Der Gang ins Ristorante nach dem Trauergottesdienst.
Das kleine Gasthaus hieß zwar nach seinem Besitzer Silvio, aber die wahre Herrin war Aurelia, seine Frau. Eine rassige, wilde Schöne, die ihren Mann fest im Griff hatte. Es hieß, dass sie ihren Gästen nicht nur Speise und Trank anbot, sondern gelegentlich auch sich selbst. Jetzt knallte sie Raffael ein Glas mit solcher Wucht vor die Nase, dass der Wein herausspritzte. Sie zischte ihm etwas zu und wandte sich wütend ab. Raffael wischte sich ungerührt den Wein vom Hemd. Theresa fragte sich, was er mit Aurelia zu schaffen hatte.
»Ich muss noch zu den Schafen raus«, flüsterte Maxim, »und zur Molkerei.« Theresa nickte. »Ich weiß. Wir werden nicht länger als eine Stunde bleiben.«
Maximilian würde mindestens zwei Tage weg sein. Sie sah hinüber zu Raffael. Amalia saß bei ihm und hielt ihm ihr Tablet entgegen. Raffael las und lachte. Dann sagte er etwas zu dem Mädchen.
Theresa erschauerte.
Unschicklich, dachte sie, beim Leichenschmaus ein derart ungezügeltes körperliches Verlangen zu spüren.
Heute Nacht würde sie bei ihm liegen.
Konstantin war gegangen, um, wie er sagte, nach Annabel zu sehen. Theresa erhob sich. »Kommst du?«, fragte sie Maxim über die Schulter.
Er erhob sich ebenfalls. Sie drückten Kitty und ihrem Großvater die Hand.
»Kitty, nehmen Sie sich Zeit. Kommen Sie erst wieder, wenn es Ihnen besser geht.«
»Ja, Signora, danke, Signore.«
Maxim machte keinen Versuch, ihren Arm zu nehmen, als sie den schmalen Weg aufwärts stiegen.
Vor ein paar Jahren hättest du es noch getan, dachte Theresa.
Sie ging etwas langsamer und hakte sich bei ihrem Mann ein. »Musst du wirklich heute noch fahren, mein Lieber?«
Schotter und Kies knirschten bei jedem ihrer Schritte.
»Meine Schuhe sind ruiniert, wir hätten nicht diesen Weg nehmen sollen.«
Der Weg führte schattig und steil zwischen Wiesen mit Olivenbäumen vom Dorf bis zu ihrem Haus.
Er schnaufte. »Wir hätten fahren sollen bei dieser Hitze.«
»Ein bisschen Sport kann dir nicht schaden.«
»Theresa, ich bin ein alter Mann.«
»Ich weiß.« Sie lachte hell auf. »Das sagst du immer, wenn dir etwas unbequem ist.«
Zwei Stunden später war Maximilian auf dem Weg zur Molkerei. Am Abend verabschiedeten sich Konstantin, Annabel und Frederico.
»Wir fahren nach Florenz«, sagte Frederico. »Annabel soll dort das Nachtleben kennenlernen.«
Überraschend schnell hatte sich die junge Frau von ihrer Migräne erholt.
»Es freut mich, dass es Ihnen wieder gut geht, Annabel.«
Vor ein paar Stunden musste Konstantin dich noch auf dein Zimmer bringen, dachte Theresa amüsiert und ärgerlich zugleich.
Diese raffinierte kleine Person hatte ihren Sohn voll im Griff, erkannte sie, nicht ohne eine Spur von Bewunderung.
Theresa entledigte sich der Trauerkleidung, duschte und wählte ein rückenfreies weißes Sommerkleid, das nur im Nacken gehalten wurde.
Als sie das Haus verließ, hörte sie die ersten Töne eines der »Lieder ohne Worte« von Felix Mendelssohn . Maria variierte das Thema. Die Töne schwebten in die Nacht hinaus und begleiteten Theresa ein Stück weit.
