„Schweig! Jedenfalls, das ist unser Angebot an euch: Wir bringen euch sicher bis in die Nähe der Ruinenstadt. Ihr dringt vor bis ins Herz des Nebelkontinents und sorgt dort dafür, dass der Alte Wald sich weiter ausbreitet. Einverstanden?“
Rall strich sich nachdenklich die langen Schnurrhaare. „Wie kommt ihr darauf, dass man im Herzen des Nebelkontinents einfach so die Grenzen des Alten Waldes verändern kann?“
„Wo sonst? Nun, was ist?“
Macay, Rall und Zzorg sahen sich an.
„Ja“, sagte Macay. „Wenn es sich machen lässt, werden wir es tun.“
„Hervorragend!“, riefen alle drei Zwirginnen zugleich. „Dann lasst uns feiern.“
„Sollten wir uns nicht so schnell wie möglich auf den Weg machen?“, fragte Macay verwundert.
„Ach, was. Wir Zwirge feiern jeden Abend. Das muss sein. Ihr seid eingeladen. Obwohl, abhauen könnt ihr ja ohnehin nicht, was?“
Mit ein paar schnellen Bewegungen und einem Rascheln der Blätter waren die drei Zwirginnen verschwunden.
Erst jetzt merkte Macay, dass es inzwischen Abend geworden war. In der Krone des Riesenbaums wurde es schnell dunkel.
Siplim erschien wieder neben ihnen. „Da ihr Schleckermäuler seid und selbst unseren besten Raupensalat verschmäht, haben wir alles zusammengetragen, was wir an menschlicher Kost auftreiben konnten. Bitte sehr!“
Er machte eine ausladende Bewegung und zwischen den Blättern hervor sprangen andere Zwirge, die gefüllte Bierkrüge, Brot und kalten Braten brachten.
„Widerlich“, behauptete Siplim, „aber jeder nach seiner Art, wie man so sagt. Macht es euch gemütlich. Unsere Feier beginnt demnächst.“
Die drei Freunde ließen sich das Abendessen schmecken und diskutierten über ihre seltsamen Gastgeber und deren Wünsche. Macay wollte Rall zur Rede stellen, doch der wich aus und versprach, später mehr über Macays Rolle zu sagen. „Wenn wir sicher sind, nicht von Zwirgen belauscht zu werden“, fügte er hinzu.
„Sie belauschen uns?“, fragte Macay verwundert. Er sah sich um, konnte aber im nun ziemlich dunklen Blätterwerk keine Zwirge entdecken.
„Vertrau deinen Ohren“, riet Rall.
Tatsächlich war rund um sie herum ein ständiges Rascheln zu hören. Als würden Hunderte von Zwirgen durch die Äste rennen und von Baum zu Baum springen.
Macay, Rall und Zzorg machten es sich auf der Plattform bequem und warteten auf den Beginn der angekündigten Feier. Kein Zwirg ließ sich mehr blicken. Dann begann der Gesang des Alten Waldes. Rund um sie herum ertönte er, intensiver, als sie ihn bisher erlebt hatten.
Es dauerte nur Minuten, da schliefen Macay und Rall tief und fest. Nur Zzorg blieb wach. Doch auch er wurde unsagbar müde. Der Gesang konnte nicht die Ursache dafür sein, das wusste er. Für einen Moment schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, im Essen könnte ein Schlafmittel gewesen sein. Er kämpfte gegen die unnatürliche Müdigkeit an - und verlor.
Die Ruinenstadt
Macay erwachte, als ihm jemand kräftig in die Seite trat. Müde drehte er sich weg und versuchte, weiterzuschlafen, aber er handelte sich noch einen Kick ein. Mühsam öffnete er seine verklebten Augen. „Siplim“, sagte er schwach und wunderte sich über seinen trockenen Mund, der kaum mehr als ein Krächzen herausbrachte. „Lass mich schlafen.“
„Nichts da. Obwohl ich zugeben muss, dass du ein enormes Talent dafür hast. Wie deine beiden Freunde auch. Vielleicht solltet ihr Berufsschläfer werden. So, wie es auch Wachen gibt, deren Beruf es ist, wach zu bleiben. Los, hoch mit dir!“ Mit diesen Worten zwickte er Macay schmerzhaft in die Nase.
„Autsch!“, schrie Macay. Jetzt war er wach.
Siplim wandte seine Aufmerksamkeit Rall zu, dem er auch Tritte ins Hinterteil verpasste. Schon nach dem zweiten Tritt reagierte Rall. Eben noch schlafend, schnellte er herum und packte den Zwirg am Hals, wobei er seine messerscharfen Katzenkrallen ausfuhr. Siplim stieß ein erschrecktes Quietschen aus.
