Voller Abscheu dachte Madame an ihren Zusammenstoß mit der Direktorin, einer schweren, offenbar konfliktscheuen Frau, die ihr zu verstehen gegeben hatte, dass sie nicht die Absicht hätte, mit den reichen Eltern ihrer verwöhnten Bälger zu sprechen.
Madame schilderte Theresa das Gespräch mit ihr.
»Finden Sie heraus, wann der nächste Elternabend stattfindet.«
»Gewiss.«
Sie will hingehen, dachte Madame Durand erstaunt.
Theresa hatte nie viel Interesse an dem Mündel ihres Mannes gezeigt. Und doch schien sie auf ihre Art das Mädchen zu mögen. Sie erteilte Amalia regelmäßig Reitunterricht und hatte ihr Lunas Fohlen geschenkt. Der kleine Hengst war Amalias ganze Liebe. Und , dachte Madame, Konstantin .
Denn Amalias Wunsch, heute hübsch auszusehen, lag zweifellos an Konstantins Kommen.
»Du freust dich auf Konstantin?«
Amalia nickte strahlend und hob den Daumen. »Ich will ihm mein Fohlen zeigen. Wir müssen es doch taufen.«
Madame Durand lächelte. »Weißt du schon, wie es heißen soll?«
Amalia schüttelte den Kopf und zog sich ein blaues Trägerkleidchen über, das ihr sehr gut stand. Sie drehte sich vor dem Spiegel. Als sie sah, dass Amalia das Kleid wieder auszog und nach einem ärmellosen verwaschenen T-Shirt griff, floh Madame und zog die Tür zu.
Oh, du mein Gott, dachte sie. Eine verliebte Dreizehnjährige, wenn das mal gut geht.
Madame Durands Sorgen waren nur allzu berechtigt.
Konstantin entstieg am Nachmittag einem todschicken Sportcoupé und mit ihm Annabel .
Sie trug zu einem schneeweißen Seidenkleid Stilettos und wirkte beneidenswert kühl, bei sechsunddreißig Grad. Als käme sie geradewegs aus der Dusche. Und sie war bildhübsch. Frederico und Maximilian saßen unter der riesigen Kastanie vor dem Haus. Die Krone des Baumes schützte vor Regen und Sonne. Annabel hängte sich bei Konstantin ein, als sie auf das Haus zuschritt.
Mit den Schuhen, dachte Madame, würde sie ohne Unterstützung nicht weit kommen. Auffahrt und Hof waren gepflastert wie eine alte Dorfstraße.
Konstantin stellte seine Freundin vor: »Maximilian, das ist Annabel, Frederico, mein Bruder, und … Madame Durand.« Er stutzte, als er sie alleine kommen sah. »Wo ist denn Amalia?«
»Guten Tag, Konstantin, Annabel. Ich weiß es nicht, sie war eben noch hier.«
»Und Mama?«
Maximilian sagte: »Sie hat eine neue Schülerin. Ich denke, sie ist noch in der Reithalle.«
»Vielleicht ist Amalia bei ihr, ich geh mal nach den beiden sehen.«
»Wer ist denn Amalia, Liebling?«
»Komm mit, Annabel, dann wirst du sie kennenlernen.«
Amalia hatte den Tag in der Nähe des Hauses verbracht. Sie wollte keine Minute mit Konstantin versäumen.
Im Stall, dachte Madame, wirst du sie nicht finden.
Amalia war in den Flügel des Hauses geflüchtet, in dem Maria lebte. Sie glaubte zu wissen, was in dem Mädchen vorging.
Sie hörte Annabels ungläubige Stimme. »In den Stall?«
»Ja.«
»Nein, Liebling, ich möchte mich lieber frisch machen.« Sie kicherte.
Wie frisch will sie wohl noch werden, fragte sich Madame und tadelte sich gleich darauf.
