Maja brachte eine Platte mit Vitello al latte und verschiedenen Gemüsen herein.
»Wo ist Alicia?«
»Sie hat heute frei, Signora.«
Es war ungewöhnlich, dass Maja selbst auftrug.
»Ist keines der Mädchen mehr im Haus?«
»Nein, sie wollten zusammen auf das Fest unten im Dorf gehen. Bei Silvio ist Tanz.«
Amalia lief das Wasser im Mund zusammen. Der in Milch geschmorte Kalbsbraten gehörte zu ihren Lieblingsgerichten.
»Wir nehmen uns selbst, Maja, es ist gut.«
Amalia beobachtete besorgt, wie die Platte die Runde machte, bis sie endlich bei ihr ankam. Ihr Onkel aß und trank unmäßig. Frederico besaß den gesunden Appetit eines Neunzehnjährigen. Maria nahm sich nur eine Scheibe des zarten Fleisches.
Madame Durand verzichtete ganz darauf. »Essen am späten Abend ist ungesund.« Sie aß nur ein wenig von dem Gemüse.
Theresa legte Amalia zwei Bratenscheiben auf den Teller. Eine zarte Berührung ihrer Hand war Amalias Dank. Theresa lächelte ihr zu. »Das magst du doch besonders gerne?«
Amalia nickte. Wie schade, dass sie nicht spricht , dachte Theresa. Nach Auskunft der Ärzte, lag kein körperlicher Schaden vor. Amalia war verstummt, als ihr Vater starb.
Aber die Miene des Kindes drückte so vieles aus, war wunderbar ausdrucksvoll, und neben ihr lag immer ein Tablet, auf dem sie in Windeseile schreiben konnte. Sie sah auf das Display, das Amalia leicht zu ihr drehte. » Wie geht es Luna?«, stand da .
Luna , Theresas mondfarbene Stute, bekam ihr erstes Fohlen, und Amalia fieberte ihm entgegen.
»Wenn es ein Hengst wird, bekommst du ihn«, hatte Theresa ihr versprochen. »Du kannst ihn aufziehen und lernen, wie man mit einem eigenen Pferd umgeht.«
Theresa sagte: » Luna ist nervös und ich auch, vielleicht bleibe ich heute Nacht wieder im Stall.«
»Darf ich mitkommen?«
»Nein, das ist keine gute Idee. Zu viele Menschen würden sie noch mehr beunruhigen.«
Amalia nickte.
»Ich nehme an«, sagte Maximilian und ließ die Gabel sinken. »Raffael wird mit dir wachen?«
»Möglich.«
»Ich erwarte dich nach dem Essen, Amalia.« Maria bat niemals um etwas, sie legte dar, was sie wollte, und erwartete, dass man ihr gehorchte.
Das Mädchen nickte.
Madame Durand sah aus, als habe sie in eine Zitrone gebissen. »Das Kind hat morgen sehr früh eine Reitstunde«, wagte sie einzuwenden.
Maria erhob sich. »Amalia ist kein Kind mehr, das am frühen Abend ins Bett geschickt werden muss. Sie ist fast dreizehn.«
Automatisch sah Theresa auf ihr Handgelenk. Fast zweiundzwanzig Uhr. Sie schob ihren Stuhl zurück. »Es wird auch Zeit für mich«. Sie sah ihren Mann an. »Warte nicht auf mich, Maxim. Es kann spät werden.«
»Ein Fohlen?«
»Ja, Lunas Fohlen.«
Du hast, wie üblich, nicht zugehört, dachte sie.
»Ich hoffe, noch diese Nacht und nicht erst morgen früh?« Ihr Mann hielt ihren Blick einen Moment lang fest.
Noch während sie sich für eine Nachtwache im Stall umzog, hörte sie den Motor des Maserati. Das Cabrio ihres Mannes fuhr vom Hof. Maxim war zu seiner derzeitigen Geliebten unterwegs.
Er war noch immer ein attraktiver Mann. Sie hatte ihn vor gut zwanzig Jahren geheiratet, weil er charmant war, ihr Sicherheit bot und mit ihrem Sohn spontan Freundschaft geschlossen hatte.
