Gepäck – ich brauchte die nötigsten Kosmetika, etwas Wäsche, ein paar T-Shirts und eine kleine Reisetasche. Dunkel erinnerte ich mich an unsere Studienfahrt – gab es am Westbahnhof nicht eine Einkaufsstraße mit endlos vielen Kaufhäusern? Da würde ich als erstes hingehen, und dann ein Hotel suchen. Nur gut, dass ich die Karten dabei hatte!
Ich zog meinen Terminplaner heraus und notierte mir, weiter an meinem Apfel herumkauend, was ich genau einkaufen musste, um der kaiserlichen Hauptstadt nicht völlig angeschmuddelt entgegenzutreten. Und einen Reiseführer brauchte ich und ein Wochenticket, wenn die so was hatten.
Ich ließ den Stift sinken. Was wollte ich überhaupt in Wien? Mich über Norbert, Frances, die Rostlaube und die Bruchbude ärgern? Wütend vor mich hinmurmelnd durch die Parks traben? Das hätte ich zu Hause auch billiger haben können! Nein, ich musste ein ordentliches Besichtigungsprogramm aufstellen und mich richtig ablenken. Und schöne Fotos machen. Und darüber nachdenken, was ich beruflich noch machen konnte. In einem Verlag? Einer Werbeagentur? Einem Fotostudio? Oder etwas ganz anderes? Am besten fing ich einen der vielen Erzherzöge ein und heiratete ihn kurzerhand...
Eine Zeitlang malte ich mir genüsslich aus, wie alle meine Seit-heute-Feinde dumm schauen würden, wenn sie die Heiratsanzeige sehen würden. Und über einen Beruf musste ich mir dann auch keine weiteren Gedanken mehr machen! Die Habsburger hatten doch immer so wahnsinnig viele Kinder, damit wäre ich total ausgelastet.
Das war überhaupt die Idee! Nein, nicht die habsburgische Ehe, wer wollte schon so viele Kinder, aber ich wusste jetzt wenigstens, was ich als erstes besichtigen wollte, gleich morgen – Schönbrunn und die Hofburg. Und dann würden wir weitersehen... Da gab es sicher gute Motive, ich hatte es schon lange satt, feiste Möchtergernpromis so zu fotografieren, dass sie windschnittig und gestylt wirkten.
Zufrieden lehnte ich mich wieder zurück und aß langsam den zweiten Apfel auf. Damit hatte ich doch fast so etwas wie ein festes Programm. Und alles Weitere könnte ich sicher dem Reiseführer entnehmen. Gute Musicals sollten hier auch laufen... Und ich wollte unbedingt ein ganz richtiges, echtes Wiener Schnitzel essen. Und Sachertorte. Und Apfelstrudel... Und Katrin eine Karte schreiben, damit sie die Glukose - Triglyzerid – Protein-Anteile analysieren und tot umfallen konnte. Überhaupt, ein paar schöne Bücher, im Café sitzen, vielleicht sogar draußen, wenn es nicht zu kalt war, eine gute Woche vor Ostern... Das hatte ich mir wirklich verdient, ich musste jetzt eben mal raus, seit Juli hatte ich nicht mehr frei gehabt, und in der einen Woche musste ich Norbert helfen, der seine Küche streichen wollte. Tolle Ferien, wirklich! Wenn ich damals schon gewusst hätte, was ich jetzt wusste (wenn ich zum Beispiel gesagt hätte, dass er sich ruhig einen Maler leisten konnte), dann könnte ich schon längst wieder etwas Neues, viel Besseres haben! Auch egal, Männer waren ohnehin blöd.
Wie aufs Stichwort klappte der Mann am Fenster seinen Laptop zu und verstaute ihn, dann lehnte er sich zurück und betrachtete mich. Ich nagte immer noch an meinem Apfelstrunk herum, der meinen Hunger nur äußerst notdürftig gestillt hatte, und erwiderte den Blick geistesabwesend. Er lächelte versuchsweise.
Als ich nicht reagierte, wurde er deutlicher. „Fahren Sie auch nach Wien?“
Himmel, das wusste er doch, von dem Heckmeck mit dem Schaffner!
„Ja“, antwortete ich einsilbig und stand auf, um meinen Apfelrest zu entsorgen.
„Werden Sie lange bleiben?“
„Weiß ich noch nicht. So lange wie nötig eben.“
„Wonach richtet sich das?“
„Nach meiner Stimmung.“
„Wir könnten uns in Wien einmal sehen“, schlug er vor. Guter Gott, wozu denn? Ich sah ihn konsterniert an. „Nur, um etwas zu besichtigen, oder um einen Kaffee zu trinken“, fügte er also schnell hinzu. „Wo werden Sie denn wohnen?“
„Weiß ich noch nicht“, antwortete ich wieder.
