Am Morgen nach der Nacht mit der Barbesitzerin war er erneut durch die Stadt gestreift, wollte dem Mörder von Heinz Keller weitere Gelegenheiten bieten ihn anzugreifen. Nach dem Ausschalten der beiden Schläger musste doch der Bandenführer irgendwann persönlich auf ihn losgehen? Doch an diesem Tag geschah nichts und auch am nächsten blieb Jules unbehelligt. Weitere Telegramme trafen aus Zürich ein, forderten ultimativ seine Rückkehr oder zumindest eine Antwort. Allerdings schrieb ihm nicht Roger Spälti, sondern sein direkter Vorgesetzter. Jules reagierte weder auf die Befehle noch auf die verdeckten Drohungen.
Es passierte in der nächsten Nacht, nachdem er gegen Abend in die Stadt hinunter gegangen war und in einem der kleinen Restaurants an der Route de Delmas gegessen hatte. Satt und ein wenig angetrunken schlenderte er durch dunkle Straßen und enge Gassen, ohne ein Ziel zu kennen. Er dachte über sein bisheriges Leben nach, über seine Arbeit bei Lenz & Karrer und er wusste, zurückkehren in das Großraumbüro in Zürich konnte er nicht mehr, nicht, nachdem er hier in Haiti tätig gewesen war, in einer anderen Kultur und unter fremden Menschen und auf sich allein gestellt und erst noch höchst erfolgreich handelnd. Auch an Nelson Joanne dachte er irgendwann, vermutete einen direkten Zusammenhang zwischen ihrem Weggang in Washington und ihrer sadistisch-masochistischen Veranlagung. Sie tat ihm leid, fand es auch sehr schade, dass eine so hübsche Frau sich derart ihren perversen Machtfantasien hingab und sich wohl nur noch in ihnen völlig vergessen und verausgaben konnte. Wenn auch noch jung an Jahren war Jules doch bewusst, dass eine Frau wie Nelson Joanne niemals glücklich werden konnte. Gelenkt von abartigen Trieben blieb ihre Hingabe an einen Partner beschränkt auf rein körperliche Extreme. Ein gleichberechtigtes Liebesleben war dieser Frau nicht möglich. Macht jedoch, ob aktiv ausgeübt oder passiv ertragen, nutzte sich rasch ab, verlangte stets nach Steigerung, weshalb jede zwischenmenschliche Beziehung über kurz oder lang scheitern musste.
Es überfiel ihn diesmal von einem Moment zu nächsten, ohne jeden Ansatz. Er tauchte ein, als hätte er einen Hechtsprung vollführt. Eben noch hatte er das Bild der hübschen Nelson Joanne Larue vor seinem geistigen Auge erblickt, im nächsten Moment spürte er, wie sein Gehirn wie zu schweben begann, befand er sich in der gleichen Sekunde zurück in Sapientia, schloss genüsslich geblendet seine Augenlider, blieb mitten auf dem Gehsteig einfach stehen, verharrte beinahe andächtig, wollte diesen einen Moment festhalten, so lange wie ihm nur möglich war. Erst als die Geborgenheit auch nach vielen Sekunden nicht von ihm wich, getraute er sich, noch weiter in ihr vorzustoßen, direkt in diesen weißen Nebel hinein, der ihn umwallte und durch den das strahlende Licht drang und ihn so leitete. Er ging vorwärts, immer nur vorwärts, durchstieß die nicht spürbare Watte, fühlte sich dabei prächtig, gelöst und frei. Jules sah nicht, wie er die Straße überquerte, stolperte weder vom Gehsteig auf die Fahrbahn noch auf der anderen Seite hinauf, schritt wie auf Wolken, trat sicher auf, hörte nicht das Hupen des Wagenlenkers, der wegen ihm auf die Bremse hatte treten müssen, war völlig aufgegangen in seinem Sapientia. Auch das schwarze Augenpaar war ihm entgangen, das ihn seit Minuten beobachtete, das ihm langsam gefolgt war, zuerst den Gehsteigen entlang und ihm immer näherkommend, dann über die Fahrbahn auf die andere Straßenseite hinüber und nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Die Gegend wurde zunehmend dunkler, denn die Straßenlaternen wurden spärlicher und aus den Fenstern der Wohnhäuser drang kaum Licht. Immer näher schob sich der Verfolger an Jules heran, hielt nun ein Messer mit langer Klinge in der einen Hand, wurde noch schneller, war endlich hinter dem Rücken des Schweizers angelangt, stieß auch schon mit seinem Arm und der Klinge vor, war sich seines Stiches sicher.
