Es war gerade sechs Uhr früh, als sie über den Hof auf das Herrenhaus zuging. Sie hörte die Stallburschen und ihren Stallmeister, der seine Anweisungen für den Tag gab. Er war beliebt, aber auch gefürchtet. Unregelmäßigkeiten duldete er nicht.
Jetzt hörte sie ihn brüllen: »Ich stülpe dir die Nachgeburt über die Ohren, du Schweinebraten.«
Da hatte wohl einer der Stallburschen einen Fehler gemacht.
Theresa lächelte. Seine Stimme wurde leise, wenn er mit den Pferden sprach.
Sie konnte sich keinen besseren Stallmeister und Verwalter vorstellen. Er war jung, jünger als sie selbst, aber er besaß eine natürliche Autorität, die nicht durch seine Geburt zu erklären war.
Seine Eltern waren schlichte Bauern gewesen. Seine Herkunft, nun ja, eher einfach, sogar sehr einfach.
Ihre Gedanken wanderten vier Jahre zurück zu ihrem Lieblingsplatz am See. Eine riesige Trauerweide auf einer Landspitze spendete Schatten, wenn die Hitze des Sommers kaum zu ertragen war. Ihre Ranken hingen bis tief auf die Erde, bildeten kühle Räume aus grünen Vorhängen. Dorthin zog sie sich zurück, wenn sie alleine sein wollte. Von dort aus schwamm sie zu der winzigen Insel mitten im See. Ein einsamer Ort. Hier war er ihr zum ersten Mal außerhalb des Stalles begegnet.
Er stieg aus dem Wasser, nackt wie Poseidon und starrte auf sie hinunter. Sie lag regungslos auf ihrem Handtuch und starrte zurück. Ein bronzener muskulöser Körper.
Ihre Zunge strich über ihre trockene Oberlippe. Raffael drehte sich um und verschwand zwischen den herabhängenden Zweigen. Das Sonnenlicht malte unregelmäßige Flecken auf den Boden. Theresa schloss die Augen, aber sein Bild hatte sich auf ihrer Netzhaut eingebrannt. Als sie die Augen wieder aufschlug, stand er, bekleidet mit verwaschenen Jeans, über ihr. »Es tut mir leid«, sagte er. »Ich habe Sie gestört.«
Er sah nicht weg, als sie sich aufrichtete und ihr Badetuch um sich schlang.
»Mein Lieblingsplatz«, sagte sie und fuhr sich mit den Fingern durchs feuchte Haar.
»Meiner auch.«
Er ließ sich auf die Knie nieder, griff nach ihrem Tuch und öffnete es behutsam. Sie wehrte sich nicht. Er drückte sie zurück. Theresa half ihm, sich seiner Jeans zu entledigen. Sie rangen miteinander, bis sie stöhnten, bis zum Ende. Er besaß sie und sie ihn, rückhaltlos. Beide Gewinner. Sie lag an ihm, atmete seinen Duft, spürte Dankbarkeit.
Er sagte: »Ich hatte Hunger nach dir.«
Sie würde diesen Nachmittag nie vergessen.
Theresa hatte nicht bereut, Maximilian geheiratet zu haben. Aber die demütigende Erkenntnis, mit einem Mann zu leben, der sie nicht nur einmal betrog, traf sie mehr, als sie sich eingestand. Sie erzählte Raffael alles. Sie entblößte ihre Seele wie noch niemals zuvor. Eine seelische Befreiung wie zuvor die körperliche. Er hielt sie fest, bis sie eingeschlafen war.
Als sie erwachte, war er gegangen.
Sie zog sich an und lief durch den schmalen Gürtel eines Pinienwäldchens. Luna begrüßte sie mit leisem Schnauben.
