Macay hätte eingreifen können, aber er wusste nicht, was er davon halten sollte. Also nahm er seinen Bogen und schoss ein paar Pfeile auf das zweite Boot ab. Die Wächter darin waren jedoch gut geschützt dank ihrer verstärkten Lederwesten, so dass die meisten Pfeile an ihnen abprallten.
Schließlich geschah, was unvermeidlich geschehen musste: Ein Pfeil traf Perret und blieb in seiner Hüfte stecken. Perret taumelte, stolperte ein paar Schritte ins Wasser hinein und fiel dann um – mit dem Gesicht nach unten.
Macay blieb keine andere Wahl: Wenn er den Mann nicht ertrinken lassen wollte, musste er ihn retten. „Gebt mir Deckung!“, schrie er nach hinten in der Hoffnung, seine drei Begleiter aus Eszger würden genug Mumm haben, ein paar Pfeile abzuschießen. Das sollte genügen, um die Wächter im Boot und die Männer mit Langbogen am anderen Ufer abzulenken.
Er ließ seinen Bogen und Köcher fallen und rannte zu Perret. Der Mann war bei Bewusstsein. Blut quoll aus seiner Hüfte und vermischte sich mit dem Wasser. Der Pfeil war abgebrochen. Ohne zu überlegen, was er tat, riss Macay den Rest des Pfeiles samt der Spitze aus der Wunde. Ein Schwall Blut kam nach und Perret schrie auf.
Der Schmerz schien Perret auf die Beine zu zwingen. Er taumelte ein wenig und folgte dann Macay, der ihn hoch zu den Büschen zerrte, wo er sich in Sicherheit glaubte.
Zu ihrem großen Glück waren die kaiserlichen Wächter miserable Bogenschützen. Als Macay die Büsche erreichte, landete das Boot und die Wächter sprangen heraus, um Macay und Perret zurückzuholen.
In der sicheren Gewissheit, hinter den Büschen seine Begleiter und die anderen Geretteten zu finden, strengte sich Macay noch einmal an. Perret war so weit bei sich, dass er, auf Macay gestützt, selbst gehen konnte.
Doch hinter den Büschen war niemand mehr. Eban und die beiden Männer aus Eszger waren mit den befreiten Gefangenen – mindestens zwei Dutzend – still und heimlich im Dickicht des Dschungels verschwunden. Sie hatten Macay und Perret ihrem Schicksal überlassen.
Aber auch die Wächter erwarteten, eine größere Anzahl Gegner vorzufinden. Nachdem sie gesehen hatten, wie Macay und Perret im Gebüsch verschwanden, diskutierten sie zunächst, ob sie ihnen folgen sollten.
Den Ausschlag gab das Gebrüll ihrer Kollegen vom anderen Ufer, die lauthals forderten, dass sie endlich etwas tun. Also nahmen sie ihren Mut zusammen und rannten mit gezogenen Schwertern auf die Büsche zu.
Macay machte sich bereit, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Auf seiner Reise zum Herzen des Nebelkontinents hatten ihm in solchen Situationen seine Freunde Rall und Zzorg beigestanden. Aber die saßen jetzt in ihren Hütten in Eszger und ließen es sich gutgehen.
Die Wächter waren hagere Männer, die ihren Posten auf dem Nebelkontinent hassten. Denn auch sie waren nicht freiwillig hier, sondern strafversetzt worden wegen irgendwelcher geringer Vergehen. Deshalb waren die meisten Wächter verbittert und darauf aus, ihren Hass an den Gefangenen abzureagieren.
Als die Wächter nur Macay sahen, der sein Kurzschwert sicher in der Hand hielt und den Eindruck eines erfahrenen Kämpfers zu vermitteln versuchte, hielten sie kurz inne. Dann schrie einer: „Auf ihn!“
Bevor Macay sie angemessen empfangen konnte, wurde er beiseite gestoßen. Perret richtete sich neben ihm auf, brüllte wie ein verwundeter Stier die Feinde an und stürmte ihnen mit bloßen Händen entgegen.
Entsetzt sah Macay, wie Perret sich in ihre Schwerter stürzte – doch es war ein Trugbild. Offenbar war der Mann doch nicht so schwer verletzt, wie es geschienen hatte. Im letzten Moment wich Perret den Waffen aus, schlug einen Wächter mit der Faust bewusstlos und bewaffnete sich mit dessen Schwert. Binnen Sekunden waren die Gegner besiegt, während Macay immer noch mit seinem Kurzschwert in der Hand bei dem Gebüsch stand und Perret fassungslos anstarrte.
„Was glotzt du so? Los, rein in das Boot“, herrschte Perret ihn an.
