Theresa dachte an Konstantin und sah erneut auf die Uhr. Er müsste längst angekommen sein. Sein erster Gang war immer der in den Stall und zu ihr. Ob er sich verspätet hatte?
Endlich hörte sie Marisas Stimme. »Du siehst angespannt aus« Ihre Freundin sah sie prüfend an.
»Bin ich auch. Schau dir Desdemonas Bein an, das macht mir Sorgen.« Sie sah wieder auf die Uhr.
»Erwartest du jemanden?«
»Konstantin wollte für ein paar Tage kommen. Aber er scheint noch nicht da zu sein.«
»Oben, vor dem Haus steht ein sauteures Coupé«, sagte Marisa.
»Er wollte mit seiner Freundin kommen, das wird ihres sein.«
Die Frauen gingen in den Stall. Die Tierärztin sprach beruhigend mit der Stute, während sie ihr den Verband abnahm und sich die Wunde besah.
»Nicht beunruhigend. Das wird schon«, sagte sie und zog eine Spritze auf. »Da sie nicht lahmt, kannst du sie bewegen.« Sie säuberte die Wunde und entnahm ihrem Alukoffer einen frischen Verband. »Fertig.« Sie strich Desdemona sanft über die Nüstern. »Braves Mädchen.«
»Willst du mit zum Abendessen kommen?«
Marisa lachte. »Nein, Süße, deine Familie ist mir heute zu anstrengend. Meine beiden Jüngsten wollen Pasta machen, die anderen sind mit ihren Vätern unterwegs. Mir steht ein ruhiger Abend bevor. Es sei denn, einer meiner tierischen Patienten braucht Hilfe.«
Wie unkompliziert Marisas Leben war. Ihre fünf Söhne und ihre fünf Männer verstanden sich prächtig. Wenn sie Hilfe brauchte, war einer ihrer Liebhaber immer zur Stelle und sorgte nicht nur für seinen, sondern für alle ihre Söhne.
Zusammen gingen sie zum Herrenhaus, wo Marisa ihr klappriges Auto neben einem Sportwagen geparkt hatte.
Theresa umarmte ihre Freundin. »Dann kommst du ein andermal. Konstantin bleibt ein paar Tage.«
»Mal sehen.« Marisa legte sich selten fest, ihr Beruf machte ihr allzu oft einen Strich durch die Rechnung.
Theresa ging an dem bereits gedeckten Tisch unter der Kastanie vorbei.
»Guten Abend, Alicia.«
»Guten Abend, Signora.«
Alicia half Maja in der Küche und hielt zusammen mit Kitty, dem zweiten Mädchen, das Haus sauber. Wenn Gäste da waren, halfen zusätzlich Frauen aus Basso. Alicia legte letzte Hand an den mit weißem Leinen gedeckten Tisch. In hohen Glaszylindern flackerten Kerzen.
Als sie das Haus betrat, hörte sie Maja in der Küche Kitty zur Eile antreiben. »Schlaf nicht ein, Mädchen. Die Signora will sicher heute noch essen.«
Theresa lächelte. Maja war nicht sehr geduldig, aber ihre Gerichte waren exzellent.
Sie lief die Treppe hinauf. Aus Fredericos Zimmer hörte sie laute Rapmusik, die sie keine Minute ertrug. Schnell schritt sie den langen Gang vorbei am Zimmer ihres Mannes, aus dem kein Laut drang. Sie vermutete ihn in der Bibliothek. Konstantins Räume lagen weiter hinten. Auch von dort war nichts zu hören.
Eine halbe Stunde später hatte sie sich in die elegante Frau verwandelt, die Frauen aufregte und Männer erregte.
Als sie die Treppe erreichte, hörte sie Konstantins Stimme. Sie verharrte, als sie ihren Namen hörte. Die helle, etwas kindliche Stimme einer Frau. Sie sah ihren Sohn mit einer hübschen Blondine unten in der Halle stehen. Für einen Moment musste sie die Augen schließen. Konstantins Ähnlichkeit mit seinem Vater war fast lächerlich. Selbst seine Bewegungen waren identisch.
