1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 Annabel griff nach Konstantins Hand und flüsterte: »Oh Gott, was ist das?«
Er entzog ihr seine Hand, erhob sich, nahm Amalia in die Arme und wirbelte sie herum. »Hallo, kleiner Milou , ich habe dich vermisst.«
Amalie schlang ihre Arme um ihn.
Ich dich auch, Tintin, dachte Amalia.
Tintin und Milou , (Tim und Struppi), war der erste Comic, den Konstantin ihr im französischen Original geschenkt hatte. Seit dieser Zeit hatte sie ihn Tintin genannt, wenn sie ihm schrieb.
»Das ist Amalia, Annabel.«
Amalia übersah die ausgestreckte Hand, nickte nur. Sie setzte sich auf den freien Stuhl neben Theresa.
»Du bist zu spät, Amalia.« Theresa strich dem Mädchen über die kurzen, nach allen Richtungen abstehenden, unregelmäßig geschnittenen Locken. »Wenn wir das noch etwas nachschneiden, wird es sehr gut aussehen.« Sie lächelte.
»Alicia, bringen Sie Amalia ihre Suppe.«
Madame Durand hatte es die Sprache verschlagen. Amalias herrliche Locken waren verschwunden. Sie sah aus wie ein ungekämmter Lausbub.
Alicia verschwand grinsend in der Küche, um dort die Neuigkeit zu verkünden. »Amalia hat sich die Haare abgeschnitten, sie sieht aus wie ein zerrupftes Huhn.« Kitty fragte: »Ganz und gar?«
»Höchstens zehn Zentimeter lang.«
Frederico hörte endlich auf zu lachen.
»Warum spricht sie nicht?«, fragte Annabel in die Stille hinein.
»Weil sie nicht möchte«, hörte Theresa ihren Mann sagen.
Sie blickte ihn erstaunt an. Seine Stimme klang kühl und seine Auskunft so schroff, dass Annabel sich nicht traute, das Thema weiter zu verfolgen.
Frederico verkniff sich eine spöttische Bemerkung und klappte den Mund wieder zu.
Maxim hatte sich nur ein einziges Mal zu Amalias Sprachlosigkeit geäußert.
Als sie ins Haus kam, hatte er entschieden, nein, eher befohlen, sie in die Obhut der besten Ärzte, Therapeuten und Lehrer zu geben.
Ein Internat kam für ihn nicht in Frage. Er ließ sich regelmäßig über ihre Fortschritte informieren. Sein Verhältnis zu ihr konnte Theresa nicht einschätzen. Amalia zog es häufig in die Bibliothek, Maximilians bevorzugten Aufenthaltsort.
Manchmal hörte sie Maxim mit ihr sprechen. Die Kleine las leidenschaftlich gerne alles, was ihr in die Finger kam.
Auch Maxim las viel und gerne. Er beschäftigte sich allerdings vorwiegend mit Landwirtschaft, Schafzucht und seinem Lieblingsthema, der Herstellung von Käse. Ob das eine Zwölfjährige fesselte, bezweifelte Theresa, bis sie eines Tages Maxims Stimme hörte:
Durch die halb geöffnete Tür konnte sie Amalia und Maxim sehen. Beide beugten sich über ein dickes Buch. Sie hörte Bruchstücke dessen, was Maxim erklärte: »Stell dir vor, mehr als acht Millionen Liter Schafsmilch … der Pecorino fresco, den du so gerne isst … alles von den Schafen aus der Maremma.« Amalia schrieb etwas auf ihrem Tablet. Sie hielt es ihm hin. Er nickte, erhob sich und zog ein anderes Buch aus einem der Regale.
Theresa fragte sich, als sie leise ihren Horchposten verließ, ob er in Amalia seine Nachfolgerin sah. Wieder fragte sie sich, ob sie sein Kind war. Mit ihr hatte er die Geduld, die er bei seinem eigenen Sohn manchmal vermissen ließ. Frederico war ihm sehr ähnlich, aber er besaß nicht Maxims Ehrgeiz, nur sein ruheloses Temperament, ohne die Fähigkeit, sich auf wichtige Dinge zu konzentrieren. Frederico hatte außer Mädchen und Motorrädern wenig im Sinn. Schafe langweilten ihn. Noch träumte ihr jüngster Sohn.
