Ihr Blick traf sich mit dem Marias. Annabel fürchtete, sie könnte womöglich ihre Gedanken lesen.
Maria nickte ihr zu. »Wie war Ihr Tag?«
»Wir waren in Grosseto. Ich habe ein paar Sachen eingekauft. Keine sehr elegante Stadt.«
»Wo kaufen Sie denn ein?«
»In Mailand oder Rom. Weihnachten fliegen wir nach London oder New York.«
Sie plappert , dachte Maria.
»Konstantin hat mir seine alte Schule gezeigt. Ich war nicht auf einer staatlichen Schule.«
»Ach ja? Wo sind Sie zur Schule gegangen?«
»Ich war in einem Internat in der Schweiz.«
»Der Wahnsinn, hätte ich auch gerne gemacht«, sagte Frederico.
»Was hättest du auch gerne gemacht?«
Theresa hatte offenbar den letzten Satz ihres Sohnes gehört. Sie sah frisch und kühl aus. Ihr Kleid ließ Schultern und Rücken frei. Die leicht gebräunte Haut schimmerte im Kerzenlicht.
»Ich wäre gerne in einem schicken Internat zur Schule gegangen.«
Sie beugte sich über Frederico und küsste sein Haar. »Ich glaube, mein Schatz, du hättest furchtbar geweint, wenn wir dich weggeschickt hätten.«
Maria lachte leise. Frederico errötete tatsächlich. Theresa nahm zwischen Konstantin und Amalia Platz.
»Du siehst bezaubernd aus, meine Liebe.« Maxim prostete ihr zu.
»Danke.« Sie hob ihr Glas.
»Ja, Mama, du bist wie immer die Schönste«, bestätigte Konstantin.
Annabels Gesichtsausdruck ließ sich schwer deuten, bemerkte Maria schmunzelnd.
Maximilian schenkte sich ein weiteres Glas Wein ein.
Annabel griff nach Konstantins Arm und säuselte: »Du hast recht, Liebling, deine Mutter sieht noch sehr gut aus.«
Theresa hob eine Braue und riss ein Stück Foccacia entzwei. Sie hatte anscheinend das noch in Annabels Antwort gehört und verstanden.
»Konstantin«, sagte sie, »in Gegenwart anderer Frauen, solltest du auf solche Komplimente verzichten.«
»Aber, Mama, Annabel weiß, dass ich sie liebe, egal, wie sie …«
Oh mein Gott , Maria bemühte sich, ihre Heiterkeit zu unterdrücken.
»Wo habt ihr euch kennengelernt«, versuchte sie das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.
»In Mailand. Annabel hat dort Kunstgeschichte studiert.«
»Was hast du in Siena gemacht?« Maxim hatte, wie so oft, nicht zugehört. Aber in diesem Moment war sie ihm für die Unterbrechung dankbar.
»Ich habe mit Professor Donato gesprochen.«
»Bist du krank?«
»Nein«, sie lächelte, »aber wenn du dich erinnerst, hatte Raffael einen Unfall.«
Sie sah hinüber zu Frederico. Er biss sich auf die Lippe.
»Raffael liegt in einer Privatklinik?«
»Ja.« Theresa steckte sich eine Olive in den Mund.
»Er muss gut versichert sein«, sagte Maxim.
»Nein, mein Lieber, ist er nicht. Ich habe dafür gesorgt, dass er bei Donato behandelt wird.«
»Aha? Gibt es dafür einen Grund?«
»Allerdings.«
»Und?«
»Ich möchte das später mit dir besprechen, falls du nicht noch ausgehst.« Sie wandte sich ihrem jüngeren Sohn zu. »Ich wünsche, dass du dabei bist, Frederico.«
Oha! Wenn ihre Tochter diesen Ton anschlug, wurde es ernst. Maria legte ihre Serviette neben den Teller.
