Er setzte sich mir gegenüber und hob das Buch an, um den Titel zu studieren. „Oh, das hab ich auch, eine geniale Arbeit. Haben Sie schon einige dieser Höfe gesehen?“
„Nein, ich muss erst einmal schauen, wo die so sind. Reizen würde es mich schon. Stehen die überhaupt noch alle?“
„Soweit ich weiß, schon. Wenn Sie Lust haben, zeige ich Ihnen morgen einen der schönsten, den Reumannhof. Einverstanden?“
Ich nickte.
Er bestellte, einen Kaffee und für mich noch ein Zitronenwasser. Wieder sah er angeekelt zu, wie ich die Zitrone auspresste, lachte dann aber auf. „Jetzt weiß ich! Das ist irgend so eine Zauberdiät, ja?“
„Unsinn!“, fauchte ich, „sehe ich aus, als hätte ich das nötig?“
Er betrachtete mich gründlich, mit leicht zusammengekniffenen Augen. Ganz schön faltig, das Gesicht. Entweder war er noch älter, als ich gedacht hatte, oder er hatte zu viel in der Sonne gelegen. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig – mindestens.
„Nein“, sagte er dann, und ich schrak aus meinen Gedanken hoch. „Was – nein?“
„Sie haben es nicht nötig, im Gegenteil, Sie sollten etwas essen.“
„Ich futtere hier wie verrückt, aber ich laufe eben auch viel herum.“
„Auf der Jagd nach Motiven?“
Ich nickte wieder und zündete mir die fünfte Zigarette an. Das musste ich unbedingt reduzieren! Er gab mir Feuer und zog dann seine eigenen Zigaretten heraus.
„Haben Sie schon etwas entwickeln lassen?“
Ich klopfte auf den dicken Umschlag von heute. Warum ich mit ihm so nonverbal kommunizierte, wusste ich auch nicht. „Darf ich?“
Ich schob ihm den Stapel zu. Mist, jetzt ich den Ausschuss noch nicht aussortiert! Nun, das schien er zu übernehmen, jedenfalls nahm er aus dem Stapel langsam einige Fotos heraus und legte sie beiseite.
Als er fertig war – ich beobachtete ihn schweigend und rauchend – schob er mir den Umschlag wieder zu und breitete die aussortierten Abzüge auf dem Tisch aus, nachdem er ihn mit einer Papierserviette abgewischt hatte. Ich trank einen Schluck und guckte ihm stumm zu. Soweit ich es erkennen konnte, hatte er nicht gerade den Ausschuss erwischt, sondern genau die Fotos, die ich in aller Bescheidenheit als genial einschätzte.
„Die sind gut“, sagte er schließlich. „Die meisten anderen auch, manche nur guter Durchschnitt, aber diese hier sind wirklich gut. Ausgezeichnet sogar. Würden Sie davon gerne etwas veröffentlichen?“
„Natürlich“, hauchte ich überwältigt, „aber wie?“
„Ich möchte einen Bildband machen, Wien – mal anders , und dafür könnte ich einige von Ihren Arbeiten brauchen. Für das Ringstraßenprojekt ist nichts dabei, die mach ich auch lieber selbst, weil ich weiß, was ich haben will, aber für den anderen Band wären die hier ausgezeichnet. Was könnte ich ihnen pro Foto zahlen...“ Er rechnete ein bisschen im Kopf herum und nannte dann eine Summe, die mir ziemlich astronomisch erschien.
„Pro Foto?“, fragte ich ungläubig nach.
„Sicher pro Foto. Einverstanden?“
Ich konnte wieder nur nicken. Sieben Fotos, und vom Erlös konnte ich fast ein Vierteljahr leben! Das war ja traumhaft! Er sah mich an und trank einen Schluck Kaffee. „Haben Sie gestern nicht gesagt, dass Sie ohnehin gerade keinen Job haben?“
Ich nickte – was sonst?
„Ich brauche eine Assistentin.“
Was? Hatte ich richtig gehört? Vor Schreck warf ich mein Glas um, aber glücklicherweise war es schon wieder leer.
„Ich hoffe, das passiert Ihnen nicht auch mit Scheinwerfen und Stativen“, kommentierte er. „Sie müssten Dateien verwalten, entwickeln, mich auf Fototouren begleiten, mit mir die Auswahl besprechen, für Nachschub sorgen, Filme, Batterien und so, Kaffee kochen, das Atelier aufräumen, die Ablage machen, mir das Finanzamt und meinen Verleger vom Hals halten. Es wäre ziemlich viel Arbeit und keine allzu tolle Bezahlung.“
Er sah mich zweifelnd an und nannte eine Summe, die etwa meinem Gehalt bei Frances entsprach.