„Nein, in den Dschungel. Dort sind wir sicherer.“
„Wir haben keine Zeit zum Streiten, die Ebbe setzt ein. Das Wasser wird hier bald zu niedrig sein, selbst für ein Ruderboot. Komm mit, ich kann mit meiner Verletzung nicht schnell genug rudern.“
Widerwillig half Macay ihm, das Boot ins Wasser zu schieben. „Wohin willst du denn damit?“, fragte er.
„Dorthin!“ Perret deutete schräg an Macay vorbei.
Macay drehte sich um und entdeckte zu seinem Entsetzen ein kaiserliches Kriegsschiff, das auf die Küste zuhielt.
Die Besatzung des Kriegsschiffes musste bemerkt haben, dass im Lager etwas nicht in Ordnung war, denn es wurden eifrig Flaggensignale gegeben. Macay wandte den Kopf und sah, dass man auch vom Lager aus Signale gab.
„Sie wissen, dass ihr geflohen seid“, sagte er.
„Verdammt, wir hätten das Schiff unbemerkt erreichen können, wenn du mit deiner blöden Aktion nicht dazwischen gepfuscht hättest!“ Perret war außer sich, was ihn aber nicht daran hinderte, das Ruderboot auf das große Schiff zuzusteuern.
Macay wurde sich plötzlich bewusst, wo er sich befand – in einem Boot auf dem Wasser. Alles drehte sich um ihn. Er erinnerte sich an die Qual der Überfahrt zum Nebelkontinent auf einem Gefangenenschiff. Für einen schrecklichen Moment glaubte er, wieder gefesselt und den Elementen hilflos ausgeliefert zu sein. Der Schwindel nahm überhand, alles war Macay egal – nur weg hier!
Perret schrie erstaunt auf, als Macay einfach umkippte, aus dem Boot heraus ins flache Wasser, das sie zum Glück noch nicht verlassen hatten.
„Komm zurück, du Idiot“, schrie Perret dem prustenden, nach Luft schnappenden Macay zu.
Macay strampelte mit allen Gliedmaßen. Das Wenige, was er vom Schwimmen wusste, war vergessen. Er kämpft im Wasser buchstäblich um sein Leben. Einen Knall und gleich darauf ein lautes Pfeifen hörte er zwar, aber es kümmerte ihn nicht.
Eine Erschütterung wurde durch das Wasser weitergetragen und drückte Macay unter. Er hörte noch ein lautes Klatschen neben sich, dann spürte er, wie ihn jemand am Kragen packte und ohne große Rücksichtnahme hochzog.
Perret war, als die erste Kanonenkugel des Kriegsschiffes ins Wasser klatschte, aus dem Boot gesprungen. Er hatte sich den zappelnden Macay gegriffen und zog ihn nun ans Ufer, so wie es kurz zuvor nach dem Pfeiltreffer Macay mit ihm getan hatte.
Dort schüttelte er Macay kräftig aus, als wäre der nur ein nasser Sack, und ließ ihn dann auf den Boden fallen. „Das hast nur du mir eingebrockt!“, schimpfte er und stapfte das Ufer hoch Richtung Dschungel. „Steh auf und komm mit, sie werden gleich anfangen, den Strand zu beharken.“
Ein weiterer Knall, ein lautes Pfeifen, und eine Kugel zerschlug das davontreibende Ruderboot in tausend Stücke.
Macay rappelte sich auf und folgte Perret. Unterwegs nahm er seinen Bogen und den Köcher auf, dann war er ebenfalls hinter den Büschen.
Perret blieb stehen und beobachtete die Flussmündung. „Die Wächter kommen bei Ebbe herüber gewatet, wie ich vermutet habe. Sie haben aber ihre Hunde nicht dabei. Wahrscheinlich weigern die sich, ins Wasser zu gehen. Kennst du dich mit diesen Wolfshunden aus?“
Macay schüttelte den Kopf. Er hatte Wasser in den Ohren und hörte Perret nur undeutlich.
„Auch gut. Jedenfalls können wir hier nicht bleiben. Schade um das schöne Boot. Schade um den schönen Plan, das Schiff zu entern. Schade um die Kameraden, die nun weiter im Lager bleiben müssen. Schade, schade, schade. Und die Schuld liegt bei dir. Eigentlich sollte ich dich kielholen lassen oder an der Rah aufhängen, aber ohne Schiff ...“ Perret unterbrach seine Schimpferei, weil ein Pfeil dicht neben ihm einschlug. „Oha, die fackeln nicht lange. Und da legt ein weiteres Boot ab. Das ist gut, weil jetzt das Kriegsschiff seine Kanonen nicht mehr einsetzen kann. Dieses Boot ist um einiges größer als die anderen beiden. Verdammt! Da sind Hunde drin. Jetzt wird es ernst. Zu unserem Glück müssen sie gegen den Ebbstrom anrudern, das dauert.“
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