Theresa hörte Fredericos Antwort: »Na, dann hast du ja einen Nachfolger.«
»Ich wünschte, du könntest das sein.«
»Nein, Papa, vergiss es.«
Ihr Sohn hatte Höhenflüge im wahrsten Sinn. Er wollte Pilot werden.
Theresa drehte ein Glas zwischen ihren Fingern und blickte auf den Schimmer von Silber am Horizont.
Davor schwebten Nebelinseln über den schlafenden Hügeln.
Diese warme Nacht ist, dachte Theresa, nicht gemacht, um alleine zu sein.
Sie beobachtete den torkelnden Flug der Lucciole. Die Leuchtkäferchen blinkten wie vom Himmel gefallene Sterne.
Bald nach ihrem Gespräch hatte sie zuerst Maxims Wagen, etwas später auch Fredericos Maschine gehört. Wie immer sorgte sie sich um Frederico und hoffte, dass er vernünftig genug wäre, nicht in betrunkenem Zustand zu fahren.
Ihr Sohn hatte Raffael einen Pferdeburschen genannt.
Sie kannte Raffaels Biographie. Mit sechzehn hatte er den kleinen Hof seiner Eltern verlassen und sechs Jahre lang erst in Australien und später in Neuseeland alles gelernt, was es über Tierwirtschaft, Aufzucht von Pferden, Rindern und Schafen zu lernen gab, einschließlich Milchwirtschaft und Bienenzucht.
Sie lächelte. Er war ihr haushoch überlegen.
Als er zurückkam, hatte er seine Jugendliebe geheiratet, eine Familie gegründet und vier Jahre nach der Geburt seiner Zwillingsmädchen feststellen müssen, dass seine Ehe gescheitert war.
Die Trennung von seinen Kindern hatte er nie verwunden. Sooft wie möglich besuchte er sie. In den Ferien durfte er Giuliana und Gala zu sich holen.
»Was machst du hier, Mama?«
Theresa schrak auf, als sie Konstantin hörte. Sie musste eingeschlafen sein. »Ich genieße die Ruhe und versuche nachzudenken.«
Konstantin zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr. »Ich störe dich nicht lange. Annabel erwartet mich. Du solltest auch zu Bett gehen, es ist spät.«
»Manchmal schlafe ich hier draußen. Es ist schön unter den Sternen.«
Wenn er an seine Mutter dachte, sah er sie mit wehenden Haaren, ohne Sattel auf Luna über die Hügel der Maremma jagen. Er war, dank ihr, ein guter Reiter, aber die Begeisterung, die sie beflügelte, fehlte ihm.
»Du wirst deinem Vater immer ähnlicher«, sagte sie.
»Du warst mit ihm glücklicher als mit Maximilian.« Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Theresa antwortete nicht direkt. Unter dichten Wimpern blickte sie ihn an. »Dein Vater und ich waren nur kurz verheiratet. Die erste Liebe noch nicht vorbei. Ehen entwickeln sich. Es gibt keine Garantien für das Glück und die Liebe.«
»Ich werde Annabel immer lieben«, sagte Konstantin.
Er war ein Kind. Theresa lächelte. »Natürlich wirst du das, mein Schatz.«
»Wir werden heiraten, Mama.«
Oh du meine Güte, sie musste an sich halten, das nicht laut auszusprechen.
»Natürlich«, sagte sie noch einmal, »wenn man sich liebt, will man das der Welt zeigen. Aber das muss ja sicher nicht sofort sein?«
Konstantin griff nach ihrem Glas, trank einen Schluck und sagte: »Annabel möchte noch in diesem Jahr heiraten.«
»Und du, was möchtest du?«
»September oder Oktober«, sagte ihr Sohn, »sind schöne üppige Monate. Trauben, Nüsse, Obst, Oliven, alles ist reif, die Abende sind noch warm.«
»Und, wie du weißt, ist es die Zeit der Ernte, die Zeit der Arbeit.«
Er lachte. »Mama, du schaffst das. Unsere Gäste können bei der Olivenernte helfen.«
Sie lachte. »Lieber nicht.«
»Konstantin?« Er sprang auf.
