„Das erinnert mich ganz unangenehm an die Gänge eines Morrows“, sagte Rall. „Nur noch größer.“
„Vielleicht hat jemand einen Morrow-Gang umgebaut“, vermutete Macay. „Dort vorne ist eine Abzweigung.“
Die beiden Gänge, die sie vor sich sahen, glichen sich völlig.
Rall überlegte kurz, bevor er sagte: „Wenn mich mein Orientierungssinn nicht im Stich gelassen hat, führt der linke Gang nach Süden, der rechte nach Westen. Beide scheinen, soweit ich sehen kann, gerade zu verlaufen. Das bedeutet, keiner von beiden führt zurück zur Ruinenstadt. Welchem sollen wir folgen?“
Zzorg ging, ohne etwas zu sagen, erst ein paar Schritte in den einen Gang, dann in den anderen. Dann zeigte er nach Süden und sagte: „Dort ist die Luft frischer. Der Gang nach Westen riecht muffig.“
„Gutes Argument. Also: Wir gehen nach Süden. Einverstanden, Macay?“
„Natürlich.“
Sie folgten dem Gang gut zwanzig Minuten lang. Als sich Macay einmal umdrehte, sah er weiter hinten, wie das Licht ausging. „Die Beleuchtung schaltet sich nur in unserer Umgebung an“, sagte er.
„Das ist nicht gut“, antwortete Rall. „Wenn uns jemand erwartet oder hier unten lebt, dann erkennt er anhand des Lichts, dass wir kommen.“
„Wir können es nicht ändern“, sagte Zzorg und marschierte weiter.
Der Gang begann sich langsam zu senken. Nach gut einer Stunde blieben die drei stehen, um sich auszuruhen. Während sie schweigend über ihre Lage nachgrübelten, hörten sie ein Geräusch, das bei ihnen allen eine Gänsehaut verursachte: Vor ihnen ertönte der Ruf eines Morrows. Noch war er weit entfernt. Starr warteten sie, ob sich der Ton wiederholen würde. Er tat es. Und zwar deutlich näher.
„Weg hier“, sagte Macay.
„Moment“, widersprach Rall. „Es könnte sich auch um jemanden handeln, der den Ton nur nachahmt, um uns zu verscheuchen. So, wie es Saika in Heimstadt getan hat.“
„Willst du es wirklich riskieren, das herauszufinden?“
„Nein. Ich glaube nicht.“
Sie rannten den ganzen Weg zurück bis zu der Gabelung. Noch zwei Mal hörten sie den Ruf des Morrows, zum Glück weiter entfernt. Er schien ihnen nicht zu folgen.
Sie gingen den anderen Gang entlang, der nach Westen führte. Der änderte bald seine Beschaffenheit und wurde zu einem grob in den Fels gehauenen Stollen, der tiefer nach unten führte.
„Hier sieht es aus wie in den Bergwerken der Menschen nahe Heimstadt“, sagte Rall. „Der einzige Unterschied sind die Leuchtbänder an der Decke.“
Allmählich wurden sie durstig. Sie waren nun schon viele Stunden unterwegs. Die Wände des Stollens waren trocken, nirgends sickerte auch nur die geringste Menge Flüssigkeit herein. So blieb ihnen nur, den Durst so weit wie möglich zu ignorieren und langsam, aber stetig, weiter zu gehen.
Der Stollen verbreiterte sich und mündete in eine lange Halle, von der viele Türen abgingen. Manche von ihnen waren geschlossen, manche offen, wieder andere hingen nur noch schief in den Angeln oder lagen zerbrochen auf dem Boden.
Rall atmete auf: „Eine unterirdische Siedlung. Wo Menschen leben, gibt es Wasser. Lasst uns zu allererst danach suchen.“
Systematisch gingen sie von Tür zu Tür, wobei Zzorg jeweils als erster vorsichtig den dahinter liegenden Raum betrat und Rall bereitstand, falls Gefahr drohte. Macay blieb in einigem Abstand von ihnen und beobachtete die anderen Türen und den Stollen, damit sie nicht hinterrücks überrascht werden konnten.
Zunächst fanden sie nur Gerümpel: kaputte Möbelstücke, Fetzen von Kleidung, zerbrochene Werkzeuge von Bergarbeitern. In der fünften Kammer stießen sie auf einen Toten. Es war ein Mensch, dessen Leiche mumifiziert war. Die Kleidung, die er trug, war zerfallen bis auf ein paar Lederreste, die bewiesen, dass es sich um einen Krieger handelte. Rall drehte die Leiche mit einem Stock herum und entdeckte einen abgebrochenen Pfeil in ihrem Rücken.
„Er ist während eines Kampfes verletzt worden und hier herein gekrochen, um zu sterben“, sagte Rall.