Theresa kam erst wieder zu sich, als Amalia ihren Arm berührte und Konstantin ihr eine riesige Schüssel Salat anbot.
»Wo bist du denn?«
»Entschuldige.« Sie lächelte Konstantin zu. »Ich war in Gedanken.«
Maxims fragender Blick.
Nach dem Salat gab es Käse, Schinken auf Melonen, Oliven und Brot, zum Nachtisch Eistorte mit Erdbeeren.
Als er am späten Abend ihr Zimmer betrat, wies sie Maxim nicht ab. Das hatte sie nie getan. Theresa stand am Fenster und schaute auf die Hügel in der Ferne. Blasse Hügel, die heller werdend, hintereinander zu schweben schienen. Sie wandte sich nicht um, spürte seine Hände an ihrer Taille. Er besaß noch immer diese Ausstrahlung, die sie zu Beginn ihrer Beziehung so angezogen hatte.
Am Morgen erwachte sie allein. Maxim war ein notorischer Frühaufsteher, sie nicht. Wenn die Arbeit es zuließ, schlief sie lange und überließ sich träge dem Beginn des Tages.
Als sie feststellen musste, dass sie nicht die einzige Frau im Leben ihres Mannes war, hatte sie gelitten, sich verraten und gedemütigt gefühlt.
Aber Theresa war auch pragmatisch. Lange Gespräche mit Marisa, einer Frau, die sie bewunderte, hatten ihr Weltbild langsam verändert.
»Wenn du dich nicht arrangieren kannst, musst du dich trennen. Aber denk nicht mal im Traum daran, dass ich über Jahre dein seelischer Mülleimer sein werde. Du musst eine Entscheidung treffen.«
Das war hart gewesen, aber ehrlich und hilfreich. Theresa hatte sich entschieden.
Sie führte ein angenehmes Leben, mit Freiheiten, von denen andere Frauen nur träumen konnten. Sie liebte die Arbeit mit den Pferden, die Maremma und ritt für ihr Leben gern. Es machte ihr Vergnügen, ein großes Haus zu führen. Wenn Maximilian die Gutsbesitzer und seine Geschäftsfreunde einlud, brillierte sie.
Niemand würde auf die Idee kommen, sie zu bemitleiden.
Maxim wurde hofiert und genoss es. Geld brachte offenbar Ansehen. An solchen Abenden hatte er nur Augen für sie. Sie lächelte und spielte das Spiel mit. Theresa hatte sich arrangiert.
Nach dem Duschen ging sie hinunter in die Halle. Die Haustür war weit geöffnet und ließ ungehemmt Sonne und Hitze ins Haus. Als sie die Tür schloss, bemerkte sie, dass Annabels Sportwagen verschwunden war. In der Küche stand wie jeden Morgen ihr Frühstück bereit. Der unwiderstehliche Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen erfüllte den kühlen Raum.
»Guten Morgen, Signora.«
»Guten Morgen, Maja.« Theresa ließ sich am Küchentisch nieder. »Wo ist Kitty?«
»Sie müsste bald wieder da sein. Sie ist im Dorf, um nach ihrer Mutter zu schauen.«
Durch die geöffneten Lamellen der nur angelehnten Läden konnte sie in den großen Gemüsegarten sehen. Der Garten war, wie die Küche, Majas Reich. Von einer hohen Mauer umgeben, war er von außen nicht einsehbar. Obstbäume warfen Schatten auf Beete und sauber geharkte Wege. Hier konnten die Mädchen oder Maja jederzeit Salat und frisches Gemüse ernten. Maja konnte nicht nur kochen, sie besaß auch das, was man einen grünen Daumen nannte.
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