Madame Durands Blicke begleiteten sie ebenfalls. Sie stand im Zimmer ihres Zöglings am Fenster.
»Theresa besucht Raffael.«
»Vielleicht geht sie zum Stall.«
»Nicht in einem weißen Kleid«, gebärdete Amalia.
So jung und so schlau, dachte Madame.
»Kann man zwei Männer lieben?«
»Ich glaube schon.«
»Ich könnte das nicht!«
»Wir werden sehen, mein Kind.«
Madame strich Amalia über die kurzen Locken. Sie ging zur Tür. Dort wandte sie sich noch einmal um.
»Amalia, Annabel hat nun genug gelitten, ab morgen wirst du dich zu den Mahlzeiten wieder umziehen.«
Amalias Mund verzog sich zu einem spitzbübischen Lächeln.
Amalia nahm Annabel inzwischen hin, wie man eine Topfpflanze akzeptierte. Sie übersah sie einfach. Aber nachdem Annabel unvorsichtigerweise von ihrer ausgeprägten Allergie gegen Pferdehaare gesprochen hatte, war ihre Stunde gekommen. Amalia kam grundsätzlich gerade aus dem Stall, wenn sie sich zu Tisch begaben, und war nicht dazu zu bewegen, sich umzuziehen oder die Hände zu waschen. Annabel sah gleich viel weniger hübsch aus mit roter Nase und geschwollenen Lidern.
»Es ist Zeit fürs Bett. Schlaf gut, Amalia.«
Sie schloss die Tür hinter sich. Madame lächelte, das Mädchen entwickelte sich zu einer raffinierten jungen Frau. Und sie wusste genau, was sie wollte.
Amalia kroch ins Bett und nahm ein Buch vom Nachttisch, aber sie las nicht. Sie dachte an Konstantin.
»Hast du mir was mitgebracht?« Amalia hatte auf ihr Tablet gezeigt.
Konstantin hatte gelacht. »Nein, daran habe ich nicht gedacht.«
Ihr hübscher Mund hatte sich verzogen.
»Hast du denn einen Wunsch?«
»Oh, ja.«, schrieb sie. Augenaufschlag.
»Sag schon, vielleicht kann ich ihn dir erfüllen.«
Sie hatte den Augenaufschlag vor dem Spiegel geübt und sich das Gespräch in allen Einzelheiten vorgestellt. Sie musste nur ein paar Minuten mit ihm allein sein.
Der Moment war gekommen, als er zum Frühstück erschien. Annabel stand nicht vor Mittag auf. Konstantin war, wie Amalia, ein Frühaufsteher.
»Also«, er nahm einen Schluck Kaffee, »was ist es?«
» Ich wünsche mir …« schrieb sie.
»Ja?«
»Ich wünsche mir einen Tag mit dir.«
»Aber ich bin doch hier.« Er sah sie erstaunt und fragend an.
Mein kleiner Milou wird langsam erwachsen, dachte er.
Sie war in die Höhe geschossen im letzten halben Jahr. Trotzdem war sie noch so entzückend kindlich, wie er sie in Erinnerung hatte.
»Das ist nicht wie früher.« Amalia schob ihm das Tablet hin und sah ihn an. »Du bist nicht alleine hier, immer ist Annabel bei dir.«
Er sah sich um. »Und wo ist sie jetzt? Ich kann sie nicht sehen.«
Seine Cousine ging nicht auf seinen Spott ein. Sie starrte ihn immer noch fragend an. Dann schrieb sie: » Schenkst du mir einen Tag?«
Er dachte nach. »Ich schenke dir einen Ausritt, nur wir beide, versprochen.«
Amalia lächelte und überlegte, wie sie den Ausritt verlängern könnte.
Amalia und Konstantin hatten den kleinen Hengst und Luna , seine Mutter, auf der Weide besucht und danach Norma und Sultan gesattelt.
»Nehmt Norma und Sultan «, hatte Theresa gebeten. »Die beiden verwildern auf der Weide. Es ist gut, wenn sie geritten werden.«
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