„Abrah lässt uns nicht mehr in sein Haus“, warf Macay ein.
„Du bist der Schlüssel. Keine Tür kann dich aufhalten. Und nun geh, es eilt. Geh zum Herzen des Nebelkontinents.“
„Viel Glück“, hörte er die weibliche Stimme noch sagen. Dann gab die Wand, gegen die er sich gelehnt hatte, nach, und er stolperte heraus aus der Säule. Geblendet von dem Licht fiel er auf den Fußboden.
„Du warst zwei Stunden da drin“, sagte Rall, während er dem benommenen Macay aufhalf. Er merkte, dass der Junge völlig nass geschwitzt war. „Wir konnten die Tür nicht aufbekommen. Was ist passiert?“
Macay fühlte sich zu erschöpft, um zu antworten. Zzorg nahm ihn auf und trug ihn ins Freie, wo ein leichter, kühler Regen niederging, der den überhitzten Macay schnell erfrischte.
„Es geht mir gut“, stammelte Macay. „Alles in Ordnung. Wir müssen zurück zu Abrahs Haus.“
„Erst erzählst du uns, was dort drinnen geschehen ist.“ Rall reichte ihm etwas zu trinken. „Ich vermute, du konntest die Stimmen verstehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir ihnen glauben dürfen.“
„Wir müssen zu Abrah. Unterwegs erzähle ich euch, was ich gehört habe.“
Zzorg nahm das Gepäck von allen dreien auf und Rall stützte Macay, der zu berichten begann. Der Katzer und der Echser hörten zu, ohne ihn durch Fragen zu unterbrechen. Auch als sie Abrahs Haus im Zentrum der Ruinenstadt erreichten, sprach Macay weiter. Die drei setzten sich vor dem Haus auf den Boden, der dort wegen des übergroßen Runddaches trocken geblieben war.
„Vieles von dem, was du sagst, deckt sich mit Sagen und Erzählungen, die uns im Laufe der Jahre zu Ohren gekommen sind“, sagte Rall schließlich. „Anderes ist uns neu. Wir können die Glaubwürdigkeit der beiden Stimmen am ehesten prüfen, indem wir ihren Anweisungen folgen. Fühlst du dich stark genug?“
Macay bejahte. Sie standen auf und gingen zur Tür. Zunächst klopften sie an und riefen seinen Namen. Abrah reagierte nicht. Daraufhin versuchte Macay, die Tür aufzudrücken, doch auch das gelang nicht.
„Vielleicht hat auch die Tür eine Stimme, mit der man reden kann“, vermutete Rall halb spöttisch. „Versuch es.“
„Geh auf!“, befahl Macay. Erfolglos. Er dachte nach und legte dann seine Hand auf die Türfläche, wie er es in dem Haus der Stimmen getan hatte. Nach ein paar Sekunden schwang die Tür auf.
Vorsichtig traten die drei ein. Sie gingen zu der riesigen Maschine, die den Raum im Erdgeschoss fast völlig einnahm. Was war nun zu tun?
Macay überlegte, ob er auch hier an irgendeiner Stelle die Hand auflegen sollte, um sich der Maschine zu erkennen zu geben.
Während sie noch ratlos herumstanden, kam Abrah die Treppe herunter. „Verdammte Eindringlinge, ich werde euch rösten in eurem eigenen Fett, eure Haut abziehen und sie gerben, um mir daraus ...“ Er stutzte. „Ach, ihr seid es. Wie seid ihr hier hereingekommen?“
„Ich bin ein Schlüssel“, sagte Macay schlicht.
„Oha! Das ist allerdings eine Überraschung. Trotzdem ist es nicht nett, einfach einzudringen. Was wollt ihr?“
„Die Maschine soll der Zugang zum Tunnelsystem sein.“
„Wer sagt das?“
„Die Stimmen in dem Haus mit dem Mosaikfußboden.“
„Erstaunlich.“ Beeindruckt schwieg Abrah eine Weile, bevor er fortfuhr: „Das ändert natürlich einiges. Wenn du die Stimmen hören kannst, dann hast du die Gene der Alten Menschen in deinem Erbgut bewahrt. Das ist selten. Sehr selten. Und hier soll der Zugang sein? Ich lebe seit langem hier und habe nie etwas davon bemerkt. Aber die Stimmen, wie du sie nennst, können sich nicht irren. Also überlegen wir einmal, wo der Zugang sein könnte. Du bist der Schlüssel, aber wo ist das Schloss?“
Eigentlich war es ganz einfach. Es gab ein Bedienpult, das Abrah schon tausend Mal benutzt hatte, ohne sich Gedanken über eine leere Fläche zwischen all den Knöpfen zu machen. Nun legte Macay seine Hand auf diese leere Fläche, die von der Größe her gerade dafür gemacht schien, und die Maschine veränderte ihren Arbeitsrhythmus. Etwas pumpte, etwas knirschte und bewegte sich, und schon entstand zwischen all den Rohren eine Lücke, die zu einer Falltür führte.
