Noch so gerne wäre Naara hinter ihre Dienstherrin getreten, um wenigstens einen raschen Blick auf die Worte von Shamee zu werfen. Standen happige Vorwürfe oder demütige Entschuldigungen darin? Bat sie womöglich um Geld? Oder um Rückkehr in die elterliche Villa? War sie in Schwierigkeiten oder gar in Gefahr? Doch die Hausangestellte wagte sich nicht zu rühren, beobachtet das zuckende Gesicht von Sihena, sah, wie sich ihre linke Faust um den leeren Briefumschlag krampfte und ihn zerknüllte, wie sich gleichzeitig ihre Kinnlade verhärtete, ihre Mundwinkel erstarrten und die Kiefermuskeln hervortraten, wie ihre schwarzen Augen stechend auf das Papier stierten, als wollten sie es mit ihrem Blick in Brand stecken, wie ihre Pupillen noch einmal ganz nach oben wanderten, den wohl eher kurzen Text erneut überflogen, wie sie endlich den Umschlag los ließ und dieser zerknittert neben dem Teller auf das Tischtuch fiel.
Sihena sagte kein Wort, faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Außentasche des niedlichen, eng geschnittenen Oberteils des Chanel-Kostüms, das sie an diesem Abend trug, stand vom Tisch auf und verließ das Esszimmer ohne Anweisung oder Gruß.
Naara begann das Geschirr und das immer noch unberührte Glas mit dem stillem Mineralwasser abzuräumen, stellte alles auf ein Tablett, ließ nur den zerknüllten Briefumschlag liegen, beachtete ihn nicht, wagte kaum, ihn mit einem Blick zu streifen, so als wäre er etwas Verbotenes oder gar Unheilbringendes.
Doch dann musste sie das weiße und immer noch unbefleckte Tischtuch aus Damast mit seinen fein-gewobenen Rosenblüten, die man nur bei schrägem Lichteinfall erkennen konnte, abziehen und durch ein gleichartiges ersetzen. Denn bei den Lings wurde an jedem Tag der Woche nach dem Abendessen frisch aufgedeckt.
Sollte sie den Umschlag einfach auf den Boden fallen lassen? Und danach? Ihn beim Kehren morgen früh aufnehmen und wie anderen Unrat entsorgen? Oder ihn stattdessen an sich nehmen und aufbewahren?
Immer noch stand das Zimmermädchen neben der langen Tafel und stierte auf das Briefkuvert. Sie hatte bereits bei seinem Eintreffen am Morgen ohne Erfolg versucht, den Posttempel zu entziffern, konnte jedoch die Briefmarke als eine aus den USA identifizieren. Lebte Shamee nun dort? In Florida mit seinem schicken Miami? Oder im aufregenden Los Angeles mit seinem Hollywood? Lag den ganzen Tag faul am Strand von Malibu und ließ sich von sonnengebräunten Schönlingen umgarnen? Baute sich ein neues Leben auf? Fernab von Brasilien und all seinen Zwängen? Im reichen Norden? Oder war sie nur auf der Durchreise gewesen, hatte für sich noch keinen neuen Platz zum Leben gefunden?
Naara nahm den Umschlag endlich zur Hand und glättete ihn auf dem Damast Tuch, strich immer und immer wieder mit der flachen Hand über die Runzeln, faltete ihn dann sorgfältig einmal in der Mitte und schob ihn in die Tasche ihrer Schürze.
Warm hatte er sich angefühlt, samtig und weich und irgendwie sonnig. Ja, Shamee war bestimmt in Malibu, dachte sich Naara und träumte von einem besseren Leben voller Aufregung und Vergnügungen.
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