Seriöse Zeitungen hatten logischerweise langweiligere Schlagzeilen, Debatten um Sparpläne, Kritik der EU an der US- Nahostpolitik . Na, das war seit Wochen schon das Thema.
Endlich hatte ich mich nach vorne durchgestanden und konnte die Hefte und ein Päckchen Zigaretten kaufen. Erleichtert verließ ich den Laden, das Mottenkugelodeur war geradezu betäubend gewesen.
Draußen blinzelte ich prüfend in den Himmel. Wieder besser... Und jetzt? Nein, ich traute dem Wetter nicht, lieber ins Museum! Und danach ein gepflegtes Abendessen. Dabei könnte ich den Großen Test machen, vielleicht erfuhr ich ja sogar, was ich tun konnte, um so zu leben, wie ich es wollte. Und vielleicht, ganz vielleicht, erfuhr ich sogar, was ich eigentlich wollte?
Ich war eine Idiotin, schimpfte ich vor mich hin, als ich den Weg zum Opernring einschlug, ich konnte doch nicht ernsthaft Lebenshilfe von so einem Käseblatt erwarten? Aber unterhaltsam war es bestimmt, und schließlich hatte ich jetzt doch so was wie Ferien. Und vielleicht kam ich tatsächlich auf Ideen – Anregungen konnten schließlich aus den abstrusesten Ecken kommen!
Am Opernplatz stieg ich in die Ringlinie und fuhr zu den Museen. Es hatte schon wieder zu regnen begonnen, und ich trabte eilig ins Kunsthistorische Museum. Gemälde hatten immer eine beruhigende Wirkung auf mich, zu Hause ging ich auch gerne ins Schloss Ludwigskron oder in die Kunsthalle, um auf andere Gedanken zu kommen, vor allem, wenn Frances mich wieder einmal genötigt hatte, einen besonderen Trottel der Öffentlichkeit als Mr. Oberwichtig zu verkaufen. Oder wenn Norbert wieder einmal viel wichtiger war als ich. Oder wenn ich Trost brauchte, weil zu Hause wieder einmal die Farbe von der Wand geplatzt war oder ich eine neue Schimmelkultur entdeckt hatte. Oder wenn mein Autochen wieder ein neues, bedenkliches Geräusch produzierte oder sich andere Ausfälle leistete. Vor zwei Wochen etwa hatten die Scheibenwischer ihren Geist aufgegeben.
In der Eingangshalle war es glücklicherweise ziemlich leer; in einer Ecke lärmte eine Schulklasse herum, während die Lehrerin vergeblich versuchte, die Lautstärke zu dämpfen und festzulegen, dass man im Museum a) nicht aß, b) nicht trank, c) nicht um die Wette rannte und d) nicht iPod hörte. Angeödete Blicke waren die einzige Reaktion. Schließlich schlug sie vor „Wir können natürlich auch wieder in die Schule zurückgehen und Unterricht machen...“ Das brachte die mürrischen Teenies vorübergehend in Form und ich wandte mich schnell ab, um mein Grinsen zu verbergen. So peinlich waren wir früher auch gewesen, unsere armen Lehrer!
Ich reihte mich in die kurze Schlange vor der Kasse ein und wartete geduldig und etwas geistesabwesend. Deshalb hätte ich vor Schreck fast einen Satz gemacht, als mir eine Stimme ins Ohr murmelte: „Heute stehe ich Ihnen hoffentlich nicht im Weg?“
Ich fuhr herum. „Ach, Sie! Sie haben mich vielleicht erschreckt! Tut mir Leid wegen gestern, das war nicht so gemeint.“
Er lächelte. „Kein Problem. Ich kann das verstehen, ich bin Fotograf und hasse es auch, wenn irgendwelche Leute ein Motiv verschandeln.“ Verschandeln, genau! Ich verkniff mir einen taxierenden Blick, sah aber auch so, dass er schon wieder wie ein Lumpenbündel herumlief. Diese grauenvolle Schimanski-Jacke!
„Wollen Sie ins Museum?“ Hochintelligente Frage! Wozu stand ich wohl sonst an der Kasse an?
„Ja“, antwortete ich nur knapp; ihn auf seine Blödheit hinzuweisen, ließ ich doch lieber, ich war gestern schon unhöflich genug gewesen.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, begann er dann, „wir treffen uns in einer Stunde in dem Café über der Eingangshalle, einverstanden?“
„Warum?“, fragte ich dämlich zurück.
„Weil ich mich gerne mit Ihnen unterhalten würde“, antwortete er ungeduldig.