»Sie wird dich mögen, du musst dir keine Sorgen machen.«
Theresa betrachtete die junge Frau. Zwanzig Jahre alt, höchstens, dachte sie.
Sie selbst war achtzehn gewesen, als sie sich in Konstantins Vater verliebt hatte. Sie ließ das Geländer der Galerie los. Konstantin sah auf.
»Mama!« Er strahlte, lief, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf und nahm sie in die Arme. »Endlich!«
Sie küsste ihn und schob ihn von sich weg. »Es tut mir leid, aber es war viel zu tun. Früher ging es nicht. Aber«, sie nahm ihn am Arm, »jetzt stellst du mir deine Freundin vor.«
Annabel sah ein Paar, Theresa und Konstantin, auf sich zukommen und fühlte sich unverhofft ausgeschlossen.
Sie war von Beruf Tochter, und zwar die Tochter eines reichen, verwöhnenden Vaters und einer Mutter, die selten anwesend war. Sie besaß ein Selbstbewusstsein, das an Arroganz grenzte, und war es nicht gewohnt, sich ausgeschlossen zu fühlen. Theresa reichte ihr die Hand.
»Ich freue mich, Sie kennenzulernen.«
Dies ist ohne Zweifel eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe, dachte Annabel.
Sie war groß, beinahe so groß wie Konstantin. Und wenn sie nicht gewusst hätte, dass Theresa seine Mutter war … sie hätte ebenso gut seine Geliebte sein können. Wilde Eifersucht überkam sie, und der überwältigende Wunsch, ihr ebenbürtig zu sein. Diese Frau musste über vierzig sein, sah aber gut zehn Jahre jünger aus.
Annabel hing sich an Konstantins Arm.
Theresa lächelte. Das Mädchen in seinem perfekt geschnittenen Kleid sah reizend aus. Auf Stöckelschuhen wirkte Annabel größer, als sie wirklich war.
Sie wird um ihn kämpfen, dachte Theresa.
Sie sah, wie sich Annabel, nach einem Blick auf sie, aufrichtete. Ihr Griff nach Konstantins Arm machte deutlich, zu wem er in Zukunft gehören sollte. Eine Kampfansage? Nun ja. Sie hatte schon viele Klagen von Schwiegermüttern über Schwiegertöchter gehört und umgekehrt.
Frederico kam die Treppe herunter. »Ich habe Hunger«, sagte er und betrachtete die Freundin seines Bruders anerkennend von oben bis unten. »Sehr schick, Rosa steht dir.«
»Danke.« Annabel kicherte und schmiegte sich an Konstantin.
»Frederico, sieh bitte nach deinem Vater, ich nehme an, dass er in der Bibliothek ist. Wir können dann essen.«
Madame erschien als Letzte. »Ich kann Amalia nicht finden«, sagte sie atemlos.
»Sie wird schon kommen, ich habe sie vor einer halben Stunde noch gesehen.« Maria ließ sich auf ihrem Stuhl nieder.
»Wir werden nicht auf sie warten. Alicia? Sie können auftragen.«
» Si, Signora .«
Alicia servierte eine kühle Gurkensuppe mit Crostini als Vorspeise.
»Ich habe Amalia auch noch nicht gesehen«, sagte Konstantin.
In diesem Moment tauchte Amalia aus der Dunkelheit auf.
Maria hob ihre Serviette an den Mund. Sie täuschte einen Hustenanfall vor. Dieses Kind. Sie hatte es geahnt. Amalia trug ein vom Waschen beinahe farblos gewordenes T-Shirt, das um ihre dünnen langen Schenkel schlabberte. Schuhe trug sie keine. Frederico brach in lautes Gelächter aus. Maximilian hob die Brauen. Er sah hilflos zu seiner Frau hinüber, als ob er auf ihre Reaktion wartete.
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