„Aber wer hat gegen wen gekämpft? Und vor allem, wann?“, wollte Macay wissen.
„Es muss sehr lange her sein. Jahrhunderte, wahrscheinlich. Suchen wir weiter.“
Eine der letzten Türen in dieser Halle erwies sich schließlich als die Richtige. Sie war verschlossen, aber es gab genügend Werkzeugreste, um sie damit aufzubrechen. Dahinter befand sich eine großflächige Wohnung mit mehreren Zimmern, in denen alles noch recht gut erhalten war.
„Vielleicht die Unterkunft eines Vorarbeiters“, sagte Rall. „Sehen wir uns um.“
Die Möbel waren mürbe und zerfielen bei der Berührung, ebenso wie die wertvollen Stoffe, die die Wände bedeckten. Die Lichtbänder, die den Stollen draußen erleuchteten, liefen auch hier herein und bildeten an der Decke Schleifen, wodurch die Räume sehr gut ausgeleuchtet wurden. Auf einem Tisch stand Geschirr. Es zerbrach, als Zzorg den Tisch berührte und dieser umkippte. Aber selbst die Scherben bewiesen noch, wie fein und wertvoll das Material war.
„Ich habe nie Ähnliches gesehen“, gab Rall zu. „Hier muss jemand sehr Bedeutendes gelebt haben.“ Zur Verwunderung seiner beiden Freunde begann er, die Wände des Zimmers abzuklopfen.
Bevor Macay fragen konnte, was das sollte, wandte sich Rall um und gab Zzorg einen Wink. „Hier klingt es hohl“, sagte er.
Zzorg verstand. Er ballte die Rechte zur Faust und schlug mit aller Kraft gegen die Wand. Es wäre gar nicht nötig gewesen, sich so anzustrengen. Die Tarnung des Verstecks war nicht sehr stabil.
„Reiche Leute haben oft eine Schatztruhe oder Ähnliches versteckt“, erklärte Rall. Und wirklich, in der kleinen Kammer, deren Zugang Zzorg nun erweiterte, stand eine schwere Holztruhe, verstärkt mit Eisenbändern. Das Eisen hielt zwar, als Zzorg mit dem Fuß dagegen trat, aber das Holz zerfiel.
„Vielleicht haben sie hier unten Insekten, die das Holz nach und nach -“ Rall brach ab. Durch die Reste der Kiste blinkte golden ein Häufchen Münzen. „Gold und Edelsteine! Wenn wir uns hier unten etwas dafür kaufen könnten, wären wir einige unserer Sorgen los“, sagte er. Er nahm eine der Münzen auf, untersuchte sie und gab sie an Macay weiter. „Es ist ein Wappen darauf geprägt, das ich nicht kenne. Und solche Schriftzeichen habe ich auch noch nie gesehen.“
Zzorg steckte sich die Edelsteine und einen Teil des Goldes ein. „Das hilft uns weiter, sobald wir wieder bewohntes Gebiet erreichen“, sagte er.
Außerdem fanden sie noch einen kleinen, mit Juwelen besetzten Dolch, den Macay sich einsteckte. „Ein Andenken für meine Schwester, damit sie mir glaubt, wenn ich ihr die Geschichte meiner Reise erzähle“, erklärte er.
Sie suchten weiter und fanden ganz hinten in der Wohnung eine Art Wanne. Macay untersuchte sie. „Die Zuleitung kommt von rechts durch die Wand. Es fließt kein Wasser mehr, aber vielleicht gibt es dort, wo es einst her kam, noch etwas.“
Mit herumliegenden Gegenständen, die sie als Werkzeuge benutzen konnten, begannen sie, die Wand aufzubrechen. Schnell gelangten sie an eine Stelle, wo die Wasserleitung, die etwa den Durchmesser eines Geldstücks hatte, durch eine Verschiebung im Felsen abgequetscht worden war. Als Zzorg mit einem mächtigen Hieb diese Stelle freiräumte, spritzte Wasser unter hohem Druck aus dem Stumpf der Leitung. Zunächst war es schmutzig und stank, aber nach ein paar Minuten wurde es klar und kühl. Rall probierte und befand es für trinkbar.
„Jetzt fehlt nur noch etwas zu essen“, sagte Macay. „Gold, Edelsteine und Wasser haben wir schon.“
„Leider können Nahrungsmittel nicht die Jahrhunderte überdauern“, sagte Rall. „Deshalb dürfen wir hier nicht zu lange rasten. Und wir haben keine Gefäße, um das Wasser zu transportieren. Wir durchsuchen die restlichen Kammern und marschieren dann weiter. Aber nur so weit, dass wir wieder hierher zum Wasser zurückkehren können.“
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