„Das ist eine gute Frage. Im Süden, von Heimstadt aus gesehen, befinden sich der Alte Wald und diese Ruinenstadt. Weiter im Südosten und an der Küste entlang leben die Echsenwesen. Sicherlich haben die Kaiserlichen nicht vor, euch dorthin zu schicken. Zwischen dem Alten Wald und den Echsenwesen ist auf der Karte des Nebelkontinents nichts Auffälliges verzeichnet.“
Macay fiel diese vorsichtige Formulierung Abrahs auf. „Was zeigt der Zaubertisch?“, fragte er.
Abrah lächelte. „Je weiter entfernt etwas von dieser Stadt ist, desto undeutlicher und kleiner wird es auf dieser Glasfläche dargestellt. Wenn ich mir also das Gebiet viele hundert Meilen südlich von hier zeigen lasse, sind Einzelheiten nicht mehr zu erkennen.“
„Tu es trotzdem“, forderte Rall.
Abrah nahm an den Kontrollinstrumenten Einstellungen vor und das Bild auf dem ringförmigen Glastisch änderte sich.
„Ah, das Gebirge“, sagte Rall und zeigte darauf. „Dort unten gabelt es sich. Das dreieckige Gebiet zwischen diesen Gebirgszügen, bis hinunter zum Meer, wird von einer besonderen Abart von Zzorgs Rasse bewohnt. Was ist das hier?“ Er deutete auf einen hellgrünen Fleck mitten im Gebirge.
„Offensichtlich irgendein Tal“, sagte Abrah wegwerfend. Er schaltete die Anzeige schnell wieder in den ursprünglichen Zustand zurück. „Aber euch Dreien entgeht der eigentliche Sinn meiner Worte. Was nicht auf der Karte zu sehen ist - liegt vielleicht unter ihr.“
„Das Herz des Nebelkontinents!“, rief Macay.
„Richtig. Irgendwo unter den Gebirgszügen südlich von hier befindet sich, der Legende nach, dieser geheimnisvolle Ort. Wie es scheint, sind die Kaiserlichen sehr daran interessiert, dass ihr diesen Ort findet.“
„So etwas haben die Zwirge schon angedeutet.“
„Sie wissen vermutlich sehr viel mehr, als sie zugeben.“ Abrah drückte wieder ein paar Knöpfe auf der Bedienkonsole. Das Bild auf der Glasscheibe änderte sich erneut, die nähere Umgebung des Hauses wurde deutlicher dargestellt. „Das ist die Stadt, die ihr Ruinenstadt nennt“, sagte er. „In dieser Stadt, die einst von den Alten Menschen gegründet wurde, befindet sich ein Schlüssel. Er erlaubt den Zugang zu einem Tunnelsystem, das unter der Stadt beginnt. Es führt zum Herzen des Nebelkontinents. Wenn ihr also dorthin wollt, müsst ihr erst den Schlüssel und dann einen Eingang zum Tunnel finden“
„Man sagt, der Pil entspringe unter dem Gebirge. Führt er zum Herzen?“
„Vielleicht. Aber ich würde an eurer Stelle diesen Weg nicht wählen. Schau.“
Staunend sah Macay, wie der breite, schmutzige Fluss aus einer Felsöffnung stürzte, schäumend sein Bett fand und dann durch die Ruinenstadt floss. Die Stelle, an der er aus dem Felsen kam, wirkte nicht wie ein Höhleneingang, sondern eher wie ein enger Einschnitt. Das Wasser füllte ihn völlig aus.
„Der Pil ist der Abwasserkanal der Alten Menschen“, erklärte Abrah. „Ob sie ihn absichtlich dazu gemacht haben oder ob er in der Zeit ihres Niedergangs durch ein Unglück dazu wurde, wissen wir nicht. Seine Funktion ist es jedenfalls, Schmutz und Gift aus dem Körper des Nebelkontinents zu spülen. Solche Mengen an Gift, dass die Maschine hier im Haus nicht damit fertig werden würde.“
„Noch nie hat jemand das Herz des Nebelkontinents betreten“, sagte Zzorg düster.
„Nie ist ein großes Wort. Es ist bekannt, dass es Wege dorthin gibt und der Schlüssel dazu sich im nördlichen Teil der Ruinenstadt befindet. Jemand muss dieses Wissen gesammelt und weitergegeben haben, wenn auch vor langer Zeit. Vermutlich ist im Laufe der Jahrhunderte immer wieder jemand in dieses Höhlensystem eingedrungen, auch wenn sich die Namen dieser Helden - oder Verbrecher - nicht erhalten haben.“
„Wieso Verbrecher?“, wollte Macay wissen.
