»Wir möchten euch beiden deshalb ein Angebot machen.«
Heinz und Jules sahen einander an, lächelten überrascht und erfreut.
»Wir sind ständig auf der Suche nach jungen Talenten, die unsere Teams verstärken«, führte Spälti weiter aus, flocht immer noch an seinem Netz, um die Beute sicher einzufangen, »und ihr beide könntet zu den Besten gehören«, was immer er mit Besten meinen mochte. Heinz und auch Jules sagten nichts darauf, warteten auf weitere Erklärungen.
»Lenz & Karrer sind weltweit als Wirtschaftskanzlei tätig. Wir besitzen Niederlassungen in Washington, Tokio und Singapur, werden bald eine weitere Filiale in Doha eröffnen. Ihr seht, wir expandieren kräftig«, und er blickte seine Beute ein wenig gönnerhaft, aber keineswegs überheblich an.
»Unsere Mandanten sind die größten Konzerne der Erde und die wohlhabendsten Familien und Privatpersonen«, köderte er seine beiden Opfer weltmännisch verführerisch.
»Und mit was verdient ihr euer Geld?«, fragte Heinz neugierig dazwischen, längst angesteckt durch die süßen Düfte fremder Länder und Kulturen, die sich bei Lenz & Karrer wohl mit Beruf und Einkommen verbinden ließen.
»Wir sind Wirtschaftsanwälte«, stellte Roger Spälti unnötigerweise klar, als müsste er Heinz und Jules aus Wolkenkuckucksheim zurück auf die Erde holen, »internationale Steuersachen, Unternehmenszusammenschlüsse, Nachfolgeregelungen, Family-Offices«, ließ er gleich wieder eine breite Palette an möglichst exotischen Tätigkeitsfeldern aufblitzen.
»Und wir wären…?«, meinte nun auch Jules und wirkte weitaus skeptischer und vorsichtiger als Heinz.
»Anfänger, selbstverständlich«, meinte Roger laut auflachend, »oder was dachtet ihr denn, so direkt nach eurem Studium?«
Heinz schien ernüchtert, Jules dagegen eher interessierter als zuvor. Doch beide sagten nichts, warteten auf das konkrete Angebot.
»Ihr arbeitet vorerst in Zürich, werdet einem Team zugeteilt, erhaltet einen Patenonkel, der euch in den nächsten zwei oder drei Jahren betreuen wird, lernt zuerst unseren Betrieb und danach schrittweise unsere Klienten kennen. Keine Sorge, ihr werdet auf jede eurer Aufgaben sorgfältig vorbereitet. Lenz & Karrer können es sich nicht erlauben, einen Mandanten zu verärgern oder zu enttäuschen.«
»Und du glaubst, wir beide gehören zu den Richtigen ?«, fragte Jules weit skeptischer zurück, als er sich tatsächlich fühlte, so als müsste er mit dem Angebot spielen.
Roger lächelte, nachsichtig, aber auch wissend. Vielleicht waren die drei aus demselben Holz geschnitzt, auch wenn Spälti bestimmt fünfzehn Jahre älter war als die beiden Noch-Studenten. Doch er schien in ihnen vielleicht eine Art von jüngerer Ausgabe zu sehen, hoffte es zumindest.
Heinz bewegte sich als erster, streckte Spälti seine Hand entgegen. Der nahm sie ohne Zögern an, schüttelte sie, nickte seinem neuen Mitarbeiter lächelnd und zufrieden zu, meinte trotzdem: »Und keinerlei Fragen? Zur Höhe des Einkommens? Unseren Sozialleistungen? Den Spesen?«
»Nein«, meinte Heinz strahlend lachend und fügte an, »ich bin mir sicher, dass Jules und ich bei Lenz & Karrer alles finden werden, was wir uns nur wünschen.«
Spälti antwortete nicht darauf, sah stattdessen Jules auffordernd an. Doch der zögerte noch, so als spürte er bereits all die Probleme und Schwierigkeiten, auch all den Zorn und die Wut, die Gewalt und die Menschenverachtung, die stets an den großen Vermögen der Welt klebten.
»Wie steht es mit dir?«, fragte Roger deshalb nach und allen dreien war in diesem Moment bewusst, dass Spälti unbedingt Jules mit in sein Boot der Wirtschaftsanwälte holen wollte und Heinz eher als eine Dreingabe betrachtete.
»Wir wissen doch noch nicht einmal, ob unsere Abschlussarbeiten fürs Diplom reichen«, wandte Jules Lederer ein und sah dann etwas staunend in das breite Grinsen von Roger Spälti.
»Ihr vielleicht nicht. Wir jedoch schon.«
Jules schlug in die angebotene Hand ein.
