Sie wandte sich sofort wieder an den Professor. »Wie geht es meinem Stallmeister?«
Wenn er die Kraft dazu gehabt hätte, er wäre aufgestanden und gegangen. ‚Meinem Stallmeister’? Dieses arrogante Miststück. Wie konnte sie nur?
»Ich brauche ihn dringend, wir stecken bis zum Hals in Arbeit.«
Donato warf einen Blick auf ihn. »Er wird durchkommen, hat einen harten Schädel. Ein paar Tage behalten wir ihn noch hier.«
Raffael wand sich innerlich. Ich bringe ihn um, ich bringe sie beide um.
Theresa bewegte sich langsam mit dem Arzt zur Tür. Ihn schien sie vergessen zu haben. Er schloss wütend und erschöpft die Augen. Sie hatte über ihn gesprochen, wie über einen Gegenstand, einen Besitz. Er fühlte sich gedemütigt und verletzt. Und jetzt war sie gegangen, ohne ein Wort. Von wegen, Stallmeister! Sie konnte ihm so fremd sein wie eine Außerirdische. Manchmal stellte er alles in Frage. Es gab Momente, in denen er glaubte, sie zu kennen wie niemanden sonst, und dann entzog sie sich ihm. Von einer Sekunde zur anderen legte sie einen Hebel um, wurde die unnahbare Chefin, die Gutsbesitzerin, die zu einer Elite gehörte, von ihm so weit entfernt wie der Mars.
Als er die Augen wieder aufschlug, saß Theresa neben seinem Bett, hielt seine Hand und sah ihn unverwandt an. Ein Blick zum Fenster zeigte ihm, dass es bereits dämmerte.
Theresa griff zu einem Glas. »Du musst trinken.«
Er schob ihre Hand zur Seite. »Ich bin kein Kleinkind.«
»Ich weiß.«
»Ich hasse dich.«
Sie lachte leise. »Was hätte es geändert, Donato zu sagen, dass ich den Mann, den ich unendlich liebe, nicht im Stall, sondern im Bett brauche?« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. »Ich muss gehen.«
Die Absätze ihrer Sandalen klackerten. Sie öffnete die Tür, schloss sie wieder, kam zurück und küsste ihn richtig.
Er sah ihr nach. Sie hatte ihm zum ersten Mal eine Liebeserklärung gemacht. Er lächelte. »Ich liebe dich auch«, sagte er.
»Ich weiß.« Theresa schloss die Tür.
Amalia saß mit Maria am großen Tisch unter der Kastanie. Vor ihr lag ein Skizzenblock.
»Ich habe geglaubt, dass er tot ist.«
Mit kräftigen Strichen zeichnete sie einen gewaltigen dunklen Pferdekörper. Die Vorderhufe stachen in die Luft, Hals und Kopf bogen sich dramatisch nach hinten, das Maul war weit geöffnet. Selbst die großen gelblichen Zähne waren deutlich zu sehen. Maria dachte, man hört ihn förmlich wiehern.
Sie fragte sich, ob nur sie den erstickten Schrei des Mädchens gehört hatte. War er in der Aufregung untergegangen?
»Du magst ihn?«
Amalia sah sie ernsthaft an. »Ja, Nonna , ich mag ihn. Manchmal erinnert er mich an meinen Papa. Aber …« Sie zögerte.
»Ja?«
»Er ist viel öfter da und hat immer Zeit für mich.«
Wieder ein Elternteil, das sich für die Karriere entschieden hatte, wie sie selbst.
»Dein Papa war ein großartiger Musiker.«
»Aber kein guter Papa.«
Dieses Kind! Hatte sie nicht genau solch ein Gespräch vor ein paar Tagen mit ihrer Tochter geführt? »Hättest du lieber einen anderen Papa gehabt?«
»Nein.« Die Antwort kam prompt.
Maria hörte Ludwig unter dem Tisch hecheln. Auf dem Tisch stand eine Kristallkaraffe mit Zitronenwasser, in dem Eiswürfel dem Zustand vollständiger Auflösung entgegen schwammen.
