Maria hatte mit ihrem Arzt darüber gesprochen. Er war nicht so überrascht.
»Etwas bringt sie zum Schweigen. Sie könnte das nicht durchhalten, wenn es bewusst geschähe. Es war sicher ein Schock für sie, als ihr Vater starb und sie aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen wurde.«
»Aber warum spricht sie mit mir?«
»Denken Sie darüber nach. Vielleicht gibt es eine Verbindung über Sie zu ihrem Vater.«
Es war seit Jahren Amalias und ihr Geheimnis. Maria befürchtete, dass das Mädchen auch ihr gegenüber verstummen würde, wenn sie dieses Geheimnis lüftete.
Sie erinnerte sich, dass Amalia ihre Räume zum ersten Mal betreten hatte, während sie sich ein Violinkonzert anhörte. Ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft. Sie hatte sich stumm auf einen Stuhl gesetzt und zugehört, bis das Stück zu Ende war.
»Das war mein Papa«, sagte die damals knapp Fünfjährige.
Maria glaubte, nicht recht gehört zu haben. Sie hörte die leicht raue Stimme des kleinen Mädchens zum ersten Mal, und es war tatsächlich eine alte Aufzeichnung aus der Boston Symphony Hall mit dem Orchester ihres Vaters.
Von diesem Zeitpunkt an hatte sie Amalia unterrichtet.
Maria erhob sich und öffnete Fenster und Läden weit. Jetzt nahm die Hitze langsam ab, und ein leichter Wind strich durch die Räume. Sie lächelte, als sie unten Madame hin und her gehen sah. Sie wartete ganz offensichtlich auf ihre Schutzbefohlene.
Maria wandte sich um und sagte: »Amalia, ich glaube es wird Zeit. Lauf hinunter, Madame Durand erwartet dich.«
Madame Durand sah Amalia entgegen.
Seit acht Jahren betreute sie das Kind, das ihr langsam entwuchs.
Amalias noch knabenhafte Figur wandelte sich. Die graublauen Augen leuchteten neugierig auf die Welt. Das dunkelblonde Haar zu einem üppigen Pferdeschwanz gebunden, betonte ihr schmales Gesicht.
Sie war klug, konnte in drei Sprachen gebärden und schreiben. Nach einer Prüfung war sie direkt in die zweite Klasse des Gymnasiums eingeschult worden. Wenn auch weder Theresa noch Maximilian von Ossten Zeit fanden, sich um ihre Nichte zu kümmern, so sorgten sie immerhin für eine angemessene Erziehung. Die Einzige, die sich mit Amalia beschäftigte, war Maria. Auch wenn die alte Dame das, in Madames Augen, zu den ungeeignetsten Zeiten tat. Es war nach zweiundzwanzig Uhr, als das Mädchen aus dem Flügel des Hauses trat, in dem Maria lebte. Amalia sah glücklich aus, wenn sie von ihr kam.
»Du hast wunderschön gespielt«, sagte Madame, »aber jetzt wird es wirklich Zeit.« Amalia nickte. Sie konnte nie einschlafen, wenn Konstantins Besuch bevorstand.
Konstantin hatte ihr das Lesen beigebracht, sich Geschichten für sie ausgedacht und ihr die Angst vor den Pferden genommen. Auf seinen Schultern hatte er sie durch den Stall getragen und sie jedem einzelnen Pferd vorgestellt.
»Das ist Xerxes , sag guten Tag, streichle seine Samtnase. Das ist Ramses , schau dir an, wie sein dunkles Fell glänzt. Leg das Zuckerstück auf deine Hand und halte es Samson hin.«
Sie spürte den weichen, warmen Samt der Nüstern auf ihrer Handfläche. So ging er mit ihr durch die Stallgassen. Auf seinen Schultern fühlte sie sich sicher.
Eines Tages stellte er sie auf die Füße und sagte: »Das ist Cenerentola , sie gehört dir.« Damals war sie fünf Jahre alt.
