USA zu erwerben. Er braucht sie zwar bloß als Abschreibungsobjekte für seine Steuern, doch er hat sich nun Mal in den Kopf gesetzt, dass es unbedingt Haiti und exakt diese drei Hotels sein müssen. Die lokale Schutzgeldmafia ist jedoch allzu gierig und verlangt für ihr Stillhalten dreißig Prozent des Kaufpreises. Das wären mehrere Millionen Dollar und entschieden zu viel für unseren Kunden und seine Steueroptimierung. Das würde sich für ihn nicht mehr rechnen. Heinz war für uns dort unten, um mit den Kerlen zu verhandeln und ihren Preis zu drücken. Wahrscheinlich hat man ihn bloß umgebracht, um uns vor Augen zu führen, wie wenig wir in ihrem Machtbereich auszurichten vermögen.«
Der Redeschwall von Spälti sollte von so viel ablenken, von seiner Verunsicherung über den Tod eines jungen Mitarbeiters, vom Gefühl der Verantwortung und des eigenen Versagens.
»Und du schickst nun mich hinunter?«
Erst nachdem er es ausgesprochen hatte, wurden Jules seine eigenen Worte bewusst. Spälti sah ihn auch erstaunt an, ob gespielt oder echt: »Wie kommst du denn darauf?«
»Na, du hättest mir die Umstände um den Tod von Heinz bestimmt nicht erzählt, wenn du das nicht vorhättest.«
Roger schaute Jules einen Moment lang forschend an.
»Nur wenn du willst, Jules, nur wenn du wirklich willst.«
Der Alkohol und seine plötzliche Wut ließen Jules keine Wahl.
»Lass für mich bitte einen Sitzplatz im nächsten Flugzeug buchen und gib mir alle Informationen und Berichte, die wir über den Auftrag besitzen.«
»Dein Flug geht morgen, nein, heute früh um halb neun ab Kloten. Ticket und alle Informationen findest du an deinem Arbeitsplatz.«
Spälti nahm erneut das Glas zur Hand und stürzte den Rest Tequila hinunter, erhob sich und reichte Jules seine Hand, aber nicht zum Abschied.
»Für Heinz«, meinte sein Mentor feierlich, beinahe salbungsvoll, so als wollte er Jules für den mit Sicherheit sehr gefährlichen Auftrag in Haiti segnen, ähnlich einem Priester vor der Schlacht die Soldaten. Der grinste schief zurück.
»Für Heinz.«
*
Die Air France brachte Jules über Paris und New York in die Karibik und nach Port-au-Prince. Die von der Anwaltskanzlei zusammengestellten Informationen waren in einem gut gefüllten Bundesordner untergebracht, der auf dreihundert Seiten nicht nur den Auftrag des US-amerikanischen Kunden exakt beschrieb, selbstverständlich ohne Namensnennung, sondern auch alle Umstände, wie Heinz in Haiti vorgehen sollte und welche Kontakte er dort besaß. Daneben war umfangreiches Material zur bewegten Geschichte dieses Landes und zu den Besonderheiten der aktuellen Politik und der Wirtschaft vorhanden. Bereits 1791 kam es zu Sklavenaufständen, gefolgt von französischer Besatzung und Bürgerkrieg. 1804 wurde in Haiti die erste freie Nation Lateinamerikas ausgerufen. Doch der Kampf um die Macht zwischen den fünf Prozent Mulatten, die sich als eigentliche Herrschaftsklasse sahen, und den über neunzig Prozent Schwarzen, dauerte über viele Jahrzehnte an, schien sogar bis in die Neuzeit das Zusammenleben zu stören. Nach der über dreißig Jahre andauernden Diktatur der Duvaliers ernannte sich vor zwei Jahren General Namphy zum Präsidenten und ließ eine neue Verfassung mit Präsidialsystem, einem Abgeordnetenhaus und einem Senat ausarbeiten. Doch die Wahlen 1987 mussten abgebrochen werden, weil die immer noch zahlreichen Duvalier-Anhänger alle wahlwilligen Bürger bedrohten und manche sogar ermordeten. Der dann im Januar 1988 gewählte Präsident Manigat war eher eine Marionette der Armeeführung und stand von Beginn an auf wackligen, politischen Füssen. Jederzeit konnte das Militär erneut die Macht an sich reißen und so war Haiti derzeit ein wahrer Hexenkessel, in dem die Armeeführung, Duvalier-Anhänger und viele andere Parteien und Politiker kräftig rührten und sich darum niemand um das organisierte Verbrechen kümmerte oder sich gar mit ihm wirtschaftlich verband.