»Wo soll ich den Tisch decken?«, fragte Alicia.
Inzwischen war es dunkel geworden, doch die Hitze ließ nicht nach. Die Außenbeleuchtung tauchte die Umgebung in ein sanftes Licht.
»Die Signora ist noch nicht zurück.«
Alicia wartete auf eine Antwort.
»Decken Sie hier, Alicia, unter dem Baum ist es erträglich«, sagte Maria.
Alicia schüttelte den Kopf. Bei diesem Wetter draußen zu essen, käme ihr wohl nicht in den Sinn.
Amalia sammelte ihre Zeichenstifte ein, schloss den Skizzenblock und lief ins Haus. Maria sah ihr nach. Eine kleine ernsthafte Person, mit einem bezaubernden Lächeln. Amalia war hochintelligent und hielt ihre Emotionen weitgehend unter Verschluss. Zu Beginn der langen Sommerferien hatte sie einen Brief der Schulleitung mitgebracht. Er enthielt die Empfehlung, Amalia eine Klasse überspringen zu lassen.
»Möchtest du das denn, Kind?«, hatte Maria gefragt.
»Vielleicht ist es dann nicht mehr so langweilig«, hatte Amalia auf ihrem Tablet geantwortet und genickt.
»Wenn die Schule das empfiehlt, machen wir den Versuch«, sagte Maximilian.
»Du bist offenbar gar nicht so dumm, wie du aussiehst.«
Zum ersten Mal hatte Amalia auf Fredericos Frechheit reagiert. »Was man von dir kaum sagen kann.«
Maximilian hatte laut gelacht. »Geschieht dir ganz recht.«
Maria schmunzelte. Die Kleine besaß nicht nur einen scharfen Verstand, sie wusste auch mit Worten umzugehen, und sie hatte Frederico an einer empfindlichen Stelle getroffen. Im letzten Jahr war er durchs Abitur gerasselt. Ihr Enkel war nicht dumm, aber sträflich faul.
Maria erhob sich, als Alicia mit dem Geschirr erschien. Ludwig schlabberte den Rest des Wassers auf und schloss sich seiner Herrin an. Sie würde noch ein Stunde ruhen. Bis dahin sollten alle zum abendlichen Essen eingetroffen sein.
Madame Durand hatte am Morgen mit Maja den Speiseplan für den Tag besprochen.
Diese Aufgabe, wie viele weitere, hatte Madame schon lange übernommen. Sie war nicht sicher, ob die Signora es bemerkte. Sie schien mit ihren Pferden vollkommen ausgelastet. Eine Hausfrau war sie definitiv nicht. Sie arbeitete im Stall genauso hart wie die Pferdeburschen, gab Reitunterricht, ritt Pferde ein, bewegte sie und wachte nachts bei den trächtigen oder kranken Tieren.
Wenn sie sich um Frederico genauso kümmerte wie um ihre kostbaren Tiere, dachte sie, würde der Junge vielleicht nicht so aus dem Ruder laufen.
Der Einfluss des Vaters war eindeutig stärker als der Theresas. Seit der Pubertät, die in ihren Augen immer noch anhielt, orientierte sich Frederico am Vater.
Maximilian schien es zu gefallen. Mit dem Stolz eines Mannes auf einen Sohn, der ihm so ähnlich war.
Frederico trank zu viel. Er sah gut aus, und die Mädchen umschwärmten ihn. Für Madame war er ein Blender mit einem schwierigen Charakter. Er besaß eine gefährliche Mischung aus Charme, Bosheit und Aggressivität. In Theresas Augen glaubte sie manchmal tiefe Besorgnis und auch Trauer zu erkennen, wenn ihr Sohn bei Tisch schwadronierte, mit seinen Abenteuern angab, die alle mit M und S begannen, Motorräder und Mädchen, in dieser Reihenfolge, gefolgt von zweimal S, Spaß und Saufen. Mehr als einmal war die Polizei im Haus gewesen. Von Ossten hatte immer alles auf seine Art geregelt.
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