Um diesem teuflischen Garten die Macht zu nehmen, ließ Richard in den Nächten helle Feuer brennen. Licht wehrte die Klapperer ab und nahm den Giftpflanzen die Kraft.
Faith hatte ein leichtes Knacken gehört. Sie horchte. Nein, jetzt blieb alles still, nichts regte sich. Einer der kleinen Glitter, der sich einen Spaß mit ihr machte? Diese grünen Gesellen waren verspielt, immer auf Spaß aus, und sie klauten alles, was ihnen in die Finger fiel. Glitter waren ein fröhliches Volk von Dieben.
Es lag ihnen im Blut, alles zu nehmen, was ihnen gefiel. Aber sie behielten nichts. Alles, was sie stahlen, gaben sie wieder her oder verschenkten es großzügig. Diese kleinere Art von Elfen bewegte sich in der Luft und konnte fast unsichtbar werden.
Langsam ritt sie weiter. Aber sie blieb auf der Hut. In den letzten Jahren hatte sich ihr Instinkt geschärft. Ein Glitter hätte sich längst kichernd bemerkbar gemacht. Im Azurblau des Himmels schienen graue Schlieren auf, verwehten und erschienen an anderen Stellen erneut. Die Hexen fliegen , dachte sie. Warum?
Sie sah hinüber zum Eissee. Dorthin war sie unterwegs. Alle Feen liefen begeistert Schlittschuh. Auch sie selbst. Sie zog die Zügel an und lauschte.
Der See im Birkenwäldchen vor ihr war zu allen Jahreszeiten eine spiegelglatte Fläche. Jetzt hörte sie es wieder, dieses leise Knacken. Wie ein schnell wachsendes Spinnennetz überzogen scharfe Risse die makellose Spiegelfläche. Kein Zweifel, das Eis brach. Aus den Spalten quoll eine dunkle Masse, dick wie Blut, von dunklem Rot. Die Eisfläche verwandelte sich vor ihren Augen in einen morastigen Sumpf. Köpfe hoben und senkten sich, blinde Augenhöhlen, aufgerissene zahnlose Münder.
Sie schnalzte mit der Zunge. Ombra setzte sich wieder in Bewegung. Am Rande des Sees stieg Faith ab. Sie kniete nieder und streckte die Hand aus. Etwas sagte ihr, dass das, was sie sah, nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Sie hatte das Gefühl, von außen manipuliert zu werden. Das hatte schon einmal jemand versucht. Damals war sie gewappnet gewesen. Leathan hatte es nicht geschafft, in ihre Gedanken einzudringen.
Aber jetzt, nachdem von dem Dunkelalben lange Jahre keine Gefahr mehr ausgegangen war, war sie nachlässig geworden. Sie berührte die Oberfläche vor ihr und spürte … eisige Kälte. Gleichzeitig gewann die Eisfläche ihre Festigkeit wieder, vom blutroten Morast war nichts mehr zu sehen.
Faith erhob sich.
Ihr war kalt, aber nicht von der Berührung mit der eisigen Fläche vor ihr. War Leathan zurück?
Sie sah hinauf zum Himmel. Sie ahnte, dass der Flug der Hexen mit der Rückkehr des dunklen Fürsten zu tun hatte. Meine Kinder werden nicht mehr sicher sein , dachte sie. Wir alle werden nicht mehr sicher sein.
Ombra, flieg. Die Stute flog dahin. Vorbei an den Plantagen, über abgeerntete Äcker, Weiden und grüne Wiesen. Sie setzte über Zäune, gefallene Baumstämme und kleine Bäche. Faith genoss diesen Ritt, trotz der Furcht, die sie empfand.
Endlich tauchte die verwaschene, zartrosa gestrichene Fassade vor ihr auf. Leuchtend in der Sonne wie die Morgenröte.
Den lang gezogenen Mittelteil des dreistöckigen Hauptgebäudes flankierten links und rechts zwei niedrigere Seitenflügel, deren Mauern hinter zarten Rosenranken so gut wie unsichtbar waren.