Ich nickte langsam. „Das klingt nicht uninteressant. Aber Sie wissen doch gar nichts von mir!“
„Ich weiß, dass Sie Talent haben und einen Blick für gute Motive. Wenn Sie ansonsten einigermaßen zuverlässig sind – intelligent scheinen Sie ja zu sein. Das dürfte für einen Versuch doch genügen. Wollen Sie?“
Ich überlegte kurz. „Ja. Probieren wir´s. Aber eins sag ich Ihnen gleich: Ich kann Kaffee kochen, die Ablage machen und aufräumen; alles andere muss ich erst lernen. Und entwickeln… ich hab ja bloß eine Digitalkamera.“
„Kein Problem. Das hat bis jetzt jede erst lernen müssen – aber analoge Bilder haben ihre eigenen Reize, darauf verzichte ich nicht. Sie schaffen das bestimmt schneller als manche ihrer Vorgängerinnen.“
„Himmel, wie viele Assistentinnen haben Sie denn schon verschlissen?“
Er zog ein verlegenes Gesicht. „Sieben oder acht. Die meisten hatten ein Problem mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten und dem Reisen, sie wollten ihre Männer nicht so oft alleine lassen oder fanden es zu anstrengend. Oh, das habe ich ja gar nicht gefragt – wenn Sie verheiratet oder fest gebunden sind, sollten Sie sich vielleicht erst mit Ihrem Partner beraten?“
„Keine Sorge, ich bin solo. Auch seit Montag. Herrliches Gefühl, das bleibt jetzt erstmal so. Nein, das Reisen stelle ich mir toll vor.“ Ich lachte. „Im Hotel gibt es wenigstens funktionsfähige Duschen, das habe ich zu Hause nicht, ich wohne in einer entsetzlichen Bruchbude.“
„Wo denn?“
„Carolinenstraße, in dem hässlichen braunen Klotz. Die billige Miete ist das einzige, was für die Wohnung spricht.“
„Ich glaube, das kenne ich. Jedenfalls haben Sie es dann nicht weit. Mein Atelier ist in der Florianstraße.“
„Sehr praktisch. Sagen Sie, wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns vorstellen? Ich heiße Bettina Ferstl.“
„Sie haben Recht. Jan Hellmann. Dann frage ich gleich ein bisschen weiter. Wie alt sind Sie? Welche Ausbildung haben Sie?“
„Neunundzwanzig. Ich habe Publizistik, Geschichte und Politik studiert und nach dem Magister herumgejobbt, weil ich nie etwas wirklich Gutes gefunden habe. Fotografieren habe ich in meinem letzten Job gelernt, weil man da alles viel besser darstellen musste, als es wirklich war.“
Ich verstummte. Er antwortete nicht. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Wollte er keine verkrachte Akademikerin einstellen? Hätte ich Fotografie nicht als Betrug darstellen sollen? Ich sah ihn ratlos an.
„Warum sagen Sie nichts?“
„Warum fragen Sie nicht zurück?“
„Man fragt doch seinen Chef nicht aus!“
Er schüttelte nachsichtig den Kopf. „Also, ich bin gelernter Fotograf mit ein paar Semestern Journalismus, achtunddreißig Jahre alt, vormittags schlecht gelaunt, also seien Sie dann möglichst nicht zu empfindlich, unordentlich und ziemlich erfolgreich. Ich arbeite für den Picture -Verlag und für verschiedene Werbeagenturen. Bei Picture habe ich ziemliche Narrenfreiheit, deshalb kann ich auch den Wien - mal anders – Band durchdrücken. Fragen Sie, was Sie sonst noch wissen wollen!“
Ich war wie betäubt. Achtunddreißig? Mehr nicht? So sah er weiß Gott nicht aus! Und jetzt sollte ich eine intelligente Frage stellen, aber mir fiel absolut nicht Besseres ein als „Kann ich am Montag anfangen?“
„Unbedingt!“, freute er sich, „das Atelier sieht schlimm aus, und ich habe wirklich genug Projekte laufen. Montag, um halb neun? Floriansgasse vierundzwanzig, im Hintergebäude. Wenn niemand da ist, klingeln Sie einfach über dem Atelier, da wohne ich.“
Ich schrieb mir alles eifrig auf. Dann konnte ich mir den Besuch bei JobTime sparen! Kopfschüttelnd saß ich da.
„Kommen Ihnen Bedenken?“, fragte er.
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