1 ...7 8 9 11 12 13 ...20 »Geht es ihrer Mutter schlechter?«
»Die Nacht war nicht gut. Kitty hat bei ihr gewacht.«
Theresa trank noch einen Schluck Kaffee und erhob sich.
»Sagen Sie ihr, sie soll so lange wie nötig bei ihrer Mutter bleiben. Alicia muss alleine zurechtkommen.«
»Es sind zwei Personen mehr im Haus, Signora«, gab Maja zu bedenken.
»Natürlich, daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht kann eine der Frauen aus dem Dorf aushelfen?«
Maja nickte. »Das wird sicher gehen.«
Die Köchin ging zum Telefon und erledigte zwei Anrufe.
Die Signora ist eine angenehme Arbeitgeberin, und, dachte sie schmunzelnd, sie hat keine Ahnung von Haushaltsführung, aber ein Händchen dafür, die richtigen Menschen einzustellen.
Ohne Madame Durand und sie wäre der Haushalt längst zusammengebrochen. Madame hatte seit Langem unbemerkt die Pflichten einer Hausdame übernommen. Amalia brauchte, seit sie zur Schule ging, keine Erzieherin oder Nanny mehr.
Theresa fragte: »Hat Konstantin gesagt, wann er zurück ist?«
»Nein, Signora.«
Die Glocke der kleinen Kirche in Basso läutete. Schon Mittag. Sollte sie Konstantin anrufen? Aber nein. Er würde zu ihr kommen, wenn er neben Annabel Zeit dazu fand. Sie verzog unbewusst die Lippen zu einem spöttischen Lächeln und schaute hinüber zu den gelben Hügeln, die in der Hitze zu verglühen schienen. Die Luft flimmerte, als ob die Landschaft einen letzten Atemzug machte. Oben auf dem Kamm standen Zypressen in Reih und Glied, eine Armee von schlanken Wächtern. Sie konnte Basso von hier aus nicht sehen. Warum es so hieß, wusste sie nicht. Vielleicht weil es so klein war? Oder so weit unten im Tal? Es bestand nur aus wenigen Häusern, ein paar Restaurants und, unvermeidlich, einer Kirche ohne Pastor. Wenn Beerdigungen oder Hochzeiten abzuhalten waren, musste man warten, bis ein Pastor aus einem der benachbarten Orte Zeit hatte.
Theresa dachte an Kitty. Ihre Mutter lag im Sterben. Armes Mädchen. Selbstverständlich würde sie der Beerdigung beiwohnen müssen. Sie seufzte. Das war der Teil ihres Aufgabenbereichs, den sie am wenigsten mochte. Diese Auftritte als Gutsherrin lagen ihr nicht.
Maxim hatte keine Schwierigkeiten damit.
»Das sind unsere Leute, die erwarten das«, pflegte er zu sagen. Mein Mann hat zuweilen etwas Überhebliches , dachte sie. In ihren Augen waren diese Menschen nicht »ihre Leute«, sie waren Menschen, von denen unter anderem der Erhalt des Gutes abhing. Aber Maximilian gefiel sich in der Rolle des Gutsherrn. Die Bauern mochten ihn, er wickelte sie ein mit seiner jovialen Art, und da er die Schafe genauso schnell scheren konnte wie sie, erkannten sie ihn als einen der ihren an.
Maria stand hinter halb geschlossenen Läden. Sie sah ihre Tochter in der glühenden Sonne stehen. Die dunklen Locken hatte sie aus der Stirn gekämmt und mit einem Tuch im Nacken gehalten. Von ihr hatte sie ihre Schönheit nicht (ihr Vater war ein schöner Mann gewesen), aber mit Sicherheit die königliche Haltung.
Ein weißes T-Shirt und helle, eng anliegende Reithosen betonten ihre schlanke Gestalt. Plötzlich wandte Theresa sich ihrem Fenster zu. Maria stieß den Laden auf und winkte ihrer Tochter.