„Weil es, wie bei vielen geheimnisvollen Orten, auch über das Herz des Nebelkontinents Sagen gibt, die von großen Schätzen sprechen. Von mehr Gold, als der reichste Mensch je besessen hat, von Elixieren der Unsterblichkeit, ja der Göttlichkeit. Von Waffen, mit denen man ganze Landstriche entvölkern kann. Und dergleichen Märchen mehr.“
„Und? Stimmen diese Märchen?“
Abrah lachte. „Vielleicht. Man sagt ja, jede alte Geschichte habe ihren wahren Kern. Aber um das herauszufinden, müsst ihr schon selbst nachsehen. Und den Weg zum Herzen des Kontinents überleben. Es soll viele Gefahren geben, dort unter der Erde, auch wenn nicht bekannt ist, welche.“
„Du weißt erstaunlich wenig für einen Mann, der so vieles weiß“, sagte Rall misstrauisch. „Genug, um uns das Maul wässerig zu machen und uns auf den Weg zu schicken, aber nicht genug, um uns wirklich zu helfen.“
„Ich habe viel geforscht, gelesen, nachgedacht. Wenn ich euch über alles informieren würde, was ich vermute oder ahne über die Reise, die vor euch liegt, so würde das viele Tage in Anspruch nehmen. Ihr würdet das meiste nicht einmal verstehen.“ Abrah lächelte, um das nicht als Beleidigung erscheinen zu lassen. „Es wird Abend. Geht nun. Ich werde morgen keine Zeit mehr für euch haben, meine Aufgaben verlangen vollste Konzentration. Auf Wiedersehen also. Ich wünsche euch alles notwendige Glück. Und wo Glück nicht hilft, Mut, Entschlossenheit und Einsicht.“
Abrah drückte jedem von ihnen feierlich die Hand und brachte sie zurück nach unten, ohne auf weitere Fragen einzugehen.
Nachdenklich kehrten die drei Freunde zurück zu dem Haus, in dem ihre Vorräte lagerten.
Der Schlüssel
Am folgenden Morgen suchten sie noch einmal das große Haus im Zentrum auf, aber die Tür war verschlossen. Auf Klopfen und laute Rufe reagierte niemand. Abrah war nicht bereit, noch einmal mit ihnen zu reden.
„Dann machen wir uns auf die Suche nach dem Schlüssel“, sagte Macay enttäuscht.
Die Häuser im Norden der Ruinenstadt entsprachen in ihrer Bauweise denen, die sie schon kannten, aber sie hatten einen kleineren Durchmesser.
„Wir durchsuchen Haus für Haus“, schlug Rall vor. „Dieser Schlüssel wird irgendein besonderer Gegenstand sein, der uns sicherlich auffällt, wenn wir ihn sehen.“
So begannen sie, jedes Gebäude vom Erdgeschoss bis unters Dach zu durchsuchen, was sich einfach gestaltete, weil die Häuser leer waren. Alle - bis auf eines.
Bei diesem Haus war der Boden im Erdgeschoss mit einem Mosaik ausgelegt, das seltsame Muster zeigte. Die Muster führten auf die zentrale Säule zu. Und die war wesentlich dicker als alle, die sie bisher in der Ruinenstadt gesehen hatten. Es gab in diesem Haus keine Treppe in die oberen Stockwerke.
Macay ging noch einmal hinaus und sah nach oben: Nur im Erdgeschoss waren Fenster. Was auch immer sich darüber befinden mochte, es war nicht zugänglich. Ein Ruf von Rall ließ Macay wieder hineingehen.
„Die Säule hat eine Tür“, sagte Rall. „Sieh dir diese feinen Linien an.“
Macay untersuchte die Stelle und musste Rall recht geben. „Aber es ist kein Schloss vorhanden. Und der Spalt ist so winzig, dass man nicht einmal mit einer Messerklinge ansetzen könnte, um die Tür aufzubrechen. Aber die Kurven im Mosaik laufen auf die rechte Seite dieser Tür zu. Wenn man sich seitlich hinstellt, hat man den Eindruck, es seien Pfeile.“
Er fuhr mit der Hand an dem feinen Spalt an der rechten Seite der Tür entlang. Genau in der Höhe, in der man einen Türgriff erwarten würde, vibrierte etwas. Nach ein paar Sekunden öffnete sich die Tür mit einem klickenden Geräusch. Macay sprang zurück und zog seine Waffe. Aber niemand kam heraus.
Die Säule war nichts als ein dünnwandiger Zylinder, der Platz für eine Person bot. Es gab weder Leitersprossen, die nach oben führten, noch sonst etwas darin.
„Wo eine Tür ist, soll man eintreten“, sagte Rall. „Ich versuche es. Ihr bleibt draußen.“
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