Ich hätte beinahe noch einmal „Warum?“ gefragt, schluckte es aber herunter. „Gut. Um drei?“
Ich schob dem Kassierer einen Zwanzigeuroschein hin und kassierte Ticket und Wechselgeld, dann nickte ich der Schimanski-Jacke zu und wandte mich der Freitreppe zu. Heute funktionierte der Trost der Malerei nicht ganz so wie gewünscht, weil ich mich dauernd fragte, worüber dieser Typ wohl mit mir reden wollte. Über mein Benehmen in der Öffentlichkeit? Das kannte ich schon von Norbert. Über Wien? Wollte er mich womöglich anmachen? Nein, den Eindruck hatte ich nicht, er war eigentlich recht sachlich gewesen.
Kein schleimiges Getue, keine Machosprüche.
Ich betrat den Breughel-Saal und ließ mich auf der Bank in der Mitte nieder. Was wollte er von mir? Vielleicht war es einer von denen, die andere Leute baten, Gepäck für sie mitzunehmen. Und dann wurden die anderen Leute und nicht sie selbst mit zwanzig Kilo Koks an der Grenze erwischt. Aber von Wien nach – wohin eigentlich? Er hatte keine österreichische Dialektfärbung anklingen lassen, eigentlich klang seine Sprache ganz normal, was man in einer bayerischen Stadt eben als normal empfindet, ein ganz leicht dialektgefärbtes Hochdeutsch (was in Norddeutschland dann schon als urbayerisch galt). Vielleicht war er auch nur ein Tourist? Wollte er wissen, wo es die besten Schnitzel gab? Oder welche Museen sich noch lohnten? Ich konnte ihm das Museum der Stadt Wien nur wärmstens empfehlen!
Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mich auf die Breughels zu konzentrieren, dann wanderte ich langsam weiter durch die Säle, geriet in eine Sonderausstellung, die mäßig interessant war, vertiefte mich mit halber Kraft in einen Tizian und sah schließlich auf die Uhr. Fünf vor drei – bevor ich wusste, was dieser Kerl von mir wollte, konnte ich mich ohnehin nicht auf die Bilder konzentrieren.
Also trabte ich die langen Säle und Gänge wieder zurück und betrat das kleine runde Café, wo man in der Mitte in die Einganghalle hinuntergucken konnte, fast exakt um drei. Ich fand sogar einen kleinen Tisch direkt an der Rotunde und bestellte mir ein Mineralwasser mit viel Zitrone. Ich war gerade damit beschäftigt, die Zitronenschnitze aus dem Wasser zu fischen, ohne eine Schweinerei zu veranstalten, als ein grauer Schatten auftauchte und sich vor mir niederließ.
„Was machen Sie da?“
Ich warf ihm einen kurzen Blick zu. „Sehen Sie gleich.“
Endlich hatte ich die Zitronen gerettet und drückte sie nun gründlich über dem Glas aus, in dem sich das Wasser milchig färbte. Er schüttelte sich. „Ist das nicht fürchterlich sauer?“
„Nein, das schmeckt lecker. Sehr erfrischend.“ Ich legte die zerquetschten Zitronen beiseite und sah ihn abwartend an. Er blieb aber stumm, also fing ich an: „Worüber wollten Sie mit mir sprechen? Dass ich nicht wildfremde Leute anpöbeln soll?“
Er grinste und zeigte für sein Alter ordentliche Zähne. „Nein, ich hab doch schon gesagt, dass ich das verstehen kann. Nur – was hat Sie an diesem Laden so fasziniert?“
„Dass er komplett wie aus den späten Zwanzigern aussah, nicht einmal moderne Werbung war im Fenster. Ich mag Winkel, bei denen man das Gefühl hat, in eine andere Zeit gereist zu sein.“
Er lächelte wieder und bestellte sich einen Kaffee. „Kennen Sie den Franziskanerplatz? Wenn man Glück hat und keiner sein Auto in den Weg gestellt hat, hat man dort das Gefühl, so etwa im Jahr 1780 zu sein. Das sollten Sie sich mal anschauen.“
„Gute Idee!“ Ich schrieb mir das sofort auf.
„Und waren Sie schon am Spittelberg? Auch wunderbare Motive.“
Ich schrieb weiter und revanchierte mich dann. „Kennen Sie Otto Wagner?“
Er lachte. „Natürlich!“
Also war das gar kein Geheimtipp, schade.
„Was haben Sie von ihm denn schon angesehen?“
„Noch nicht viel“, musste ich gestehen, „zunächst habe ich ein Buch gekauft. Gut, die Stadtbahnpavillons am Karlsplatz, aber das andere muss ich noch ablaufen.“
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