Nach einem Rundgang über das Gut und durch die Ställe hatte er gesagt: »Sie können den Job haben, aber …«
»Aber?«
»Es gibt eine Bedingung.«
»Welche Bedingung?«
»Sie müssen mich heiraten.«
Sie hatte gelacht und gefragt: »Wollen Sie das Gehalt sparen?«
Ein halbes Jahr später wurde sie Frau von Ossten und zog mit ihrem Sohn und ihrer Mutter in das riesige Haus in der Maremma.
Sie war Maximilians vierte Ehefrau. Seine Ehen waren kinderlos geblieben. Als sie schwanger wurde, kannte seine Freude keine Grenzen.
Maximilian dachte an die erste Begegnung mit Theresa. Schlank und kraftvoll, eine geballte Ladung Energie. Ohne erkennbare Eitelkeit, verlockend, ohne zu locken.
Ihr dichtes gewelltes Haar glänzte wie das Gefieder eines Raben. Sie besaß diese natürliche Eleganz, die nicht erlernbar war. In seinen Augen waren alle Frauen sich ähnlich. Theresa bildete die Ausnahme. Alles an ihr war einzigartig, besonders und unwiderstehlich. Ein Hauch von Melancholie umgab sie. Sie war damals noch nicht lange Witwe gewesen, erinnerte er sich.
Theresa beklagte sich nie. Sie machte keine Szenen, nahm seine Eskapaden hin. Manchmal schien ihm, als ob sie gar nicht bemerkte, wenn er sich einer anderen Frau zuwandte. War das so, weil es ihr egal war? Er ihr egal war? Das käme einer Kränkung gleich. Ja, er war gekränkt. Ihre scheinbare Gleichgültigkeit war Gift für sein Ego.
Maximilian drückte das Gaspedal durch. Er fuhr Richtung Grosseto. Dorthin, wo eine Frau auf ihn wartete, die ihn bemerkte. Sidonie, die Frau seines Freundes und Geschäftspartners Renato, der sich mehr auf Reisen als zu Hause aufhielt, war ein blondes Versprechen. Ungehemmt und ohne die geringste Anmutung von Moral. Eine sexuell unterforderte Fünfunddreißigjährige.
Rücksichtslos fuhr er viel zu schnell über die kurvige schmale Straße.
Eine Stunde nach seiner Geburt stand der kleine Hengst auf zitternden Beinen im hoch eingestreuten Heu.
Hellbraunes Fell. Seine glänzenden Augen umgab ein weißer Kranz.
Theresa lachte. »Es sieht aus, als habe er sich eine Brille aufgesetzt.«
Raffael war dabei, die Abfohlbox zu säubern. Die Nachgeburt ließ er in einen Eimer fallen. Die würde sich die Tierärztin später ansehen.
»Das hast du gut gemacht.« Theresa streichelte den Hals ihrer Stute.
Luna schnaubte leise und blies warmen Atem in ihr Gesicht. Es war schon die dritte Nacht, in der sie bei Luna gewacht hatten. Die Stute war unruhig gewesen.
Das Fohlen hatte den Weg zu den Zitzen seiner Mutter gefunden.
Theresa war immer wieder berührt, wenn sich diese kleinen Wesen auf ihre Streichholzbeinchen kämpften und schon kurz nach der Geburt zu trinken begannen.
Müde hockte sie auf einem alten Hocker, stützte sich auf die Knie und legte ihr Gesicht in beide Hände. Sie hörte Raffael hin und her gehen, beruhigende Laute von sich geben. Wasser lief. Dann spürte sie ihn hinter sich, seine warmen kräftigen Hände auf ihren Schultern. Sie stöhnte, als er sanft ihre verspannten Schultern massierte. Noch herrschte Stille im Stall, nur unterbrochen von leisem Schnauben und dumpfem Stampfen, wenn eines der Pferde sich bewegte. Theresa legte den Kopf zurück und sah zu Raffael auf.
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