„Was kann der Ring?“, fragte Macay neugierig.
„Stell ihn dir wie einen Speicher für magische Energie vor. Was auch immer mit Magie zu tun hat, wird wesentlich stärker, wenn man diesen Ring trägt. Ich vermute, der Magier, der den Dämonen in Eszger beschworen hat, war nicht sehr mächtig. Das würde auch erklären, warum es euch so mühelos gelungen ist, den Dämon zu besiegen.“
„Mühelos?“ Macay war beleidigt ob dieser Geringschätzung seiner größten Heldentat bisher - jedenfalls hatte er sie so eingeschätzt.
„Wenn dir eines Tages ein richtiger Dämon begegnen sollte, einer, der von einem guten Magier beschworen wurde, dann wirst du verstehen, was ich meine“, antwortete die Zwirgin nachsichtig.
„Zzorg kann den Ring tragen“, schlug Macay vor. „Dann ist er als Feuermagier sicherlich unbesiegbar.“
„Seid vorsichtig“, riet die Zwirgin. „Die Wirkung des Ringes hält nur wenige Stunden an. Heutzutage weiß niemand mehr, wie man solche Ringe wieder auflädt. Setzt ihn nur bei äußerster Gefahr ein.“
Siplim, den Zzorg inzwischen abgesetzt hatte, räusperte sich ein paarmal, bevor er jammerte: „Fast hätte diese Riesenechse mir den Hals umgedreht. Verdammt, verdammt, ihr solltet vorsichtiger sein. Was würdet ihr denn ohne mich anfangen?“
„Wir würden uns weniger ärgern und daher vermutlich glücklicher leben“, antwortete Rall.
„Unsinn. Ihr würdet nicht einmal von diesem Baum herunterfinden, wenn ich euch nicht zeige, wie es geht“, behauptete Siplim. „Ich unterbreche euren Plausch mit den ehrenwerten Damen vom Rat ungern, aber wenn ihr vor Einbruch der Nacht in der Ruinenstadt sein wollt, wird es Zeit zum Aufbruch. Es ist bald Mittag.“
„Lass mich raten“, sagte Macay. Er griff nach der Rinde des Baumes, an dem die Plattform befestigt war, und versuchte sie zu öffnen. Aber es gelang ihm nicht.
Siplim kicherte. „Noch jemand mit einem schlauen Vorschlag?“
„Wir nehmen den nächstbesten Zwirg und verprügeln ihn so lange, bis er uns den Weg nach unten zeigt“, schlug Rall vor.
„Hört mit diesem Unsinn auf“, forderte Sila. „Benehmt euch wie erwachsene Wesen. Auf Wiedersehen, Macay, Rall und Zzorg. Möge eure Reise erfolgreich sein. Und vergesst unsere bescheidene Bitte nicht, wenn ihr das Herz des Nebelkontinents erreicht.“
Im nächsten Moment waren die drei Zwirginnen zwischen den Blättern des Baumes verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
„Nehmt euer Gepäck und dann nichts wie ab nach unten“, forderte Siplim sie auf.
Er führte sie auf der Plattform um den Baumstamm herum. Dort war ein merkwürdiger, breiter Ast, der völlig glatt und sehr lang war. Offenbar reichte er bis weit in die Krone des Nachbarbaumes hinein. Daneben war eine Seilrolle mit einer Kurbel.
„Du wirst doch nicht erwarten, dass wir uns an dem Seil herunterlassen?“, fragte Macay.
„Aber nicht doch. Wir bevorzugen die schnelle, bequeme Art, Bäume zu verlassen. Wenn der kräftige Herr Echserich so nett wäre, an dieser Kurbel zu drehen? Meine schwachen Kräfte würden natürlich auch dazu reichen, aber wieso soll ich mich anstrengen, wenn ich euch habe?“
Zzorg drehte an der Kurbel. Daraufhin begann sich der breite Ast langsam nach unten zu senken.
Nach einer Weile rief Siplim: „Halt! Das reicht. Sonst bricht der Ast ab. Folgt mir!“ Der Zwirg schwang sich rittlings auf den großen Ast und rutschte auf ihm nach unten. Schnell entschwand er durch die Blätter den Blicken der drei Freunde.
„Sollen wir es riskieren?“, fragte Rall.
Macay antwortete nicht, sondern setzte sich auf den Ast und rutschte vorsichtig hinter Siplim her. Die Oberfläche des Astes war so glatt, dass es fast keine Reibung gab. Ruckzuck war Macay am unteren Ende des Astes angekommen - mannshoch über dem Waldboden.