Jules las auf dem langen Flug die Informationen mehrmals durch, dachte nach, strich in Gedanken auf der Liste seiner möglichen Kontakte in Port-au-Prince alle Namen bis auf einen. Nelson Sloanne Larue hatte für Lenz & Karrer in Washington gearbeitet, war vor zwei Jahren in die Heimat zurückgekehrt und hatte eine Bar direkt am Hafen eröffnet. Ihn wollte Jules als einzigen aufsuchen, versprach sich von ihm nicht nur Informationen über die Stadt, sondern vor allem auch Verschwiegenheit und damit Sicherheit vor der Polizei und anderen Interessengruppen.
Die Kanzlei hatte für ihn ein Zimmer im Hotel Oloffson reserviert, wo bereits Heinz Keller untergebracht war und ermordet wurde. Jules dachte jedoch keinen Moment lang daran, dort auch tatsächlich abzusteigen. Stattdessen hatte er sich auf JFK einen Reiseführer gekauft und sich selbst kundig gemacht.
Nachdem er seinen Koffer vom Transportband genommen und auf das Wägelchen gestellt, dieses an anderen Passagieren und am Zoll vorbei dirigiert hatte, übersah er bewusst den dunkelhäutigen Mann im schwarzen Billig-Anzug und der Chauffeur-Mütze, der mit einem Kartonschild in der Hand auf ihn wartete und alle ankommenden Fluggäste kurz musterte. Jules warf einen gelangweilten Blick auf seinen Namen, ließ seine Augen gleich weiterwandern, wurde vom Anzug-Mann nicht mehr beachtet. Draußen stieg er ins nächste freie Taxi und nannte die Adresse. Der Mann sprach nur ein paar Brocken Französisch oder war an einer Unterhaltung nicht interessiert. Jedenfalls kam auf der kurzen Fahrt hinauf in die Hügel kein Gespräch auf. Wie gewünscht hielt der Wagen vor der Casa Emanuela Grandis, einem einfachen Bed & Breakfast und Jules bekam wenig später ein spartanisch eingerichtetes, kleines, aber sehr sauber gehaltenes Zimmer, hatte beim Einchecken zudem eine Broschüre mit Stadtplan überreicht erhalten. Der Weg hinunter zum Hafen war recht weit und Jules benötigte für ihn zu Fuß eine gute halbe Stunde, stand dann aber vor der Miracles Bar und schüttelte seinen Kopf, denn sie lag nicht am Hafen, wie in den Unterlagen von Lenz & Karrer vermerkt, sondern mehrere hundert Meter entfernt in der Innenstadt.
Was stimmte wohl noch alles nicht an all den zusammengetragenen Informationen im Dossier der Kanzlei? , fragte sich Jules unweigerlich, als er mit den Händen die Perlenketten vor dem Eingang teilte und ins Halbdunkel eintrat. Viel los war nicht an diesem späten Nachmittag. Zwei sehr dunkelhäutige junge Männer saßen an einem der Tischchen so nahe beisammen, dass sie sich flüsternd unterhalten konnten. Eine immer noch hübsche Frau von vielleicht Mitte dreißig stand hinter dem Tresen und taxierte ihn, den braungebrannten und trotzdem weißhäutigen Europäer, der sich wahrscheinlich hierher verlaufen hatte. Jules nickte ihr wie entschuldigend zu und setzte sich auf einen der Hocker, stellte seine Ellbogen auf die Platte, lächelte die Barkeeperin gewinnend an.
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