»Guten Morgen, Mama. Komm mit, ich will zum Stall hinüber. Ich erwarte zwei Käufer. Sie wollen sich Abigail und Sultan ansehen.«
Maria bewunderte die Energie, mit der ihre Tochter sich den Pferden widmete. Sie hatte sich in den letzten Jahren einen ausgezeichneten Ruf als Züchterin erworben. Es war harte körperliche Arbeit, die ihre Tochter leistete. Sie wusste, wie viel Disziplin dazu gehörte, ganz und gar in seinem Beruf aufzugehen.
Als Pianistin war sie viel gereist, hatte wochenlang aus dem Koffer gelebt und jeden Tag viele Stunden am Flügel verbracht. Für die Konzerte brauchte man die Kondition eines Spitzensportlers.
»Warte, wir sind gleich bei dir.« Minuten später trat Maria mit ihrem Hund aus dem Haus.
Theresa lachte. »Sehr dramatisch«, sagte sie. »Einen Größeren gab es nicht?«
Der pinkfarbene Hut, den Maria zu einem langen weißen Leinenkleid trug, war riesig. Ein Gigant aus Tüll und Seide.
Sie fasste mit beiden Händen den vorderen Rand und bog ihn keck nach oben. »Du solltest dich auch besser vor der Sonne schützen.«
»Das wäre zu Reithosen der Hit, Mama«, spottete sie.
Ludwig wedelte mit dem Schwanz und verzog die Lefzen, was man als Lächeln deuten konnte. Theresa kraulte ihn zwischen den Ohren. Sie passte sich dem Gang ihrer Mutter an. Die beiden Frauen hatten in den letzten Jahren wieder zueinander gefunden. Maria dachte an die tausend Abschiede von ihrer Tochter, an ihre lange Abwesenheit, die ihre Auftritte nun mal notwendig machten. Und hätte man sie gefragt …
Wenn sie sich fragte, ob sie sich für ihr Kind oder ihre Karriere entscheiden sollte, so hätte sie auch heute noch die Karriere gewählt. Sie war keine gute Mutter gewesen. Theresa war mit Fremden aufgewachsen.
Jetzt griff sie nach Theresas Arm. »Ich war wohl keine gute Mutter?«
Die Antwort kam spontan und ehrlich. »Nein, das warst du nicht. Aber ich hätte dich nicht anders gewollt.«
Vor der Reithalle stand ein offener Pferdetransporter.
»Ah«, sagte Theresa, » Ariel bekommt seine schöne Braut zugeführt.«
Ariel war ein dunkler Hengst, ihr ganzer Stolz. Er hatte viele Rennen gewonnen.
Maxims bevorzugtes Reitpferd. Kein Wunder , dachte Theresa, dass ihr Ehemann einen Deckhengst ritt. Sie musste sich zusammenreißen, um ihre plötzliche Heiterkeit zu unterdrücken. Pferd und Reiter hatten dieselben Vorlieben, nur waren Ariels Ritte auf den Damen von mehr Erfolg gekrönt. Alle Stuten, die er gedeckt hatte, waren trächtig geworden. Ihr Mann war nur einmal Vater geworden.
Theresas Blick fiel auf einen Jungen, der auf dem Gatter der Weide balancierte, auf der die Stuten mit ihren Fohlen standen. Kurze, von der Sonne vergoldete Locken, ein breiter lachender Mund, etwas abstehende Ohren. Abgeschnittene Jeans und ein Top. Sie lächelte. Das war kein Junge, sondern ein Mädchen. Amalia.
Amalia setzte vorsichtig Fuß vor Fuß. Ihre Arme hatte sie ausgebreitet, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.
»Sie wird fallen«, sagte Maria.
»Wird sie nicht.«
Raffael stand plötzlich neben ihnen. Er schnippte mit den Fingern. Einer der Stallburschen brachte einen Hocker.
»Signora.« Er machte eine Geste.
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