Jules blickte derweil auf seinen Körper hinunter, so als hätte sich sein Geist von ihm getrennt, erblickte gleichzeitig seine Schulterblätter und das Rückgrat, die Brust und seinen Bauch, Gesicht, Ohren und Hinterkopf, fühlte nun auch die plötzliche Anwesenheit irgendeiner Gefahr, konnte auch alle Nebelwolken um sich herum durchdringen, sah einen Kerl mit einem Messer in der Hand in seinem Rücken auftauchen und wie er sich ihm wie in Zeitlupe näherte, wie er den Arm langsam zurückzog und dann nach vorne stieß, sah die blitzende Stahlklinge, drehte sich von ihr weg, stellte sich dem Angreifer entgegen, schlug dessen Unterarm mit der einen Hand weg und landete einen Sudo Yeop Taerigi auf dessen rechter Schulter. Das Messer entglitt der sogleich schlaff gewordenen Hand und fiel zu Boden, während sich im Gesicht des Kerls großes Erstaunen und dann heftiger Schmerz zeigten. Die Augäpfel des Angreifers schienen dessen Kopf verlassen zu wollen, derart weit traten sie vor, und Jules führte einen Pyongkwansu Tulki gegen dessen linke Höhle aus, spürte, wie sein Mittelfinger erst den Augapfel seines Gegners traf und an ihm vorbei quetschend tief in dessen Schädel eindrang, zog ihn auch schon wieder zurück wie ein Florett, trat auch einen Schritt zurück und führte einen Apchagi aus, krachte mit seinem Schienbein zwischen die Oberschenkel des anderen, zerquetschen ihm Penis und Hoden, packte dann mit beiden Händen in die Haare des sich zusammen krümmenden Mannes und zog dessen Kopf heftig nach unten, kam ihm mit dem linken Knie entgegen, ließ es in dessen Gesicht krachen und ihn rücklings zu Boden stürzen, sprang hoch in die Luft auf und landete mit seiner rechten Ferse exakt auf dessen Gurgelknoten, zertrümmerte ihn und auch die dahinterliegenden Halswirbel.
Für Jules hatte sich dies alles wie in Zeitlupe abgespielt und er konnte jedes Zucken im Gesicht seines Gegners klar erkennen, hörte jedoch weder seine Schreie noch sein Röcheln, so als würde sich der Körper des Manns gar nicht in seiner Welt befinden, als wären sie durch mindestens eine Dimension voneinander getrennt.
Dann endlich tauchte Jules aus Sapientia wieder auf und der weiße Nebel verlor sich um ihn herum. Erst jetzt nahm der Schweizer bewusst das heruntergekommene Quartier wahr und den toten Mann zu seinen Füssen, sah das unbenutzte Messer neben dessen Körper auf dem Gehsteig liegen. Jules kannte den Angreifer nicht. Doch er beugte sich zu ihm hinunter, riss dessen Hemd vorne auf, sah den Verband über dessen linker Brustwarze, riss diesen weg, sah die große, verkrustete und vernähte Wunde, nickte stumm, aber bestätigend. Er richtete sich wieder auf und sah sich um, konnte weder Beobachter noch weitere Gegner ausmachen, entfernte sich rasch vom Toten, brachte ein paar Gassen und Straßen zwischen sich und dem Tatort. Morgen würde er in die Schweiz zurückfliegen.
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