*
Heinz Keller und Jules Lederer verloren sich in den nächsten Wochen aus den Augen. Denn Jules blieb in der Zentrale der Anwaltskanzlei in Zürich hängen, während Heinz bereits zehn Tage nach ihrem gemeinsamen Antritt nach Washington übersiedelte. Ein amerikanischer Kollege war durch einen Unfall ausgefallen und schneller Ersatz gefragt. Heinz fühlte sich auserwählt, foppte Jules gehörig, was sich der gerne gefallen ließ und seinem Kollegen alles Gute wünschte. Doch irgendwie fühlte sich Jules doch zurückgesetzt und er sprach Roger Spälti darauf an, beschwerte sich indirekt bei ihm. Doch der nickte ihm bloß aufmunternd zu und klopfte ihm auf die Schultern: »Deine Zeit kommt schon noch, Jules, keine Sorge.«
»Aber warum habt ihr Heinz vorgezogen?«
»Die Entscheidung fiel aufgrund der Resultate des Assessments nach eurem Eintritt.«
»Und Heinz schnitt darin besser ab als ich?«, zweifelte Jules den Test sogleich an.
Roger lachte auf.
»Nein, Jules, ganz und gar nicht.«
»Aber warum …?«
»Der frei gewordene Posten in Washington war der Richtige für Heinz Keller. Er ist ein Heißsporn, wie du sicher weißt, und an diesem Ort bestimmt gut aufgehoben. Denn in den USA geht’s weit hemdsärmeliger zu und her als hier bei uns in der gemütlichen Schweiz. Zudem haben wir mit dir weit mehr vor«, ließ Spälti gewisse Erwartungen in Jules zurück.
Doch die immer selteneren Telefongespräche mit seinem Kollegen Heinz verhießen für Jules wenig Gutes. Während er in Zürich fast ausschließlich an seinem Arbeitsplatz im Großraumbüro saß und dort Bilanzen und Kapitalflussrechnungen von irgendwelchen Unternehmen analysieren und auf besonders Gewinn versprechende Investitionen abtasten musste, berichtet ihm Heinz von unwahrscheinlich betuchten Klienten, die er als Junior-Berater zusammen mit seinem direkten Vorgesetzten besuchte, von riesigen Villen, teuren Sportwagen und den schönsten Frauen des Erdballs. Und auch wenn Jules die Schilderungen durchwegs als übertrieben und prahlerisch abtat, sie versetzten ihm trotzdem Stiche. Mehr als einmal ermahnte er seinen Kollegen auch, doch auf dem Teppich zu bleiben, doch Heinz ließ sich nicht mehr beirren, sprach von ungeahnten Möglichkeiten und wenig später von seinem ersten Alleineinsatz im nahen Ausland. Mehr verriet er Jules nicht, tat geheimnisvoll, als wäre er plötzlich der Bruder von James Bond und kein kleiner Anwaltsgehilfe. Sie verabschiedeten sich wie üblich, mit lockeren Sprüchen und guten Wünschen. Missmutig legte Jules den Hörer auf die Gabel zurück, fragte sich, ob sein Eintritt bei Lenz & Karrer nicht ein riesiger Fehler gewesen war. Roger Spälti sprach er jedoch nicht mehr an. Der war eh immer häufiger abwesend, besuchte wohl die anderen Standorte im Ausland, stellte den Kontakt mit der Zentrale sicher.
Ein Gefühl der Vereinsamung oder der Verlassenheit stellte sich bei Jules ein. Denn nach seinem Umzug von St. Gallen in ein 2-Zimmer-Appartment an der Mühlegasse in Zürich hatte er sich noch keinen neuen Bekanntenkreis aufgebaut. In der Kanzlei waren fast alle Angestellten und auch die Partner verheiratet, pflegten außerhalb der Büroräume keine Kontakte untereinander, schienen sich richtiggehend abzuschotten und sich abends und übers Wochenende in ihre selbst geschaffenen Schneckenhäuser zurückzuziehen.
Nur einmal hatte ihn Roger Spälti zu sich nach Hause eingeladen, kurz nach der Abreise von Heinz. Es gab Otak-otak, in Bananenblätter eingewickelte Kugeln aus Makrelenfleisch, danach Satay mit Erdnusssauce und etwas gedünstetes Gemüse, eine Curry Laksa mit Nudeln und als Hauptgang ein Rendang aus Rindfleisch, scharf gewürzt und mit Ingwer, Zitronengras und Galgant verfeinert, wie Jules verwundert und fragend zugleich feststellte.
»Meine Familie versorgt uns regelmäßig mit allem Notwendigen«, meinte Yolida und lächelte dazu, als müsste sie sich entschuldigen, »doch woher kennst du Galgant? Kaum jemand in der Schweiz kennt dieses Gewürz?«
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