»Du hast Sultan noch nicht verkauft?«
»Nein, Konstantin, der Kunde ist nicht erschienen, will aber in ein paar Tagen kommen. Bis dahin muss Sultan noch an die Kandare genommen werden.«
Der dunkelbraune Wallach war ein noch junges, sehr temperamentvolles Tier. Theresa hatte sich vorgenommen, ihn in den nächsten Tagen im Stall zu lassen und ihn jeden Tag zu reiten.
Sie sah Amalia und Konstantin davonreiten. Die Kleine hatte es tatsächlich geschafft, ihn von Annabel loszueisen. Sie fragte sich, wie sie das angestellt hatte.
Vielleicht sollte ich dich fragen, du scheinst geschickter als ich zu sein, dachte sie.
Aber dann schalt sie sich. Ihr Sohn war verliebt. Er wollte dieses Mädchen heiraten. Wenn sie Konstantin nicht verlieren wollte, sollte sie sich an den Gedanken gewöhnen und versuchen, Annabel besser kennenzulernen.
Sie stach mit der Mistgabel heftig in einen Haufen Stroh und verteilte ihn energisch in Sultans Box.
Amalia durfte Sultan reiten. Konstantin ritt die zierlichere Stute. Theresa fragte sich, ob sie das Richtige getan hatte, als sie es ihr erlaubt hatte. Aber Amalia war eine ausgezeichnete Reiterin, mit einem ausgeprägten Gefühl für Pferde. Sie hatte in den letzten Jahren praktisch jeden Tag auf einem Pferd gesessen, während Konstantin, seit er studierte, nur noch in den Ferien zum Reiten kam.
Bald würde er mit einem Team von Ärzten nach Afrika reisen, um eine Reportage zu schreiben. Was Annabel davon hielt, wusste Theresa nicht. Sie konnte sich die verwöhnte junge Frau nicht in einem Camp vorstellen.
Mit Allergien gegen Tierhaare und Migräneanfällen, dachte Theresa, wirst du nicht weit kommen.
Herrgott, sie klang schon wieder boshaft und ablehnend.
Da Raffael noch ausfiel, er hatte strikte Anweisung, sich zu schonen, wollte sie ihren Sohn fragen, ob er für einen täglichen Ausritt zur Verfügung stand. Mit dem Unterarm wischte sie sich Schweiß und Staub von der Stirn.
Ihr Gesicht glühte, was nicht nur an der Arbeit lag. Ihre Gedanken waren bei der letzten Nacht. Raffael hatte sie ohne Umstände an sich gezogen, den Verschluss ihres Kleides geöffnet und sie geküsst, als ob er sie verschlingen wollte.
Sie träumte nicht von anderen Ländern wie ihre Söhne. Ihre Welt hatte sich verengt auf dieses eine Zimmer, dieses eine Bett, diesen einen Mann. Die Mattigkeit danach in seiner sanften Umklammerung.
Theresa stellte die Mistgabel gegen die Wand und rief nach Berto.
»Signora?«
Sie schickte ihn auf die Weide. »Sieh nach, ob genug Wasser im Tank ist.«
Zu ärgerlich, dass die Pumpe nicht funktionierte.
»Bis die Pumpe repariert ist, müsst ihr die Tröge von Hand füllen.«
»Natürlich, Signora.«
»Und füll den Wassereimer für Sultan . Ich will ihn, bis der Käufer kommt, im Stall haben.«
»Si, Signora.«
Sie hörte ihn nach Luca rufen. Die Pferdeburschen bewohnten die Kammern am Ende des lang gezogenen Stalles. Sie sah auf die Uhr. In einer Stunde kämen ihre Reitschüler. Auf der Reitbahn vorm Stall warteten drei Pferde.