Annabel war nervös und unsicher, man musste nachsichtig mit ihr sein. Mit den Männern hatte sie leichtes Spiel. Von Ossten betrachtete sie, wie er alle Frauen ansah. Nun ja. Frederico konnte den Blick nicht von ihr lassen. Die schwerste Prüfung aber würde noch kommen, Theresa hatte sie noch nicht kennengelernt.
Es war das erste Mal, dass Konstantin eine Freundin mit nach Hause brachte, seit er studierte. Seine Schülerlieben hatte Theresa lächelnd akzeptiert. Die hier war etwas anderes. Madame fragte sich, wie Theresa mit einer ernsthaften Kandidatin für das Amt einer Schwiegertochter umgehen mochte.
Konstantin sagte: »Ich zeige dir das Bad.«
»Ein reizendes Mädchen.« Maximilian goss sich einen Cognac nach.
»Ja.« Frederico nickte. »Verdammt hübsch, und eine Figur, da möchte man glatt …« Er wedelte unbestimmt mit der Hand.
Maximilian schmunzelte.
»Ich sehe in der Küche nach dem Rechten.« Madame erhob sich.
Fast neunzehn Uhr. Theresa hatte darum gebeten, trotz der anhaltenden Hitze, nicht zu spät zu essen.
Klaviertöne aus dem oberen Stockwerk des Seitenflügels mündeten in einem furiosen Crescendo. Madame erlaubte sich ein Lächeln. Ihre Kleine war wütend, wütend und unglücklich.
Amalia schlug den Deckel zu und drehte sich mit dem Hocker zu Maria.
»Ich hasse kichernde Blondinen auf hohen Stöckeln, Nonna .«
Damit hatte sie eine umfassende Beschreibung der neuesten Flamme ihres ältesten Enkels abgeliefert.
»Ach, ja? Und sie kichert?«
Maria betete um Fassung. In ihrer Wut wirkte das Mädchen vor ihr wie eine eifersüchtige Ehefrau, die ihren Ehemann mit der attraktiven Nachbarin in flagranti erwischt hatte. Amalia war eifersüchtig, das war keine Frage.
»Vielleicht ist sie ganz nett«, wagte Maria einzuwenden. »Wir sollten sie erst einmal kennenlernen.«
»Sie hat Locken, und sie ist geschminkt.«
Maria betrachtete Amalias Lockenpracht und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. »Du hast auch Locken, mein Kind.«
»Ach, Nonna .«
Amalia setzte sich zu Ludwig und kraulte ihn zwischen den Ohren. Sie schien nachdenken. Plötzlich sprang sie auf. »Wir essen heute früher.«
Maria sah dem Kind hinterher, dessen Gefühle nicht mehr so ganz kindlich waren. Amalia hatte, als sie ging, so … entschlossen ausgesehen.
Amalia beeilte sich, huschte über die dunklen Flure des großen Hauses. Sie kannte jeden Winkel. Alle Läden waren geschlossen, auch die Lamellen, die an kühleren Tagen Lichtstreifen auf Böden und Decken schickten. In der Bibliothek tastete sie nach dem Lichtschalter. Ihr Ziel war der Schreibtisch. Auf dessen gewaltiger Marmorplatte standen zwei Bildschirme und ein Drucker. Papiere und farbige Ordner lagen in ordentlichen Stapeln an der Kante. Sie wusste, dass Maximilian eine große, sehr scharfe Papierschere in der mittleren Schublade aufbewahrte. Sie zog die schwere Lade auf, fand die Schere und lief in ihr Badezimmer. Von Madame war nichts zu sehen. Amalia schloss ab.
Theresa lehnte am Zaun der Koppel.
Sie hatte am Nachmittag Reitstunden gegeben. Stunden mit Schülern, die noch nie auf einem Pferd gesessen hatten, waren manchmal entnervend. Auch in der Halle brütete die Hitze. Jetzt wartete sie auf Marisa. Desdemonas Bein wollte nicht heilen.
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