Zuerst ein Wochenticket! Ich fragte ein wenig herum und wurde schließlich an den Schalter direkt neben der Rolltreppe verwiesen. Natürlich stand vor mir ein genervter Lehrer mit einer ganzen Schulklasse, alle wollten ein Wochenticket, alle wollten es selbst bezahlen, keiner hatte es passend. Der Schalterbeamte war den Tränen nahe, als der letzte kichernde Achtklässler (jedenfalls sahen sie so aus) endlich kehrt machte. „Wochenticket?“, fragte er grämlich. Ich nickte.
Er tippte herum. „Elf Euro fünfzig.“
Das war nicht teuer, fand ich und schob das Geld passend hinüber, was mir einen dankbaren Blick eintrug. Das nutzte ich aus und fragte nach Reiseführer, Stadtplan und Zimmernachweis.
Nach einer weiteren halben Stunde – draußen begann es schon zu dämmern – hatte ich immerhin einen Reiseführer und eine Skizze, wie ich am besten zu einem kleinen Hotel in der Nähe der Wiedener Hauptstraße käme. Ich verzog mich in den Untergrund, tauchte auf der anderen Seite in der Mariahilferstraße wieder auf und verschwand im erstbesten Billigkaufhaus. Fünf Slips, fünf Paar Socken, drei T-Shirts, ein BH, eine kleine Stoffreisetasche, zwei Krimis, ein großes Tuch, Deo, Duschbad, Shampoo, Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm und Puder – das musste erst mal reichen.
Ich warf meine Einkäufe in die Tasche und studierte das U-Bahnnetz, das freundlicherweise überall aushing. Bis jetzt schien ja alles zu klappen.
Vom Karlsplatz musste ich zwar ein hübsches Stück laufen, aber das schadete nach dem langen Sitzen gar nichts. Das Hotel wirkte ein bisschen düster, aber sie hatten tatsächlich noch ein Einzelzimmer mit Bad für die nächsten Tage frei und es schien mir auch nicht allzu teuer zu sein. Und warum sollte ich mir nicht einmal etwas gönnen? So teuer hatte ich bisher wirklich nicht gelebt, auch wenn Norberts Behauptungen jeder Grundlage entbehrten! Pro Nacht 35 Euro inklusive Frühstücksbuffet, das war kein Problem, und ich nahm mir vor, beim Frühstück ordentlich zuzuschlagen, dann konnte ich beim Mittagessen vielleicht etwas sparen.
Ich erhielt meinen Zimmerschlüssel im Tausch gegen meinen Personalausweis und fuhr sofort hinauf in den fünften Stock.
Klein.
Sehr klein. Aber im Vergleich zu meiner Wohnung die totale Luxussuite – warmes Wasser in der Dusche, Teppichboden, ein Schrank, dessen Türen viel leiser quietschten, ein ziemlich hartes Bett, ein winziger Schreibtisch unter dem Fenster. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich nicht einfach als Dauermieter hier bleiben und mir in Wien einen neuen Job suchen sollte. Wer würde mich schon vermissen – und wen würde ich vermissen? Meinen Freundinnen könnte ich ab und zu eine E-Mail schicken und sie könnten mich besuchen kommen. Das Zimmer war sogar geheizt!
Ich packte meine Einkäufe aus, schnippelte die Preisschilder von den Slips, stellte fest, dass ich ein Nachthemd vergessen hatte, stellte die Kosmetika ins Bad und setzte mich mit einer gemütlichen Zigarette an den kleinen Schreibtisch, um mir aufzuschreiben, was ich morgen tun wollte.
Schönbrunn, Hofburg, Nachthemd kaufen, vielleicht ein zweites Paar Jeans, vielleicht ein Buch über die Habsburger, je klatschorientierter, desto besser, im Reiseführer lesen, weitere Tipps suchen... Aber auch bei schönem Wetter (wenigstens regnete es hier nicht) auf einer Bank sitzen und über die Zukunft nachdenken... ach nein, noch nicht morgen.
Ich trabte wieder nach unten, holte meinen Ausweis ab und fuhr in die Innenstadt – mit der Straßenbahn. Für eine Rundfahrt mit der Ringlinie war es jetzt zu spät, es wurde schon dunkel, und ich hatte fürchterlichen Hunger. Sollte ich zu Figlmüller gehen, oder säße dort der Zugmensch?
Ich beschloss, es zu riskieren. Wenn er vorhin erst in Hütteldorf ausgestiegen war, warum sollte er dann jetzt in der Innenstadt sein? Und wenn schon! Während ich die Kärntnerstraße entlang schritt und dann hinter dem Dom den Anfang der Wollzeile suchte, erfand ich Ausreden: Das Handy lag im Hotel – ich wusste die Nummer nicht auswendig, wenn ich es nicht dabei hatte – er musste sich verwählt haben – Wechselburger? Da hatte er sich verhört, Welsberger hatte ich gesagt – vielleicht musste man hier eine andere Netzkennung vorwählen, aber das wusste ich schließlich noch nicht!