Ihr Handy gab einen Harfenton von sich. »Maxim?«
»Wartet heute nicht auf mich, ich komme erst morgen Abend zurück.«
»Gut.«
»Alles in Ordnung bei euch?«
»Ja. Amalia und Konstantin machen einen Ausritt, und Frederico nimmt die Gelegenheit wahr, seine zukünftige Schwägerin zu beeindrucken.«
»Höre ich da Zynismus?«
»Aber nein. Bis morgen, mein Lieber.«
Beinahe hätte sie ausgesprochen, was sie dachte. Frederico hatte viel von seinem Vater. Er musste es bei jeder Frau probieren.
Theresa steckte das Handy ein. Sie brauchte eine Dusche und wollte sich noch umziehen, bevor die Reitschüler auftauchten.
Amalia trieb Sultan an. Ein Blick über die Schulter sagte ihr, dass Konstantin hinter ihr zurückblieb. Sie hatte nicht umsonst darum gebeten, den Wallach reiten zu dürfen. Er war so viel schneller als Norma .
Konstantin ahnte, wohin seine Cousine wollte.
Der Fluss schlängelte sich silbern und flach durch die Landschaft. Die Ufer unbefestigt, wand er sich durch ein Tal, umgeben von Felsen und Laubbäumen, die ein Schatten spendendes Dach darüber bildeten. Sein Wasser war sauber, voller Fische und herrlich kühl. Aber sie würden lange unterwegs sein.
Jetzt zügelte sie Sultan und wartete auf Konstantin. Amalia strahlte über das ganze Gesicht. Ihre Augen blitzten. Als er fast bei ihr war, hörte er ein leises Schnalzen. Sultan gehorchte sofort und stob wieder davon.
»Na warte«, brummte Konstantin.
Sie hatte ihn hereingelegt, die kleine Hexe. Nun wusste er, warum sie unbedingt Sultan reiten wollte. Er musste lachen. Wie eine Sirene lockte sie ihn hinter sich her.
Jetzt ließ sie Sultan langsamer laufen, bis Konstantin aufschloss.
»Wir werden nicht vor dem Abend zurück sein, wenn du zum Fluss willst.«
Sie nickte eifrig. Er hatte sie durchschaut.
»Wir werden verhungern und verdursten«, rief er.
Amalia schüttelte den Kopf und deutete mit einer vagen Bewegung zu ihrer Satteltasche.
Er ergab sich. Konstantin zügelte Norma und zückte sein Handy. Sultan verfiel in einen langsamen Trab, während Konstantin Annabels Nummer wählte. Kein Netz, verdammt! Er würde es später versuchen.
Dann hatte Konstantin diesen verzauberten Nachmittag genossen und vergessen, bei Annabel anzurufen. Er hatte mit Amalia gelacht und in ihrer Geheimsprache mit Händen und Füßen geredet. Sie hatten sich ausgezogen, um im Fluss zu schwimmen. Er war wieder der große Bruder, der sie wie vor Jahren, als sie klein, hilflos und stumm in dem großen fremden Haus in der Maremma gestanden hatte. Der Bruder, der ihr die Furcht vor den Pferden genommen und das Schwimmen im See beigebracht hatte.
»Du bist schwerer geworden.«
Er stöhnte, als er sie Huckepack ans Ufer trug. Sie rollten lachend ins Gras. Unter dem Baum, an dem die Pferde angebunden waren, aßen sie die Köstlichkeiten, die Maja für sie eingepackt hatte. Die Wasserflaschen kühlten im Fluss.
»Wie war euer Tag?« Maria blickte zu Konstantin und Annabel hinüber.
Konstantin legte seine Hand über die Annabels. Amalia, die zwischen Theresa und Konstantin saß, machte ein sehr zufriedenes Gesicht. Sie hob strahlend beide Fäuste mit dem Daumen nach oben.
»Es war ein wunderschöner Ausflug. Allerdings«, fügte Konstantin hinzu, »hat er länger als geplant gedauert. Milou hat mich reingelegt.« Er lächelte.
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