Richard ritt ans Ende der Kavalkade. Bis jetzt hatten sie Glück gehabt. Einige seiner Begleiter waren noch nie hier gewesen. Er wollte sichergehen, dass sie sich an die Vorschriften hielten. Es war absolut notwendig, keinen Schritt von diesem Weg abzuweichen. Das Stöhnen der Toten im Moor begleitete die Reiter klagend und schauerlich zugleich. Hier war keiner, der sich nicht wünschte, woanders zu sein. Richard spürte die Anwesenheit der Todgeweihten , die in ihren papierdünnen Häuten den Lebenden nachstellten, um ihren Atem zu trinken. Das wenige Licht verlor sich im Schlamm.
Der fast unhörbare Flug der weißen Eule über ihm ließ ihn aufblicken. Atena landete auf einem abgestorbenen Baum am Rande des Weges.
»Ihr müsst vorsichtig sein. Ich habe die Morituri gerochen. Sie sind in der Nähe.«
Er nickte und sah nach vorne, wo Eternita mit zwei ihrer Schwestern zwischen den Elfen ritt. Er hatte die Hexen wegen ihrer Heilkünste mitgenommen, redete er sich ein. In Wahrheit machte er sich Sorgen, dass seine eigenen Fähigkeiten nicht ausreichten, sich und seine Männer zu schützen.
»Schneller, beeilt euch.«
Richard trieb Corone vorwärts, galoppierte an seinem Tross vorbei wieder an die Spitze des Zuges. Aber er blieb wachsam, achtete auf den Weg.
Der Gestank der Todgeweihten stieg jetzt allen in die Nase. Einen der jüngeren Elfen packte das Grauen. Er überholte Richard und zwang den Rappen, der voller Furcht nach hinten austrat, vorwärts. Der Junge stürzte und landete im Morast.
Richard zügelte Corone. In einer fließenden Bewegung sprang er vom Pferd, schnappte sich einen der herumliegenden Äste und warf sich mit weit vorgestreckten Armen auf den Bauch. Der Bursche steckte bis zu den Hüften im Moor. Er starrte wie paralysiert ins Leere. Richard brüllte. »Nimm den Stock, verdammt noch mal. Wach auf.«
Unter ihm blubberte es, der stinkende Tümpel leckte bereits an seinen Armen. Atena sah Richards Not. Er wollte nicht loslassen, seinen Gefährten retten. Welch ein Idiot, dachte die Eulenelfe. Richard wird mit ihm untergehen.
In wenigen Minuten wäre der junge Elf im Morast versunken. Sie flog schnell und tief, schlug dem Kerl ihre Flügel um die Ohren.
»Beweg dich, du Pinsel«, kreischte sie. »Oder willst du, dass dein Fürst mit dir im Moor versinkt?«
Endlich griff der Junge zu. Mit letzter Kraft zog Richard den Ast zu sich heran. Verschlammt, aber am Leben, zerrte er den Jungen aus dem Sumpf.
»Du hast gut daran getan, Eternita mitzunehmen«, hörte er Atenas raue Stimme, als er wieder zu Atem kam. Sie hat die Morituri abgewehrt. Das nächste Mal lässt du den Kerl im Moor. Es ist unnötig, sich in Gefahr zu bringen.«
»Danke, Atena, für deine Hilfe.« Er grinste.
Sie brummelte unwillig. Er hörte Worte wie, ersaufen lassen und unbelehrbar.
Wie alle Wesen der Anderswelt war auch sie der Ansicht, dass man dem Moor lassen sollte, was sich dort hinein verirrte. Wer so dumm war, jemanden retten zu wollen, wurde meist selbst ein Opfer.
Aber es war ungeschriebenes Gesetz, dass der Gerettete und der Retter für immer füreinander verantwortlich waren. Von nun an war es Richards Pflicht, das Leben des Jüngeren zu schützen und umgekehrt. Sie waren von nun an unumkehrbar Brüder.
Von den Moorweibern war nichts zu sehen.
Die Ruine, die sie Tage später aus der Ferne erblickten, wuchs scheinbar mit jedem Meter, den sie zurücklegten. Eine lange Reihe schneeweißer Bögen bildete die äußere Mauer. Einer nach dem anderen wölbte sich vor ihren ungläubigen Blicken empor. Je näher sie kamen, desto mehr wurde die Ruine zu einem protzigen Palast. Aus bröckelnden Steinen schoben sich acht schlanke Türme. Am Rande des Waldes hob Richard die Hand.