»Annabel, hier sind wir.«
»Du wolltest doch nur ganz kurz …« Sie schwieg, als sie erkannte, dass Konstantin nicht alleine war. Die junge Frau stand zwischen den geöffneten Fenstertüren. Reizend in ihrem kurzen, weißen Hemd.
Theresa konnte ihren Sohn verstehen. Sie war ein hübscher Anblick, auch wenn sie, wie jetzt, schmollte.
»Es tut mir leid, willst du dich noch zu uns setzen, Liebling?«
»Nein, ich bin müde.«
Ihre Stimme klingt kindlich und eine Spur zu schrill. Theresa rief sich zur Ordnung.
»Gute Nacht, Mama.«
»Gute Nacht, Konstantin … Annabel.«
Sie erhob sich, um ebenfalls ins Haus zu gehen. Erst als sie die Türen des Wintergartens schloss, fiel ihr auf, dass Konstantin ihr die Antwort auf ihre Frage nach seinen Wünschen, schuldig geblieben war.
»Guten Morgen, Maja. Guten Morgen, Alicia.«
»Guten Morgen, Signora.«
Verblüfft sah Theresa Alicia hinterher, die schluchzend aus der Küche rannte. Sie wandte sich an die Köchin. »Was ist passiert?«
»Heute Nacht ist Kittys Mama gestorben.«
»Ach, die arme Kleine. Wissen Sie schon, wann die Trauerfeier stattfindet?«
Maja schüttelte den Kopf. »Nein, Signora.«
Die Trauerfeier fand drei Tage später in der Kirche von Basso statt. In brütender Hitze überquerten Maximilian und Theresa, von ihren Söhnen, Amalia und Madame Durand begleitet, den Kirchplatz. Maria ging am Arm ihres ältesten Enkels.
Die Blicke der in tiefes Schwarz gehüllten Dorfbewohner folgten ihnen. Es war ungeschriebenes Gesetz, dass die erste Bank dem Gutsbesitzer vorbehalten war, was Maxim wie eine Selbstverständlichkeit hinnahm, Theresa mehr als peinlich war.
Wir leben nicht mehr im achtzehnten Jahrhundert.
Sie hätte zu gerne gewusst, ob die Bank leer blieb, wenn sie nicht zur Kirche gingen.
Raffael lachte, als sie ihn danach fragte. »Nein, Theresa. Wir nutzen sie, aber mit schlechtem Gewissen.«
»Idiot!«
Raffael hatte sich vor zwei Tagen selbst entlassen. »Ich kann nicht auf deine Kosten in einer Privatklinik herumliegen, ich bin kein Gigolo.«
Sein Zorn auf sie war noch nicht ganz verraucht.
Nachdem ihre Familie Platz genommen hatte, begann der Gottesdienst. Theresa spürte Raffaels Blick im Nacken. Er saß in der zweiten Bank, direkt hinter ihr. Dank Annabel, die sich im letzten Moment mit einem »Ich habe rasende Kopfschmerzen, Liebling« entschuldigt hatte, waren sie zu spät gekommen.
Marisa saß neben Raffael. Ihr jüngster Sohn, Gasparo, ein kleiner Teufel, begabt mit der Stimme eines Engels, sang das Ave Maria so ergreifend mit seiner knabenhaften silbernen Stimme, dass kein Auge trocken blieb.
Im achtzehnten Jahrhundert hätte man dich um dieser Stimme willen kastriert, dachte Theresa.
»Ich tät mich sehr freuen, wenn Sie noch mit zu Silvio kommen täten«, bat Kitty. Sie sah verheult aus, aber gefasst.
»Natürlich, Kitty, wir kommen sehr gerne.«
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