Mit einem Schrei stürzte er zu Boden und rollte sich geistesgegenwärtig gleich beiseite. Im nächsten Moment schlug Zzorg neben ihm auf, der nicht so schnell reagierte, so dass Rall auf ihm landete. Fluchend rappelten sie sich auf.
Siplim stand in der Nähe und lachte und lachte und lachte. Als er sah, wie die drei mit finsteren Gesichtern auf ihn zu kamen, deutete er nach links und rief: „Dort geht es zur Ruinenstadt. Gute Reise. Schade, dass wir uns trennen müssen, ihr seid die besten Komiker, die ich je in meinem Leben ...“
Er sprach den Satz nicht zu Ende, sondern wich Ralls Krallen aus. Blitzschnell versteckte er sich hinter dem Baumstamm, vor dem er gestanden hatte.
Rall folgte ihm mit einem Satz, aber Siplim blieb verschwunden. „Weg“, sagte Rall, nachdem er die Umgebung durchsucht und den Baum vergebens auf eine verborgene Tür hin geprüft hatte.
„Reg dich nicht auf“, empfahl Macay. „Gehen wir zur Ruinenstadt, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit dort sind.“
Wegen umgestürzter Bäume und schlechter Wege erreichten sie die Ruinenstadt erst spät am Abend. Rall riet dazu, außerhalb der Stadt zu übernachten.
So machten sie sich ein Lager zurecht, aßen und lauschten dann dem fernen Gesang der Zwirge, bis sie einschliefen.
Es war ein trüber Tag, an dem sie die Ruinenstadt betraten. Macay hatte sich unter diesem Namen eine Ansammlung zerstörter Gebäude vorgestellt, zwischen denen der Wald wucherte. Stattdessen lag vor ihnen eine merkwürdige, aber auf den ersten Blick intakt wirkende Siedlung.
Die Ruinenstadt stand am Rand einer Klippe, an der es steil ein Dutzend Meter nach unten ging, wo in einem tiefen Flussbett der Pil floss, so schmutzig wie Macay ihn kannte. Das Südufer stieg sanft an und war mit Gras und Büschen bewachsen. Weiter oben ging es in den Alten Wald über. Am Nordufer führte eine Uferpromenade entlang, neben der es dann steil nach oben zur Stadt ging. Ob die Klippe natürlich oder Mauerwerk war, konnte Macay nicht erkennen. Dafür sah er deutlich genug die Häuser im Morgenlicht. Sie glichen nichts, was er je gesehen hatte.
Die Häuser der Ruinenstadt waren hoch, höher als die meisten Gebäude, die Macay kannte, einige Adelshäuser in seiner Heimat ausgenommen. Sie waren rund und bauchig wie Fässer und trugen kleine, runde Schindeldächer. Zwischen den Häusern führten Wege durch, die teilweise überdacht waren. Insgesamt schätzte Macay, dass es in der Stadt mindestens zwei Dutzend dieser Gebäude gab, von denen jedes sicherlich fünf bis sechs großen Familien als Wohnung dienen konnte.
„Hinter dem Hügel da links geht es weiter“, sagte Rall. „Die Stadt war einst riesig. Jetzt stehen vielleicht noch sechzig Häuser, der Rest ist verschwunden.“
„Was heißt verschwunden?“
„Diese Rundhäuser zerfallen nicht nach und nach, wie man es von normalen Häusern erwartet. Sie verschwinden. Vom Rand her wird die Stadt immer kleiner. Seit Jahrhunderten. Es gibt Berichte von Besuchern, die sich abends neben einem der Bauwerke zum Schlafen niederlegten und morgens in der freien Landschaft aufwachten. Die Häuser lösen sich einfach auf.“
„Man sagt, sie leben“, zischte Zzorg. „Wie Pilze. Der Boden ist ihre Heimat und was wir sehen, ist nur ein kleiner Teil von ihnen. Wenn sie eingehen, ziehen sie sich in den Boden zurück.“
„Pilze?“ Macay konnte das nicht so recht glauben, wenn er die riesigen Bauwerke ansah.
„Du darfst dir das nicht wie einen essbaren Pilz vorstellen“, erklärte Rall. „Die Wände der Gebäude wirken wie Ton und sind so fest wie Ziegelmauern.“
„Und wer lebt hier?“
„Fast niemand mehr. Ein paar Einsiedler soll es noch geben, die sich aber normalerweise von Besuchern fernhalten.“
Langsam gingen sie in die Stadt hinein. Die Wege zwischen den Gebäuden waren gepflastert, jedenfalls hatte es den Anschein. Als Macay jedoch diesen Boden betrat, stellte er fest, dass es sich nicht um Steine handelte, sondern um ein nachgiebiges Material, das eher wie zähes Leder war, dessen narbige Struktur den Eindruck von Pflastersteinen hervor rief.
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