Ich fand die Wollzeile nicht auf Anhieb, dafür aber einen Handyladen, der noch offen hatte, und schlich demütig hinein. Als ich dem Verkäufer – etwa halb so alt wie ich, jedenfalls sah er aus wie ein Schüler – mein Problem unterbreitet hatte, lachte er nur. „Zeign´s amal her!“
Ich reichte ihm mein Handy, er nickte und holte ein Ladegerät unter der Theke hervor und steckte es ein.
„Wolln´s an Kaffee?“
„Gerne, das ist nett von Ihnen.“
„Alles Service“, bemühte er sich um Hochdeutsch und begann, mich auszufragen. Von ihm erfuhr ich, dass der leiwandste MacDonalds am Schwedenplatz war, gleich neben der besten Eisdiele, dass man die Kneipen in der Judengasse gesehen haben musste, Schönbrunn fad war (da hatten ihn schon sieben Wandertage hingeführt) und das Riesenrad im Prater nicht nur Kindern Spaß machte.
„Kennan´s an Dritten Mann ?“
„Den Film? Sicher, der ist toll.“
„Im Burgkino, am Burgring, läuft er im Original. Schaun´s amal hinein, das ist Wien pur.“
„Mach ich. Guter Tipp!“
Ich schrieb mir alles auf, was ihm sehr zu schmeicheln schien. Er fragte noch, ob ich Motorrad führe, und war ehrlich enttäuscht, als ich verneinte und zugab, ganz spießig mit dem Zug angereist zu sein. Seiner Ansicht nach sah ich aus, als hätte ich eine fette BMW vor der Tür geparkt. Sehr schmeichelhaft. Das machte sicher die speckige schwarze Lederjacke!
Als das Handy aufgeladen war und piepste, war er sichtlich enttäuscht, fasste sich aber schnell und bot mir für einen Sonderpreis einen Klingelton nach Wunsch an.
„Haben Sie den Anton Karas, aus dem Dritten Mann ?“ Das erschien mir plötzlich ungemein passend.
„Freilich. Einen Moment!“ Er spielte ihn mir auf und ich zahlte dafür gerne fünf Euro und versprach, bei weiteren Problemen sofort wieder zu ihm zu kommen.
Vergnügt verließ ich den Laden, das eingeschaltete Handy in der Tasche. Vielleicht sollte ich mich überhaupt mal unter jüngeren Männern umsehen? Lustiger war es auf jeden Fall als mit solchen Langweilern wie Norbert (immerhin sechsunddreißig) oder dem Zugmenschen, der bestimmt Mitte vierzig war. Allerdings war der vor zwanzig Jahren sicher auch kein bisschen spannender gewesen...
So! Das Handy ging wieder, ich hatte ein vergleichbar komfortables Dach über dem Kopf, noch genug Geld in der Tasche, keine Nervensägen am Hacken und alle Zeit der Welt. Wo war jetzt diese verdammte Wollzeile?
Da konnte ich ja lange suchen! Keine Querstraße trug das ersehnte Schild, nein, die Straße, die ich jetzt schon zum dritten Mal auf und ab pilgerte, war schon die Wollzeile! Ich trat in einen der Durchgänge und suchte ein bisschen herum. Na bitte! Da war ja der legendäre Figlmüller. Und voll war´s! Ich näherte mich schüchtern lächelnd einem grimmigen Kellner, der sich meinen Wunsch nach Stuhl und Schnitzel unbewegt anhörte und mich dann mit sich winkte. An einem Tisch mit drei Japanern war noch Platz. Bravo, das würde ja eine mühsame Konversation werden! Oder musste ich sie später alle hinter ihrem Schnitzel fotografieren? Ich lächelte freundlich in die Runde und tadelte mich selbst für meine Vorurteile.
Der Kellner kam wieder vorbei und ich orderte ein Schnitzel mit Salat und ein großes Wasser. Er nickte und ging. War er stumm? Oder kultivierten die hier diese erhabene Haltung, um die Touristen in Demut zu halten?
Die Japaner grinsten mir zu und schwenkten ihr Bier. Ich grinste zurück. Immerhin sagten sie nichts! Wann hatte ich eigentlich zum letzten Mal englisch gesprochen? Vor Monaten! Mit einigen Bierchen wäre das kein Problem, aber Mineralwasser baute die Hemmungen nicht unbedingt ab. Sie unterhielten sich schnell und völlig unverständlich miteinander und lächelten dann wieder breit. Glücklicherweise kamen da ihre Schnitzel, Riesendinger, die mich auch für meins das Beste hoffen ließen. Sie hatten sich Pommes dazu bestellt und stürzten sich nun begeistert auf ihr original Wiener Essen. Ich wünschte ihnen auf Deutsch Guten Appetit (auf Englisch fiel es mir gerade nicht ein), sie strahlten noch eifriger und begannen zu futtern, in einem atemberaubenden Tempo. Ich ertappte mich dabei, wie ich sie selbstvergessen anstarrte, und riss mich zusammen. Ganz schön unhöflich!
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