Sie hob den Kopf und sah einem Pony in die sanften Augen.
Aschenputtel, dachte sie. Grau wie Asche.
Madame schloss die Verbindungstür zu Amalias Schlafzimmer. Amalia wurde erwachsen, und bald wäre sie selbst überflüssig. Sie hatte schon einige Male in ihrem Leben Abschied von »ihren« Kindern nehmen müssen. In diesem Fall würde es ihr schwerer werden als jemals zuvor. Amalia war ihr ans Herz gewachsen. Zu sehr, wie sie jetzt feststellte. Mehr als acht Jahre lang hatte sie dieses bezaubernde Kind betreut, immer bemüht, einen angemessenen emotionalen Abstand zu ihrem Schützling zu wahren. Aber Amalia besaß keine Eltern mehr, also hatte sie sich mütterliche Gefühle gestattet. Sie würde es büßen müssen, wenn der Abschied kam.
Madame erwachte früh. Sie trat ans Fenster und spähte hinaus. Morgenlicht floss über den Hof und die weiter entfernten Stallungen.
Sie zog sich vom Fenster zurück, als sie Theresa auf das Haus zukommen sah. Diese Frau war ihr ein Rätsel. Sie war … ja, was? Sie wirkte immer eine Spur blasiert, nicht unfreundlich, nein, gelangweilt, traf es eher. Dass Maximilian von Ossten seine Frau betrog, war ein offenes Geheimnis. Aber Madame hatte nie ein unfreundliches Wort aus Theresas Mund gehört. Wenn er sie berührte, ließ sie es mit einer Selbstverständlichkeit zu, als ob sie nichts wüsste von seinen Affären.
Eine gewisse Tragik lag in ihrem Verhalten.
Theresa fragte sich, als sie Madame Durands Schatten oben am Fenster wahrnahm, wann es Zeit wäre, Amalias Erzieherin zu entlassen.
Sie mochte die Französin. Madame war zurückhaltend und liebte Amalia ganz offensichtlich. Sie schob den Gedanken weg. Amalia wurde erst dreizehn. Eine Weile würde sie ihre Erzieherin noch brauchen. Außerdem war ihr durchaus bewusst, dass Madame eine sehr viel bessere Hausfrau als sie selbst war.
Theresa seufzte, schob die Haustür auf, schritt über den gewachsten Terrazzoboden der Halle und stieg über die gewundene Treppe in das obere Stockwerk. Sie ging am Schlafzimmer ihres Mannes vorbei und betrat ihren Ankleideraum.
Mein Mann , dachte sie, während sie den Overall öffnete.
Unter ihrer Ehe mit Maximilian hatte sie sich etwas anderes vorgestellt. Er war so amüsant gewesen, so großzügig und anziehend. Anziehend war er immer noch und großzügig. Dass ihr zwanzig Jahre älterer Ehemann sie betrügen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Und es war absolut nicht amüsant. Trotzdem konnte sie sich seinem Charme nicht ganz entziehen, und wie verletzt sie war, würde er nie erfahren.
In ihrer Ehe mit Maxim hatte sie gelernt, sich zu verstellen. Sie trug eine ungerührte Miene zur Schau. Niemand sollte sie je »die arme Theresa« nennen.
Maxim bemühte sich durchaus um sie. Wenn er zu ihr kam, wies sie ihn nicht ab. Aber genauso wenig, wie sie eine Migräne vortäuschen würde, würde sie ihn davon in Kenntnis setzen, dass sie gelegentlich mit ihrem Stallmeister schlief.
Ihre erste Ehe war glücklich gewesen, glücklich und viel zu kurz.
Theresa betrat ihr Badezimmer, das ihr eigenes Schlafzimmer mit ihrem Ankleideraum verband. Nachdem sie Stunden im Stall verbracht hatte, sehnte sie sich nach einer Dusche. Sie ließ heißes Wasser von allen Seiten auf ihren Körper prasseln. Mit einem weißen, weichen Badetuch trocknete sie sich ab.
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