»Du weißt, wie ein Hengst reagiert, wenn er eine rossige Stute wittert. Für diesen Unfall bist du allein verantwortlich.«
Ja, er hätte dem Hengst nicht alleine die Stalltür öffnen dürfen. Aber es war nun mal passiert, und Raffael lebte ja noch. Den Stallmeister deswegen gleich in eine Privatklinik einweisen zu lassen …
»Hast du mich verstanden, Frederico?«
»Ja, Mama. Aber Raffael lebt ja noch.«
Theresas Augen wurden schmal. Sie richtete sich auf. »Zynismus steht dir nicht, mein Junge.«
Maxim stand vor dem kalten Kamin in der Bibliothek, beobachtete seine Frau und hörte ihre Vorwürfe.
Eine Löwin, die ein Junges zurechtweist, das zu weit gegangen ist, dachte er. Sie sollte nicht in diesem Ton mit Frederico sprechen.
Ich kenne dich nicht mehr, fuhr es Theresa durch den Kopf.
Sie machte sich wirklich Sorgen um ihren Sohn.
Er war kein kleiner Junge mehr, aber er benahm sich so. Mit neunzehn sollte er überlegter handeln.
Man konnte ihn nicht zwingen, das Gut zu übernehmen. Auch darüber würden sie sprechen müssen. Sie seufzte. Er war der Erbe, und sie war sicher, dass Maxim sich nichts mehr wünschte, als dass Frederico dieses Erbe annahm.
Nicht heute, entschied sie.
Vielleicht sollte sie das Gespräch darüber Maxim überlassen? Sie fand keinen Zugang mehr zu ihrem Sohn.
Sie wandte sich an ihren Mann. »Der Grund für meine Entscheidung, Raffael von Professor Donato behandeln zu lassen, ist, dass unser Sohn an diesem Unfall schuld ist.«
»Ja, das ist richtig, ich halte es trotzdem für etwas übertrieben«, sagte Maxim und sah auf seine Armbanduhr.
Theresa erhob sich, strich ihr Kleid mit einer Bewegung glatt, die selbstverständlich und aufreizend zugleich war. Sie ging zur Tür.
»Ich sehe, du willst noch ausgehen, Maxim. Wir sehen uns morgen.«
Einen Moment lang überlegte Maximilian, nicht mehr nach Grosseto zu fahren. Manchmal verstand er sich selbst nicht. Er verließ eine Frau, die er bewunderte, ja, liebte, um sich bei einer Schlampe zu beweisen. Sidonie war zwar eine attraktive Schlampe, aber eben auch nicht mehr. Seine Frau war eine elegante, intelligente … Theresa forderte ihn heraus. Sie war exquisit und anstrengend. Bei Sidonie konnte er sich gehen lassen.
Frederico sah erleichtert hinter seiner Mutter her. Für einen Moment hasste er sie. Sie wurde zu einer Fremden, wenn sie mit ihm in diesem Ton sprach, kühl und emotionslos. Lieber war ihm, wenn sie richtig böse wurde, damit konnte er besser umgehen.
Theresa sie musste sich beherrschen, die Tür nicht zuzuknallen. Wann hatte sie den Kontakt zu ihrem Kind verloren? Nein, dieses Gespräch war nicht sehr erfolgreich verlaufen. Maxim hatte nicht nur einmal auf die Uhr geschaut, und Frederico … hatte er tatsächlich gesagt »Er lebt ja noch«?
Sie war kurz davor gewesen, ihn zu schlagen.
Für einen Moment lehnte sie sich gegen die Wand und schloss die Augen.
Als sie Frederico hörte, erstarrte sie.
»Ich versteh Mama nicht. Sie übertreibt ihre Verantwortung. Muss man einen Pferdeburschen derart verwöhnen? Oder steckt da noch was anderes dahinter?« Ihr Sohn war scharfsichtiger, als ihr lieb sein konnte.
»Raffael ist nicht einfach ein Pferdebursche, er hat eine ausgezeichnete Ausbildung. Von Schafzucht bis Pferdehaltung hat er alles gelernt. Er könnte morgen den Betrieb hier übernehmen.«
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