Ihr neues Zuhause war wunderschön. Sie hörte die hellen Stimmchen ihrer Töchter, bevor sie die beiden erblickte. Die Fontänen der Brunnen vor den Seitenflügeln plätscherten. Aus der Küche kam Gelächter.
Sie suchte am Himmel nach einem Zeichen. Aber er zeigte sich in strahlendem Blau. Hatte sie sich geirrt? Bedeutete es, von Elsabe nichts zu hören, dass alles in Ordnung war? Sie zitterte.
Faith sprang vom Pferd und warf die Zügel einem vorbeilaufenden Elf zu, der sie geschickt, aber auch erstaunt auffing. Faith kümmerte sich nach dem Reiten grundsätzlich selbst um ihre Stute.
Sie eilte in die Richtung, aus der Lottes und Lisas Stimmen kamen. Als sie sah, mit wem Magalie sprach, wurde ihr klar, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Elsabe sah ihr ernst entgegen.
»Du weißt es schon, nicht wahr?«
»Ich fürchte es. Ist Leathan zurück?«
»Alle Zeichen sprechen dafür. Aber Gewissheit haben wir erst, wenn Richard …«
»Nein! Ich will nicht, dass er ins Moor geht.« Faith hob Lotte auf die Hüfte und drückte sie an sich.
»Er ist schon gegangen.«
Magalie betrachtete ihre Tochter. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob ihre Entscheidung, in der Anderswelt zu leben, richtig war. War sie stark genug, hier zu leben? In der Menschenwelt bei ihrem Vater aufgewachsen, gehörte Faith eigentlich nicht hierher.
Ich würde furchtbar leiden, wenn sie in ihre Welt zurückkehrte, dachte sie. Auch auf meine Enkeltöchter müsste ich verzichten.
Sie fing Elsabes mitfühlenden Blick auf. Die Hexe hatte ihre Gedanken gelesen.
Sie sagte: »Wir müssen wachsam sein.«
Magalie sah ihr nach, bis die zarten grauen Schlieren am Himmel nicht mehr zu sehen waren.
Richard sah sich nach seinen Gefährten um. Undurchdringliche, stachelige Weißdornhecken, Riesenblätterknollenpilze, schwarze giftige Tollkirsche, tote Stämme, um die sich Baumschlangen wanden, giftige Mambas im Dämmerlicht. Der Schrei der Käuzchen im Dunkeln war unheimlich. Dies war seine Welt, die Welt seiner Kindheit, die er ebenso wenig liebte wie seinen Vater.
Er war so oft von ihm gezwungen worden, Dinge zu tun, die er nicht wollte, die er verabscheute. Er dachte an die Bärenhatz, an Auspeitschungen, die aus einem kleinen Jungen einen Mann machen sollten. Der kalte Fürst dieses dunklen Reiches, ein Elf von großer magischer Kraft, war gewalttätig und sicher einer der am wenigsten geliebten, ja, einer der grausamsten Herrscher der letzten Jahrhunderte.
Einige der Elfen, die ihn ins Moor begleiteten, hatten schon Leathan gedient. Aber die Mehrzahl der Männer seines Vaters war nach dem Maskenfest zusammen mit ihm von Magalie auf die Lebenden Steine gebannt worden. Auch Kastor, ihr Anführer.
Richard fürchtete die Rückkehr Leathans nicht so sehr für sich selbst, er fürchtete für das, was er geschaffen hatte. Die Dunkelwelt war in Abwesenheit des Fürsten ein wenig besser geworden. Das würde seinem Vater ganz und gar nicht gefallen.
Corone, seine Stute war nervös. Die Reiter hielten sich dicht hinter ihm. Er hatte sie gewarnt: »Ein falscher Tritt kann für jeden von uns das Ende bedeuten. Und haltet niemals an, wenn die Moorweiber euch locken. Auch sie tragen den Tod in sich. Ihr würdet sterben.«
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