Nur noch die Ebene lag zwischen ihm und dem gewaltigen Bau. Der Weg war uneben und gefährlich. Tiefe Löcher wechselten mit mannshohen Felsbrocken und feuchten Mulden. Die Tiere konnten jederzeit stürzen.
»Ihr bleibt hier. Ich werde …«
»Nein, Richard. Ich kenne den Park, der den Palast umgibt. Und jetzt am Abend wird sich niemand über eine Eule wundern.«
Ohne auf seine Antwort zu warten, flog Atena hoch. Nach wenigen Augenblicken war sie in der Dämmerung verschwunden.
In dem großen Raum, dessen Fenstertüren zum Park hinaus führten, lärmten die Dunkelalben Leathans.
Sie genossen die gewonnene Freiheit. Kastor, ihr Anführer, brüstete sich damit, dass er mehr Wildpferde eingefangen hatte, als jeder andere der Elfen. Es waren raue, immer in Schwarz gekleidete Gesellen mit seltsam toten Augen, gut ausgebildete Elfen, die sich ohne Skrupel nahmen, was sie begehrten. Sie tranken mehr, als ihnen gut tat. Aber ihnen fehlten die Weiber.
Magalie hatte, außer der Hexe Siberia, keine der Feen zum Steintod verdammt. Die Weiber waren alle mit Nathan und Maia in die Felsenburg zurückgekehrt.
Die Feen waren schön, verführerisch, intrigant und verwöhnt. Köstliche Belohnung für die Männer, die nach der Jagd oder während der durchzechten Nächte Entspannung suchten. Sie fehlten jetzt den Männern.
Atena überflog die Umgebung. Sie sah Wildpferde, die eingepfercht hinter dem Palast standen. So schön wie die durchweg schwarzen Pferde, die Leathan normalerweise bevorzugte, waren sie nicht. Geschieht euch recht , dachte sie. Vier gelangweilte Wachen umrundeten den Pferch.
Keiner nahm die weiße Eule wahr, die sich unhörbar auf einer Mauer im Park niederließ. Sie legte die Flügel an, trippelte ein wenig hin und her und legte den Kopf schief, um besser in den hell erleuchteten Saal hineinschauen zu können. »Warum braucht ihr Flegel so viel Licht«, grummelte sie. »Wäre besser, man könnte euch Kerle gar nicht sehen. Verbrechervisagen.«
Aber einer erspürte sie doch. Murat lag unter Leathans Stuhl. Der graue Wolf verschmolz beinahe mit dem Stein des Bodens. In Leathans Gegenwart machte er sich so unauffällig wie möglich. Sein Herr war unberechenbar, jähzornig und grausam. Da draußen war Richard. Er hatte ihn längst gewittert. Murat beobachtete die Eule. Sie hüpfte auf den Weg, dann war sie nicht mehr zu sehen.
Das Licht aus den Fenstern malte unregelmäßige Muster auf die von metallenen Feuerkörben gesäumten Wege, Körbe, in denen dunkelrote Glut glomm. Das klebrig süße Parfum lackschwarzer Lilien vergiftete die Luft.
Der See lag still und dunkel da. Eine dicke Schicht fauliger Blätter waberte auf dem Wasser. Hier hatte sich wenig verändert. Sie erkannte, warum die Moorweiber auf ihrem Weg hierher nicht zu sehen gewesen waren. In den Büschen rund um den See, im Wald dahinter hörte sie die neugierigen Weiber. Mit ihren Eulenohren hörte Atena jedes noch so leise Geräusch, und ihre scharfen Augen erkannten sie in ihren Verstecken. Sie würden sich an die Elfen heranmachen, wenn sie die Chance dazu bekämen. Mit ihrem zauberhaften Aussehen würden sie einen der Kerle verführen, einen gab es immer, der sich nicht beherrschen konnte. Himmel, waren diese Burschen dumm. Die Eule rollte mit den Augen, wenn sie daran dachte, wie scheußlich obszön diese Schlampen aussahen, wenn sie töteten.
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