„Bemerkenswert“, gab Abrah zu. Er schien auf Macays neue Fähigkeit nicht wenig neidisch zu sein.
Rall spähte in das dunkle Loch. „Fackeln wären ganz hilfreich“, meinte er. „Es ist stockfinster da unten.“
„Nicht unbedingt“, widersprach Abrah, der ebenfalls neugierig nach unten sah. „Dort diese kleinen Wülste entlang den Wänden: So etwas habe ich schon einmal gesehen. Das sind Lichtquellen. Macay, versuche, in das Loch hinunterzuklettern. Deine Freunde sollen dich festhalten.“
Macay ließ sich mit Zzorgs Hilfe langsam hinuntergleiten, wobei er sich mit dem Rücken und den Knien an den glatten Wänden des Schachts abstützte. Kaum war er so tief gelangt, dass er mit dem Kopf unter dem Fußboden des Hauses war und nicht mehr sehen konnte, was oben vor sich ging, flammten die fingerdicken Wülste entlang der Schachtwand auf. Es gab zwei davon, die nach unten führten. Ihr Licht war nicht sehr hell, aber weiß und beständig.
Etwas unterhalb seiner Position entdeckte Macay eine erste Sprosse, die sich im breiter werdenden Schacht befand. Vorsichtig rutschte er weiter, bis er sie mit dem Fuß erreichte. Oben hielt ihn Zzorg am ausgestreckten Arm, unten stand er auf der Sprosse und belastete sie langsam mit seinem Gewicht, um zu testen, ob sie ihm standhielt. Sie knackte laut und Macay schrie überrascht auf. Doch sie brach nicht, wie er im ersten Moment befürchtet hatte, sondern schob sich weiter aus der Wand heraus. Unter ihr wuchsen weitere metallene Sprossen aus der Schachtwand. Offenbar war diese erste ein Schalter, der die anderen hervorbrachte, sobald er betätigt wurde.
„Es ist sicher“, rief er nach oben. Zzorg ließ seinen Arm los, und Macay kletterte weiter nach unten.
„Abrah, hol ein langes Seil, an dem du unsere Vorräte herunterlassen kannst, sobald wir den Boden erreicht haben. Der Schacht ist so schmal, dass wir mit Gepäck nicht klettern könnten“, sagte Rall. Dann folgten er und Zzorg Macay in die Tiefe.
Es dauerte lange, bis sie den Boden des Schachtes erreichten, von wo ein Tunnel waagerecht weiterführte. Macay sah nach oben, um Abrah zuzurufen, er solle das Gepäck herablassen - aber er sah nur noch, wie sich der Eingang zu dem Schacht schloss. Gleichzeitig hörten sie ein lautes Lachen.
„Verdammt, er hat uns betrogen!“, rief Macay.
So schnell sie konnten, kletterten sie nach oben, Macay vorneweg, weil er hoffte, den Schachtdeckel öffnen zu können. Aber es gelang nicht. Als Macay die Hand von unten auf den Deckel legte, hörte er, wie oben die Maschinerie arbeitete, aber der Deckel öffnete sich nicht.
„Er hat die Falltür blockiert“, sagte Macay. „Wir kommen auf diesem Weg nicht mehr heraus. Warum hat Abrah uns zunächst geholfen und uns dann den Rückweg versperrt?“
„Wenn er es war“, sagte Rall düster. „Meine Ohren sind besser als eure, und ich hatte den Eindruck, als wäre es nicht Abrah, der da gelacht hat.“
Sie kehrten nach unten zurück.
„Bestandsaufnahme“, forderte Rall. „Was haben wir?“
Außer ihrer Kleidung verfügten sie nur noch über Kleinigkeiten, die sie in den Taschen trugen, sowie über je einen Dolch.
„Wenig genug. Wir müssen einen Weg finden, um schnellstmöglich wieder nach oben zu kommen.“
„Und wenn wir keinen finden?“, wollte Macay wissen.
„Dann sollten unsere ersten Sorgen Wasser und Nahrung sein.“
„Sehen wir nach, wohin der Tunnel führt“, schlug Macay vor. „Etwas anderes bleibt uns doch nicht übrig.“
„Wahr gesprochen“, sagte Zzorg und ging voran. Sobald er den Tunnel betrat, leuchteten auch hier an der Decke zwei fingerdicke Wülste auf, die ohne Unterbrechung daran entlang führten.
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