Atena drehte in der Nähe einer geöffneten Tür den Kopf um hundertachtzig Grad. Sie wollte hören und sehen, was Leathan und seine Anhänger ausheckten. Aber vorläufig hörte sie nur ihr Gegröle und das typische Gehabe, mit dem einer den anderen übertrumpfen wollte. Als einer der Elfen die Tür schloss, umgab sie eine unheimliche Stille.
Sie fragte sich, wo Siberia war. Vor ihr musste sie sich in Acht nehmen. Die Hexe könnte erkennen, dass sie es nicht mit einer gewöhnlichen Eule zu tun hatte.
Plötzlich wuchs ein Laut empor, schwoll an zu einem bestialischen, gequälten Schrei. Der Schrei eines zu Tode gepeinigten, verletzten Tieres. Wer ihn hörte, würde ihn nie mehr vergessen. Atena erkannte in ihm ein Flehen um Erbarmen, um Erlösung. Sie hatte gehofft, ihn nie mehr wieder zu hören. Sie flog hoch und nahm Kurs in seine Richtung.
Sie ahnte, was gerade geschehen war.
Einen gab es immer, dachte sie wieder.
Sie schwebte über dem Gehege der Wildpferde, das von den vier Elfen bewacht worden war. Drei von ihnen standen in einer Art Schockstarre und blickten hinüber zum Moor.
Sie landete in einem Erker, als das Eisengitter des Palastes sich ächzend hob.
Siberia war noch vor Leathan und seinen Dunkelalben am Pferch.
»Sie werden dir nicht mehr nützlich sein«, sagte sie. »Sie haben zu viel gesehen.«
Richard hatte ein Versteck gefunden. Weit genug entfernt, aber nah genug, um das Geschehen vor dem Palast zu beobachten und zu belauschen. In einer grauen Wolke erschien sein Vater. Hinter ihm die Elfen. Sie sind alle wieder da , dachte er. Auch Kastor. Der bullige Kerl war nicht zu übersehen.
Dreimal hintereinander blitzte es in der Dunkelheit auf. Dreimal hob sich silberner Staub. Leathan wischte das Stilett an seinem Stiefel ab, schob es zurück in seinen Gürtel und wandte sich zu den Elfen um.
»Du und ihr drei werdet die Pferde bewachen. Und wenn ihr so dumm seid, wie eure Kumpane«, er klopfte gegen das silberne Stilett, »werdet ihr den gleichen Weg gehen, wie die, die gerade von uns gegangen sind.«
Er ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Aber Siberia bewegte sich nicht. So geh doch , flehte Richard innerlich, bitte geh! Er fürchtete ihren Instinkt. Endlich drehte sie sich um und folgte den anderen. Sie hatte in seine Richtung geschaut. Hatte sie ihn wahrgenommen? Wenn ja, warum hatte sie ihn nicht verraten?
Sein Vater war zu allem fähig. Eine alte kindliche Furcht stieg in ihm hoch. Er hatte geglaubt, sie überwunden zu haben. Ohne zu zögern, hatte Leathan wieder getötet, mit dieser von den Artisanen hergestellten Stichwaffe. Durch den Fluch der Hexen war sie zu einer tödlichen Waffe geworden, für alle, außer für die Hexen selbst.
Siberia lächelte. Ein böses Lächeln. Nein, sie würde Leathan nicht sagen, dass Richard in der Nähe war und sicher alles gehört und gesehen hatte. Sie wusste, dass er ein ungewöhnlich gutes Gehör besaß. Der Sohn des Fürsten konnte über Kilometer hinweg Geräusche vernehmen. Sie dachte an ihren eigenen Sohn, Rufus. Richards Halbbruder.
Ihr gemeinsamer Sohn musste sterben, getötet vom eigenen Vater. Wenn bekannt geworden wäre, dass Leathan sich mit einer schwarzmagischen Hexe eingelassen hatte, ein absoluter Tabubruch, wäre er ausgeschlossen worden aus der Gemeinschaft, hätte alles verloren. Am Ende waren sie beide bestraft worden, mit vielen Jahren als Steintote auf dem Gemäuer, auf das sie jetzt wieder zuschritt. Im Verhältnis zu meinem beinahe endlosen Leben, dachte sie, keine wirklich lange Zeit, aber eine unerträgliche Demütigung.
Für den Mord an ihrem Sohn musste Leathan noch büßen. Er sollte auch Richard töten, dafür wollte sie sorgen. Ihre Rache würde fürchterlich sein. Sie hasste Richard nicht, dennoch würde sie ihn opfern für ihre Rache an Leathan.
»Wir sollten aufbrechen«, sagte sie, »wenn du nicht alle deine Männer auf diese Weise verlieren willst. Den Kerlen fehlen die Weiber.« Sie lachte auf. »Und dir vermutlich auch.«
Leathan sah sie verächtlich an. Aber es stimmte. Er wollte Aglaia, die schönste unter den Feen. Milchweiße Haut, dichtes glattes Haar, glänzend schwarz wie Rabenflügel, mit verschiedenfarbigen Augen, die ihr Gegenüber niemals richtig wahrzunehmen schienen. Sie gestattete keinem der dunklen Elfen außer ihm, sich ihr zu nähern. Unterwürfig war sie, eine leichte Beute. Und sie war schwanger von ihm gewesen. Was war aus diesem Kind geworden? , fragte er sich mit mäßigem Interesse.
In Wahrheit gab es nur eine, die für ihn zu einer Obsession geworden war, Magalie. Ihre Zurückweisung war eine schwärende Wunde, die nicht heilen wollte. Er musste einen Weg finden, die Fürstin der Lichten Welt an sich zu binden. Und war sie nicht willig … Ihm fiele es nicht schwer, Gewalt anzuwenden. Aber die Fürstin war alles anderer als eine leichte Beute.
Ja, er musste zurückkehren, seinen Platz als Fürst der Dunklen Welt wieder einnehmen und neue Pläne schmieden.
»Morgen«, sagte Leathan, »ab morgen wird es wieder einen Fürsten geben, der diesen Namen verdient.«
Richard hatte genug gehört. Er verließ seinen Posten und schlich zurück zu den Elfen, die am Waldrand auf ihn warteten.
Atena landete neben ihm und nahm ihre Elfengestalt an. »Ihr müsst hier weg«, sagte sie.
Richard nickte. »Leathan wird sich morgen auf den Weg machen. Wenn wir vor ihm in der Felsenburg sein wollen, müssen wir sofort aufbrechen.«
Adam, der junge Elf, den Richard gerettet hatte, striegelte Corone. Die anderen lagerten auf einer kleinen bemoosten Fläche.
»Aber die Pferde brauchen Ruhe«, murrte einer.
»Ruhe können sie haben, wenn wir zurück sind.« Seine Stimme klang scharf. Köpfe ruckten herum.
Oho, das ist ein anderer Richard, dachte Atena. Ein athletischer, schöner Elf mit einer Peitsche im Stiefel. Seine Sanftheit war wie weggewischt. In diesem Moment erinnerte er fatal an seinen Vater.
Die Elfen erhoben sich, sattelten ihre Pferde und waren Minuten später im Wald verschwunden. In einer Reihe, einer hinter dem anderen, konzentriert auf den Weg achtend, folgten sie Richard. Die Eule schwebte über ihnen.
Der Weg durch die Wälder und das Moor war trostlos, voller Laute, die Adam ängstigten. Er war zum ersten Mal hier und froh, diesen grausigen Ort verlassen zu dürfen. Er hielt sich dicht hinter Richard.
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