„Lass mich schlafen“, forderte Rall. „Oder ich lasse dich schlafen - für immer.“
Siplim zappelte unter dem festen Griff des Katzmenschen und bekam keinen Ton heraus. Rall ließ ihn schließlich fallen und der Zwirg keuchte: „Haben euch die Rätinnen nicht gesagt, dass männliche Zwirgs Mangelware sind? Wie kannst du mich da beinahe umbringen? Ich bin ein wertvolles Exemplar.“
„Für mich bist du nur ein überflüssiger Störenfried.“
„Da meine Dienste so schlecht entgolten werden, kümmert ihr euch besser selbst darum, den Dicken wach zu bekommen.“ Siplim deutete auf Zzorg, der sich zusammengerollt hatte und wirklich wie eine dicke Rieseneidechse aussah.
„Etwas zu trinken“, krächzte Macay.
„Ach, auch noch Wünsche anmelden“, lästerte Siplim. „Habt ihr ein Glück, dass ich nachtragend bin. Ich trage euch nämlich jede Menge leckeres Blütenwasser hinterher. Hier, nehmt.“
Er reichte Macay und Rall jeweils einen großen Becher mit Wasser, das die beiden auf einen Zug tranken.
„Mehr“, forderte Macay.
„Das Wort ‚Danke‘ ist wohl völlig aus deinem vertrockneten Gehirn verschwunden, was? Nur zwei Tage Schlaf, und schon vergisst du die Grundregeln des Anstands. Kein Wunder, dass niemand mit euch Großen zu tun haben will.“
Rall hatte inzwischen Zzorg geweckt. „Wieso zwei Tage?“, wollte er nun von dem Zwirg wissen.
„Ihr habt zwei Tage geschlafen. Unsere Freudengesänge sind für große Lebewesen meist langweilig, aber so eine Reaktion hatten wir nicht erwartet.“
„Der allabendliche, einschläfernde Singsang im Alten Wald stammt von euch?“
„Wir halten es weder für einschläfernd, noch für einen Singsang!“
„Wieder etwas gelernt“, sagte Rall. „Und warum ist auch Zzorg eingeschlafen?“
„Vielleicht haben wir schöner gesungen als sonst“, sagte Siplim vage.
„Oder ihr habt uns etwas ins Essen gemischt“, sagte Zzorg lauernd. „Wir Echsen sind immun gegen den Gesang, das weiß jeder.“
Während sich Zzorg und Rall mit dem immer kleinlauter werdenden Siplim stritten, sah Macay sich um. „Wir sind nicht mehr auf derselben Plattform“, stellte er fest. „Dieser Baum hier hat einen viel dickeren Stamm und ist von einer anderen Art. Man hat uns irgendwo anders hingebracht, während wir geschlafen haben.“
Zzorg packte den kleinen Siplim im Genick und schüttelte ihn. „Stimmt das? Ihr habt uns, während wir bewusstlos waren, durch den Wald geschleppt?“
Statt zu antworten, schrie Siplim gellend um Hilfe. Seine Rufe wurden erhört. Plötzlich waren die drei alten Zwirginnen da.
„Lasst ihn los“, befahl Sirgit. „Es stimmt, wir haben euch in die Nähe der Ruinenstadt gebracht. Das war in eurem Interesse, denn die Kaiserlichen schnüffeln immer noch im Wald herum. Nördlich von hier durchkämmen sie systematisch jedes Gehölz.“
„Wir bitten um Verständnis, dass wir unsere geheimen Wege im Wald niemandem zeigen werden, auch euch nicht. Deshalb haben wir euch betäubt und hier her gebracht. Es war kein böser Wille, sondern schien uns das Beste zu sein“, ergänzte Sila.
Sibbli zeigte einen goldenen Ring: „Der fiel Rall aus der Tasche, als wir ihn trugen. Er stammt von den Alten Menschen.“
Rall schnappte nach dem Ring. Die Zwirgin gab ihn widerstandslos her.
„Verratet ihr, wie ihr in den Besitz dieses Rings gekommen seid?“, fragte Sibbli.
„Eigentlich sollten wir Leuten wie euch gar nichts verraten“, knurrte Rall. Aber was die Zwirgin gesagt hatte, schien ihn zu überraschen. Er erzählte die Geschichte von dem Dämon in Eszger. „Ich konnte auf dem Ring keinerlei Inschrift oder sonstige Hinweise auf seine Herkunft entdecken“, endete er den Bericht.
„Er besteht aus einer Legierung, die heute niemand mehr herstellen kann. Außerdem verfügt er über ein enormes magisches Potential. Ich habe noch nie ein Artefakt in Händen gehalten, das so mächtig ist.“
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