„Hm... dann machen wir doch am besten einen Treffpunkt aus, nicht?“
Warum wollte er mich sehen? Meine fesselnde Konversation konnte ihn doch nicht so bezaubert haben?
„Schlagen Sie was vor“, sagte ich gleichgültig, ich hatte ja nicht vor, dort auch zu erscheinen.
„Gut, sagen wir... morgen Mittag um eins vor dem Stephansdom? Wir könnten auch essen gehen...“
Nicht uninteressant! Ich sah ihn richtig an. „Wissen Sie, wo es die besten Schnitzel gibt?“
Er nickte. „Beim Figlmüller in der Wollzeile und beim Salmbräu neben dem Unteren Belvedere. Interessiert?“
Durchaus, aber da würde ich dann doch lieber alleine hingehen, so gut gefiel er mir wieder nicht. Ich merkte mir die Tipps vor.
„Sie könnten mir Ihre Handynummer geben, dann kann ich sie anrufen, ob sie sich schon gut eingelebt haben“, tastete er sich weiter vor.
O nein! Schnell, eine Ausrede! Isch ´abe gar keine ´andy ? Blödsinn, er hatte es ja vorhin gesehen. Ich zuckte bedauernd die Schultern. „Sorry, ich habe gerade gemerkt, dass die Karte abgelaufen ist.“
„Kaufen Sie sich doch eine neue!“
„Mache ich, aber erst zu Hause, hier kriege ich doch nicht die richtige.“
„Aber die Nummer könnten Sie mir ruhig trotzdem geben“, beharrte er, „vielleicht kann man Sie ja trotzdem noch anrufen.“
Ja, da hatte er leider Recht. Ich las sorgfältig vom Handy die Nummer ab, aber leider verdrehte ich die letzten drei Ziffern und ersetzte eine Sieben durch eine Vier, außerdem setzte ich die falsche Netznummer davor. Wenn er mich trotzdem fand, hatte er es auch verdient! Er schrieb sich das sorgfältig auf und las es noch einmal vor. Ich korrigierte einen weiteren Zahlendreher hinein und lehnte mich wieder zufrieden zurück. Der Zug bremste scharf und glitt langsam in einen eher mickrigen Bahnhof. Das konnte doch noch nicht der Westbahnhof sein? Nein, Hütteldorf, eine echte Weltstadt. Mein Plagegeist schlüpfte in einen Regenmantel und holte einen Koffer aus der Ablage.
„Ich muss Sie hier leider verlassen...“
Wie soll ich nur weiterleben? dachte ich rotzig und lächelte bedauernd.
Er stand schon auf dem Bahnsteig, als ihm das Entscheidende einfiel: „Wie heißen Sie eigentlich?“
„Constanze Wechselburger!“, rief ich durch das Fenster, und hoffte, dass er nie Beim nächsten Mann wird alles anders gelesen hatte – aber welcher Mann hatte das schon? Strahlend winkte er mir nach, als der Zug sich wieder in Bewegung setzte. Den war ich los – mit den vielen Fehlern kriegte er meine Nummer nie wieder richtig hin. Und ich musste darauf achten, morgen Mittag um eins schön weit weg vom Stephansdom zu sein. Das konnte ich schaffen, mir schwebte eher Schönbrunn vor.
So doof der Kerl gewesen war – nein, das wusste ich ja gar nicht. Uninteressant, das traf es besser. Gut, noch mal: So uninteressant der Kerl gewesen war, er hatte doch meine Laune gebessert, ich konnte zur Not immerhin so etwas an Land ziehen! Ein Superjob wäre mir allerdings lieber, überlegte ich, schon wieder missmutig, und trat auf den Gang, um einen ersten Blick auf Wien zu werfen. Im Moment sah es aus wie alle anderen Großstädte – Hinterhöfe, ältliche Fassaden mit schäbigen Balkonen, kurze Blicke in schmale und breite Straßen, Verkehr, Werbeplakate... Andere Werbung hatten sie hier, das war immerhin interessant.
Der Zug verlangsamte wieder sein Tempo und rollte in den Bahnhof ein. Ja, das hatte schon eher etwas von Großstadt – kein Vergleich zu Hütteldorf! Überhaupt, wenn ein Ort schon Hütteldorf hieß…
Sobald der Zug stand, sprang ich aus dem Zug und sah mich neugierig um. Der Bahnsteig war schäbig, aber der Bahnhof ziemlich schick, über zwei Etagen. Ich fuhr auf der Rolltreppe ins untere Geschoss und überlegte – was zuerst?
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