»Habe ich dich zu lange alleine gelassen?«
Auf dem Waldboden bemerkte sie Spuren, die ihr sagten, dass ihre Stute keineswegs alleine gewesen war. Als er sein Pferd neben ihrer Stute angebunden hatte, musste er gewusst haben, dass er sie unter der Weide finden würde. Sie lächelte.
Marias Räume lagen in einem der Seitenflügel des Hauses, das ihre Tochter mit ihrer Familie bewohnte.
Als Pianistin war sie in der ganzen Welt aufgetreten. Nachdem sie sich das Handgelenk so kompliziert gebrochen hatte, dass an Konzerte nicht mehr zu denken war, musste sie sich etwas einfallen lassen.
Der Bruch war geheilt, die Schmerzen vergingen nie. Sie hatte unglücklich Abschied von der Bühne genommen und war dem Ruf der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg gefolgt. Junge begabte Schüler auszubilden hatte ihr zugesagt. Auf diese Weise konnte sie ihre Liebe zur Musik weitergeben.
Ein italienischer Kollege, der an der Accademia Musicale in Siena lehrte, hatte Interesse an Marias Mitarbeit gezeigt. Einmal in der Woche würde sie Kurse geben können.
Maximilian hatte ihr eine großzügige Etage in einem der Seitenflügel des Gutshauses angeboten. Allerdings, erinnerte sie sich, mit der Bedingung, dass er nicht den ganzen Tag »Klaviergeklimper« hören müsste. Sie hatte nicht gewusst, ob sie empört sein oder lachen sollte, und sich entschieden, es amüsant zu finden.
Maximilian war nur wenige Jahre jünger als sie selbst und der amusischste Mensch, den sie je kennengelernt hatte. Außer Geld, seinen Schafen und Frauen interessierte ihn nichts. In genau dieser Reihenfolge. Ja, er war ein charmanter Mann, einer dem die Frauen zu Füßen lagen, ein Genießer, der gerne gut aß und trank.
Wenn er so weitermachte, würde er bald wie ein Fass aussehen, dachte sie.
Aber noch hatte er sich eine erstaunlich gute Figur erhalten. Dass er ihre Tochter betrog, konnte sie ihm nicht verzeihen. Andererseits, das wusste sie, ging sie Theresas Ehe nichts an.
Sie streichelte den cremefarbenen Maremma- Hund zu ihren Füßen. »Du darfst gleich noch mal raus, Ludwig.«
» Nonna ?« Die Tür öffnete sich. Amalia stob wie ein Wirbelwind in den Salon. Sie ließ sich, wie der Hund, zu Marias Füßen nieder.
»Wie geht es meiner Schülerin?« Maria strich Amalia über die Locken. »Willst du noch ein bisschen spielen?«
Maria öffnete den Deckel ihres Flügels und stellte den Sitz des Klavierhockers höher. Während Amalia spielte, fragte sie sich, warum das Kind mit ihr sprach, aber mit niemandem sonst. Amalia wechselte mühelos von Deutsch zu Französisch zu Italienisch. Sie sprach mit Amalia vorwiegend Deutsch, um sie die Sprache ihrer Eltern nicht vergessen zu lassen.
Die Kleine hat einen wunderbar sanften Anschlag. Ja, dachte sie, das Kind ist begabt.
Dass es für eine Laufbahn als Pianistin reichte, bezweifelte sie. Sie wusste, wie hart ein solches Leben war. Man würde sehen. Einer ihrer liebsten Komponisten war Chopin . Maria lauschte der Musik.
Erstaunlich für ein Kind in diesem Alter, dachte sie.
Aber an Amalia war alles erstaunlich. Ihre Freundlichkeit und die stoische Ruhe, mit der sie die krassesten Ausbrüche ihres Cousins hinnahm. Sie ließ sich nicht provozieren. Vielleicht blieb die Sprachlosigkeit die einzige Möglichkeit, sich zu wehren. Zu wehren gegen eine Familie, die sie zwar aufgenommen hatte, in die sie aber emotional wenig eingebunden war.
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